Brennpunkt

Vier-Punkte-Plan für Prävention

Diabetes, Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Eine Allianz aus Organisationen und Verbänden hat einen Vier-Punkte-Plan vorgelegt, um die Ausbreitung der sogenannten nicht übertragbaren Krankheiten zu stoppen. Vor allem an Schulen und Kitas soll sich etwas ändern.

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"Als Typ-1-Diabetiker hatte ich nie eine Wahl. Ich muss mit der Erkrankung leben, da meine Bauchspeicheldrüse irreparabel ihre Insulinproduktion eingestellt hat. Als Typ-2-Diabetiker habe ich die Wahl. Ich kann aktiv etwas gegen meinen Zuckerkrankheit unternehmen: durch mehr Bewegung und Änderung des Essverhaltens. [...] Da viele den inneren Schweinehund nicht überwinden können, etwas an ihrem ungesunden Lebensstil zu ändern, ist die Politik gefordert, Rahmenbedingungen so zu verändern, dass ein gesunder Lebensstil von Anfang an gefördert und erleichtert wird", sagte Matthias Steiner (Mitte), Olympiasieger im Gewichtheben, Typ-1-Diabetiker und Autor. Deutsche Diabetes Gesellschaft/Birgit Steinmetz
"Die Interheart-Studie 2004, die fast 30.000 Patienten in 52 Ländern untersuchte, kam zu dem Ergebnis, dass 90 Prozent aller Infarkte durch einen ungesunden Lebensstil erklärt werden können, bei Männern und bei Frauen. [...] Ein gesunder Lebensstil kann deshalb nicht früh genug beginnen, am besten noch vor der Geburt im Mutterleib. Wer erst im mittleren Alter damit anfängt und jahrelang ungesund lebt, manövriert sich in die Risikokrankheiten, die zu koronaren Herzkrankheit und Herzinfarkt führen", sagte Prof. Dr. med. Dietrich Andresen, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung. Deutsche Diabetes Gesellschaft/Birgit Steinmetz
"Es macht mich wütend, dass ich jetzt 30 Jahre dasselbe predige - und nichts tut sich. Wir brauchen nicht mehr kleine Projekte. Wir brauchen ein Umdenken. Deswegen finde ich es toll, dass sich so viele Organisationen zusammengeschlossen haben. [...] Weil ein gesundes Selbstvertrauen, Neugier und Freude die besten Garanten für ein glückliches und gesundes Leben sind, ist es höchste Zeit, dass die Mediziner, Pädagogen und Erzieher moderne und praxiserprobte Konzepte an die Hand bekommen. Glück ist gesund und ansteckend. Unglück führt zu Übergewicht, Bewegungsmangel und Depression. Unglück können wir uns nicht länger leisten", sagte Dr. med. Eckart von Hirschhausen, Arzt, Moderator, Komiker und Autor. Deutsche Diabetes Gesellschaft/Birgit Steinmetz
"Wir müssen wegkommen von der "Projektitis" der bisherigen Präventionspolitik hin zu nachhaltigen Lösungen, die in gesellschaftlichen Regelstrukturen verankert sind und daher alle Menschen erreichen - nicht nur die, die sowieso schon überzeugt sind. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel hin zu Verhältnisprävention, welche für alle Menschen eine Umwelt schafft, die einen gesunden Lebensstil fördert", sagte Dr. Dietrich Garlichs (zweite Person v.l.n.r.) Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Deutsche Diabetes Gesellschaft/Birgit Steinmetz
"Das Risiko, an Krebs zu erkranken, nimmt mit ansteigendem Körpergewicht zu. [...] Es ist wichtig, bereits bei Kindern eine gesunde Lebensweise zu fördern und somit extreme Gewichtszunahme von vornherein zu verhindern. Dies ist insbesondere von Bedeutung, da die Anzahl von Fettzellen im Menschen bis etwa zum achten oder neunten Lebensjahr festgelegt wird und im Erwachsenenalter erhalten bleibt. Daher muss die Krebsprävention bereits im Kindesalter stattfinden", sagte Dr. med. Martina Pötschke-Langer (Mitte), Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Deutsche Diabetes Gesellschaft/Birgit Steinmetz

Bluthochdruck, Schlaganfall, Typ-2-Diabtes, Krebs, Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankungen: Schon längst haben sich diese chronischen Leiden zu Volkskrankheiten entwickelt. Laut Weltgesundheitsorganisation verursachen sie in Europa bereits 86 Prozent der vorzeitigen Todesfälle und 77 Prozent der Krankheitslast. Infektionskrankheiten spielen demgegenüber kaum eine Rolle.

