Brennpunkt

"Vertrauen kommt zu Fuß und geht zu Pferd"

Nach den Transplantationsskandalen wollen in Deutschland noch weniger Menschen als bisher ihre Organe nach dem Tod Kranken überlassen. Warum man trotzdem Spender sein sollte, erklärt Dr. Axel Rahmel, medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO).

DSO

Gespräch mit den Angehörigen. DSO
Weil jede Sekunde zählt, werden die Organe werden per Flugzeug transportiert. DSO

Die Bundesregierung hat nach dem Transplantationsskandal vor zwei Jahren die Kontrollen für die Vergabe von Spenderorganen verschärft. Reichen diese Regelungen aus - auch vor dem Hintergrund der jüngsten Manipulationsvorwürfe in Berlin? 

Dr. Axel Rahmel: Zunächst einmal ist festzustellen, dass diese aktuell an die Staatsanwaltschaft gemeldeten Fälle in der Vergangenheit liegen. Sie sind nicht unter den neu eingeführten Kontrollen aufgetreten, sondern durch sie aufgefallen und werden derzeit noch abschließend geprüft. Somit sind diese jüngsten Manipulationsvorwürfe eher ein Hinweis darauf, dass die Maßnahmen der Politik und der Bundesärztekammer greifen.

Während hierzulande die Entscheidungslösung für Organspenden gilt, gibt es in anderen Ländern die Widerspruchslösung. Wo liegen die Unterschiede?

Bei der Widerspruchslösung wird erwartet, dass jeder, der eine Organspende für sich ablehnt, zu Lebzeiten seinen Widerspruch dokumentiert. Wer einen solchen Widerspruch nicht dokumentiert, gilt als Organspender.

In Deutschland ist eine Organspende hingegen nur nach einer ausdrücklichen Zustimmung zu Lebzeiten oder im Todesfall durch die Angehörigen möglich. Ich sehe in der Entscheidungslösung einen guten Weg - gerade auch im Rahmen der Aufgabe der DSO. Wir sind dafür zuständig, den Wunsch der Verstorbenen umzusetzen. Wenn es der Wunsch des Verstorbenen war, Organe zu spenden und so den Patienten auf der Warteliste, die dringend auf ein Spenderorgan hoffen, zu helfen, dann ist es unsere Aufgabe, diesen Wunsch verantwortungsvoll umzusetzen.

Die Entscheidungslösung gibt regelmäßig einen Anstoß zur Auseinandersetzung mit dem Thema. Aus meiner Sicht führt der Weg zur Organspende nur über die Aufklärung durch umfassende und sachliche Informationsangebote. Denn die Erfahrung zeigt: Je besser man über die Organspende aufgeklärt ist, umso eher ist man bereit, Organspender zu werden.

Es gab nach dem Skandal 2012 einen massiven Vertrauensverlust. Wie hat sich seitdem die Zahl der Organspender entwickelt?

Die Zahl der Organspender ist in den Jahren 2012 und 2013 in bisher ungekanntem Maße zurückgegangen. Im Jahr 2013 haben 876 Menschen Organe gespendet, im Vorjahr waren es noch 16 Prozent mehr - eine dramatische Entwicklung. Ich möchte aber betonen, dass wir die Gründe für den Rückgang der Organspendezahlen nicht allein im Vertrauensverlust der Bürger sehen. So war die Zustimmungsrate in den uns bekannten Gesprächen bei möglichen Organspendern zwar vorübergehend zurückgegangen, ist jetzt aber wieder auf dem alten Niveau angelangt.

Von Bedeutung kann auch ein Vertrauensverlust bei den Mitarbeitern der Kliniken sein. Aber auch ganz andere Faktoren können eine Rolle spielen, zum Beispiel geänderte Behandlungsstrategien von Patienten mit schwerer Hirnschädigung. Zusammen mit den Krankenhäusern arbeitet die DSO deshalb im Moment an einer Analyse der Todesfälle auf den Intensivstationen, um ein umfassendes Bild für die Ursachen des Rückgangs der Organspende zu bekommen.

Wie lässt sich das Vertrauen der Bürger - auch durch die neuen gesetzlichen Regelungen - wieder zurückgewinnen?

Es gibt ein niederländisches Sprichwort: "Vertrauen kommt zu Fuß und geht zu Pferd." Es ist einfach, Vertrauen zu zerstören und schwierig, es wieder aufzubauen. Nach Bekanntwerden der Manipulationen wurde schnell gehandelt: Das Transplantationsgesetz wurde angepasst, die Kontrollen zur Aufnahme auf die Warteliste erweitert. Deshalb können wir nur appellieren, sich umfassend über Organspende und die umgesetzten Maßnahmen zu informieren und auf dieser Grundlage eine Entscheidung zu treffen. Die Organspende hat an Wert nicht verloren und rettet nach wie vor Leben.

Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag festgelegt, ein Transplantationsregister einzurichten. Welche Vorteile wird das bringen?

In dem Transplantationsregister sollen umfassende Daten der Transplantation zusammengeführt werden: Wie ist der Zugang zur Warteliste, wie werden die Organe verteilt, wie sind die Ergebnisse nach der Transplantation? Wir haben in der Öffentlichkeit eine Debatte über diese Fragen, und wenn diese Daten vorliegen, können fundierte Antworten gegeben werden.

So können die Daten helfen, die Verteilungsregeln weiter zu verbessern. Aber nicht nur das. Wir können damit eine bessere Vergleichbarkeit herstellen, Daten transparenter machen und so langfristig die Qualität der Organspende und Transplantation verbessern.

Dr. med. Axel Rahmel ist medizinischer Vorstand in der DSO. | DSO

Die Fragen stellte unser gesundheitspolitische Fachjournalist Otmar Müller.

Am 1. November erscheint in den zm eine große Titelgeschichte zum Thema Organspende.

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