Brennpunkt

Was bringt die zahnärztliche Frühprävention?

Zahnärzte aus Hannover haben untersucht, ob die zahnärztliche Gesundheitsfrühförderung die Mundgesundheit bei Müttern und Kindern verbessert. Dafür bekamen sie jetzt den 1. Wrigley-Prophylaxe-Preis, Kategorie "Wissenschaft".

Hüsamettin Günay

Die “zahnärztliche Gesundheitsfrühförderung“ ist ein systematisches Frühpräventionskonzept, das in den 90er Jahren an der Medizinischen Hochschule Hannover entwickelt wurde. Das Kon­zept umfasst sowohl eine zahnärztliche Betreuung vor und während der Schwangerschaft, als auch der Mutter und Kleinkinder bis zum dritten  Lebensjahr.

Je früher, desto besser

Erfolgt keine pränatale Betreuung, kann das Konzept auch postnatal ansetzen, das heißt, die präventiven Maßnahmen können in jeder Phase begonnen wer­den. Aber je früher die Förderung beginnt, desto nachhaltiger ist die Wirkung.

Ziel ist, durch die Verbesserung der mütterlichen Zahn- und Mundgesundheit Karies, Parodontitis und Folgeerkrankungen bei der Mutter und dem Kind zu vermeiden und somit langfristig zur oralen und allgemeinen Gesundheit der Kinder beizutragen.

Untersuchen, aufklären und behandeln

Die einzelnen zahnärztlichen Termine (S1 und S2 in der Schwangerschaft, PS1/UZ1, PS2/UZ2, PS3/UZ3 nach der Geburt) umfassen eine Untersuchung (Zahn-, Parodontal- und Schleimhautbefund, Evaluation der Risikofaktoren), die risikoorientierte Aufklärung (wie Karies, Parodontitis, Infektionswege, Ernährungsberatung) sowie die Behandlung (Keimreduktion im Sinne eines „Gesamt-Mund-Therapie“-Konzepts) der Schwangeren beziehungsweise der Eltern.

Die Bestandteile des Frühpräventionskonzepts sind in Abbildung 1 dargestellt. Ab dem dritten Lebensjahr gehen die Termine aus dem Frühpräventionskonzept dann lückenlos in die kassenzahnärztliche Individualprophylaxe mit zahnärztlichen Früherkennungsuntersuchungen im Alter von drei bis sechs Jahren über (FU1 bis FU3).

Fünf Phasen

Die Effizienz des Konzepts konnte durch Langzeitergebnisse nach 19 Jahren bewiesen werden.
Die Langzeitstudie wurde in fünf Phasen unterteilt. Phase I beinhaltete die individualprophylaktische Betreuung während der Schwangerschaft (Primär-Primär-Prophylaxe), Phase II die der Mütter und Kinder bis zum dritten (Primär-Prophylaxe) und Phase III die der Mütter und Kinder bis zum sechsten  Lebensjahr. In Phase IV erfolgte die Untersuchung der Jugendlichen (13 bis 14 Jahre) und in Phase V die Untersuchung der jungen Erwachsenen (18 bis 19 Jahre).

Alle Phasen bestanden aus einer Untersuchung, Aufklärung (zum Beispiel über Mundhygiene) und der Behandlung, basierend auf dem Konzept der "zahnärztlichen Gesundheitsfrühförderung". Folgende klinischen Parameter wurden beurteilt: DMF-T / S, HI, PBI und PSI.

Erfolg auch für die Mütter

Bei allen Müttern konnte eine Verbesserung der Mundgesundheit festgestellt werden. Alle Kinder der Prophylaxegruppe hatten im Alter von drei  Jahren ein naturgesundes Gebiss und eine Streptococcus mutans-Besiedlung unterhalb der Nachweisgrenze. In der Kontrollgruppe wiesen dagegen nur 81,5 Prozent ein naturgesundes Gebiss auf (mittlerer dmf-s: 4,5).

In Phase III hatten in der Prophylaxegruppe 75 Prozent (mittlerer dmf-s: 3,7) ein naturgesundes Gebiss verglichen mit 50 Prozent (mittlerer dmf-s: 5,5) in der Kontrollgruppe. Die Jugendlichen der Prophylaxegruppe in Phase IV hatten zu 65,5 Prozent ein naturgesundes Gebiss (mittlerer DMF-S: 0,59). In der Kontrollgruppe wiesen dagegen nur 30 Prozent ein naturgesundes Gebiss auf (mittlerer DMF-S: 1,80).

Langhaltig kariesfrei

In Phase V zeigten die jungen Erwachsenen der Prophylaxegruppe zu 92,3 Prozent kariesfreie Gebisse (65,4 Prozent naturgesund; 26,9 Prozent kariesfrei mit Füllungen) und einen mittleren DMF-T von 1,3 ± 2,6. Die Kontrollgruppe hatte einen signifikant höheren mittleren DMF-T von 3,8 ± 3,2 (p <0,05) und zu 71,4 Prozent kariesfreie Gebisse (22,9 Prozent naturgesund, 48,5 Prozent kariesfrei mit Füllungen). Die Prophylaxegruppe zeigte einen signifikant geringeren PSI von 1,5 ± 0,7, verglichen mit der Kontrollgruppe (2,1 ± 0,4) (p <0,05).

Schwangere fühlen sich nicht gut informiert

Studien belegen, dass mehr als ein Drittel der Schwangeren während der Schwangerschaft nicht den Zahnarzt besuchen. Berücksichtigung findet die Zahn- und Mundgesundheit bei den Vorsorgeuntersuchungen der Schwangeren und den Früherkennungsuntersuchungen der (Klein-)Kinder momentan lediglich in Form mündlicher Kurzinformationen durch die betreuenden Gynäkologen oder Pädiater.

Viele Frauen fühlen sich während der Schwangerschaft bezüglich der Zahn- und Mundgesundheit zu wenig informiert. Damit das Konzept der zahnärztlichen Gesundheitsfrühförderung erfolgreich umgesetzt werden kann, ist eine engere interdisziplinäre Zusammenarbeit erforderlich.

Um eine optimale Betreuung von Mutter und Kleinkind zu gewährleisten, muss jede der beteiligten Berufsgrup­pen (Kinderärzte, Hausärzte, Gynäkologen, Hebammen und Zahn­ärzte) die möglichen Risiken oraler Er­krankungen erkennen und sich mit den präventiven Maßnahmen ausein­andersetzen. Diese Berufsgruppen (“Überweisungsmediatoren“) informieren und motivieren die Frauen vor, während und nach der Schwangerschaft sowie Mütter mit Kleinkindern, angebotene zahnärztliche Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen.

Ein Teil der allgemeinen Gesundheitsförderung

Damit eine Systematik gewähr­leistet ist, sollten zahnärztliche Vor­sorgeuntersuchungen während der Schwangerschaft und ab dem ersten Zahndurchbruch der Kinder im Mut­terpass und Kinderuntersuchungsheft verankert werden; gegebenenfalls könnte die fes­te Integration der zahnärztlichen Ge­sundheitsfrühförderung von den Krankenkassen mit einem Bonussystem als Anreiz für die Versi­cherten kombiniert werden. Die „zahnärztliche Gesundheitsfrühförderung“ ist ein Teil einer interdisziplinären allgemeinen Gesundheitsförderung.

Prof. Dr. Hüsamettin Günay
Arbeitsgruppe „Zahnärztliche Gesundheitsfrühförderung“
der Klinik für Zahnerhaltung, Parodontologie
und Präventive Zahnheilkunde
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover
Guenay.H@mh-hannover.de

 


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