Problem Couchpotato

Die Ursachen sind bekannt: ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel, Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum. Appelle an die Vernunft des Einzelnen seien gescheitert, sagte Dr. Dietrich Garlichs, Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft in Berlin, "sie haben den Tsunami der chronischen Krankheiten nicht aufhalten können".

Gemeinsam in einer Deutschen Allianz gegen Nichtübertragbare Krankheiten (NCD Allianz) fordern die Bündnispartner jetzt neue Lösungsansätze, die auch bildungsferne Schichten erreichen, bei denen die bisherige Präventionsarbeit meist nicht ankommt. "Wir müssen weg von vielen Einzelmaßnahmen, die nur wenige erreichen", sagte Garlichs. Die Allianz fordert von der Politik deshalb strukturelle Änderungen und hat einen Vier-Punkte-Plan aufgestellt: 

1. Täglich mindestens eine Stunde Sport in Kita und Schule: Der Lebensstil wird in jungen Jahren geprägt. Täglich 60 bis 90 Minuten moderate Aktivität wie Spazierengehen oder Fahrrad fahren reicht laut NCD-Allianz aus, um den Energieverbrauch der Kinder um rund zehn Prozent zu steigern und damit eine Gewichtszunahme zu verhindern.

2. Zucker- und Fettsteuer auf ungesunde Lebensmittel: Der Lebensmittelpreis kann das Verbraucherverhalten stark beeinflussen, sagt die Allianz. Wenn in Lebensmitteln ein bestimmter Anteil an Fett, Zucker oder Salz überschritten wird, sollten sie durch eine Steuer verteuert werden.

3. Qualitätsstandards für Kita- und Schulverpflegung: Nachmittagsunterricht und Ganztagsschulen machen Bildungseinrichtungen immer mehr zum zentralen Lebensraum von Kindern und Jugendlichen. Die Schulverpflegung spiele daher eine zentrale Rolle in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und müsse deshalb unter verbindliche Standards gesetzt werden, fordern die Mediziner.

4. Verbot von Lebensmittelwerbung, die sich an Kinder richtet: Werbung für Süßwaren wie stark zuckerhaltige Frühstücksmüslis, Milchprodukte und Softdrinks sowie fett- und salzreiche Knabberwaren fördern ungesundes Essverhalten, so die NCD-Allianz. Kinder könnten Werbebotschaften als solche nicht erkennen. Freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie hätten sich zudem als wirkungslos erwiesen.

Die vier Maßnahmen werden auch von der Weltgesundheitsorganisation im Globalen Aktionsplan gegen nicht übertragbare Krankheiten 2013 bis 2020 empfohlen. Mit der politischen Deklaration des ersten UN-Gipfels zur Prävention und Kontrolle nicht übertragbarer Krankheiten 2011 und der Annahme des globalen NCD-Aktionsplans bei der Weltgesundheitsversammlung 2013 ist Deutschland die Selbstverpflichtung eingegangen, die empfohlenen Politikstrategien umzusetzen. "Nun müssen die Verantwortlichen endlich handeln", fordert Garlichs.

Die Deutsche Allianz gegen Nichtübertragbare Krankheiten hat sich 2011 zusammengeschlossen, um gemeinsam den UN-Gipfel gegen die nicht übertragbaren Krankheiten zu begleiten und sich für nachhaltige Gesundheitsförderung in Deutschland, Europa und der Welt einzusetzen. Zu den 15 an der NCD-Allianz beteiligten Fachgesellschaften und Verbänden gehören unter anderem die Adipositas Gesellschaft, die Herzstiftung, die Krebsgesellschaft, der Hausärzteverband und das Krebsforschungszentrum.

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