Brennpunkt

Wenn dem Mann die Knochen brechen

Osteoporose entwickelt sich zur Volkskrankheit. Nicht nur Frauen, auch Männer sind betroffen.

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Die schleichende Knochenerkrankung Osteoporose ist heute das zweitwichtigste Gesundheitsproblem nach den Herz-Kreislauf-Leiden. Sie führt zu gefährlichen Knochenbrüchen, die nicht nur Schmerzen, sondern oft auch Pflegebedürftigkeit und nicht selten sogar den Tod zur Folge haben.

Lange Zeit haben sich die Ärzte fast ausschließlich mit der Osteoporose bei Frauen beschäftigt. Zu Unrecht: Knochenbrüche durch Osteoporose kommen bei Männern wesentlich häufiger vor als bisher angenommen. Das Risiko eines 50-jährigen Mannes für einen durch Knochenschwund bedingten Bruch wird heute auf bis zu 20 Prozent geschätzt und liegt damit höher als die Wahrscheinlichkeit von Prostatakrebs, berichtet der Schweizer Hormonexperte Priv.-Doz. Dr. Christoph Henzen im „Schweizerischen Medizin-Forum“.

Frauenproblem wird auch für Männer bedeutsamer

Da die Lebenserwartung der Menschen in westlichen Industrienationen deutlich steigt, wird das vermeintliche „Frauenproblem“ schwacher Knochen auch für Männer immer bedeutsamer. „Mit der Altersentwicklung der Bevölkerung wird sich die Inzidenz von Schenkelhalsfrakturen von Männern von 1990 bis 2015 verdoppeln“, rechnet der auf Endokrinologie und Diabetologie spezialisierte Chefarzt im Kantonspital Luzern vor.

Und als wäre das nicht schon schlimm genug: Wenn bei Männern die Knochen brechen, stehen ihre Chancen deutlich schlechter als die vom Knochenbruch betroffener Frauen. Sie müssen nach Knochenbrüchen länger im Krankenhaus liegen und sterben häufiger an der Verletzung. Henzen: „Die Mortalität  von Schenkelhalsfrakturen ist mit 20 Prozent bei über 75-jährigen Männern fast dreimal so hoch wie bei gleichaltrigen Frauen“. 

Osteoporose ist eine Krankheit des Knochenstoffwechsels. Es wird dabei mehr Knochenmasse abgebaut als gebildet. Die Knochen können porös werden und schon bei geringer Belastung oder einfachen Stürzen brechen. Am häufigsten sind die Wirbelkörper, der Oberschenkelknochen oder das Becken betroffen.

Es gibt einige Risikofaktoren, die bei der Entstehung einer Osteoporose bei beiden Geschlechtern gleichermaßen eine Rolle spielen: Eine genetische Veranlagung, Mangel an Bewegung, Rauchen und zu viel Alkohol können die Knochen ebenso schwächen wie eine Langzeitbehandlung mit hohen Dosen Kortison.

Dennoch entwickelt sich die Krankheit bei Männern deutlich anders als bei Frauen. Der Grund dafür liegt in den unterschiedlichen Sexualhormonen, die für das Wachstum und den Aufbau fester Knochen in der Jugend und auch für den Knochenabbau im Alter mitverantwortlich sind: So reifen Mädchen reifen schneller, das Wachstum ihrer Knochen ist schneller abgeschlossen als bei Jungen. Es dauert fünf bis acht Jahre länger bis bei Männern die maximale Knochendichte erreicht ist.

Östrogene sind die wichtigsten weiblichen Sexualhormone. Sie stabilisieren die Knochen und wirken dem Knochenabbau entgegen, solange sie im Körper in ausreichender Menge vorhanden sind. Ihre Produktion versiegt jedoch nach der Menopause ziemlich schnell, der Schutz der Knochen hört plötzlich auf.

Das Östrogen im Mann

Für die Stabilität der männlichen Knochen ist das Männerhormon Testosteron maßgebend. Der Abfall der männlichen Geschlechtshormone beginnt spät, geschieht außerdem langsamer und nicht so abrupt wie der Östrogenabfall im Klimakterium der Frau. Das Schwächerwerden der Knochen des Mannes läuft parallel mit dem kontinuierlichen altersabhängigen Abfall des Testosteronspiegels im Blut.

Hinzu kommt, dass auch im Körper von Männern zwar geringe, jedoch messbare Mengen von Östrogenen vorhanden sind. Henzen: „Der ältere Mann verfügt noch über einen doppelt so hohe Östrogenspiegel wie die postmenopausale Frau“. Deshalb komme es bei Männern typischerweise erst nach dem 70. Lebensjahr zu osteoporotischen Knochenbrüchen.

Die Produktion des Testosterons verringert sich allerdings bereits ab dem 30. Lebensjahr kontinuierlich um jährlich zwei bis drei Prozent. Im Alter über 60 Jahren haben bereits 20 bis 35 Prozent aller Männer einen ausgeprägten Mangel an Testosteron, in der Fachsprache Hypogonadismus genannt. Die Folge: Die körperliche Leistungsfähigkeit verschlechtert sich, Antrieb und Stimmung lassen nach, die Lust auf Sex nimmt ab. An der Entstehung der Osteoporose sei ein Hypogonadismus in vielen Fällen zumindest mitbeteiligt, so Henzen.

Bei der Diagnose eines Hypogonadismus können sich erfahrene Ärzte oft schon allein auf den Augenschein verlassen: Dem davon betroffenen Mann wachsen allmählich Brüste, der Bauch wird schwabbeliger, die Schamhaare wirken schütter und die Haut macht einen trockenen und spröden Eindruck. Geradezu typisch ist laut Henzen das Ausdünnen der seitlichen Augenbrauen. Zur definitiven Diagnose führt dann die laborchemische Untersuchung des Hormonspiegels.

Substitution und ihre Nachteile

Das fehlende Testosteron lässt sich heute auf unterschiedlichen Wegen substituieren, also ersetzen: Als Injektionslösung wird das Hormon alle zwei bis vier Wochen in den Gesäßmuskel gespritzt. Nachteil: Am Anfang steigt der Testosteronspiegel sprunghaft auf sehr hohe Werte an, später dagegen fallen die Hormonkonzentrationen ab. Auch eine tägliche Einnahme in Tablettenform ist möglich, ist jedoch ebenfalls mit einem Nachteil behaftet: 40 bis 80 Prozent des Hormons wandern schnurstracks in die Toilette.

Testosteronhaltige Pflaster werden als Reservoir auf die Haut aufgeklebt oder auf den Hodensack aufgebracht. Sie garantieren einen lang anhaltenden, gleichmäßigen physiologischen Testosteronspiegel. Der Nachteil: Hautreizungen sind möglich, die Sichtbarkeit der Pflaster wird von vielen Männern als störend empfunden. 

Als Alternative dazu dient ein Testosteron-Gel, das täglich in die Haut einmassiert werden muss. Weil aber Testosteron das Wachstum von Prostatakrebs fördern könnte, ist eine regelmäßige Untersuchung der Prostata während allen Formen der Hormonbehandlung unerlässlich.

Zur Behandlung der Knochenbrüchigkeit werden bei Frauen und Männern die gleichen Maßnahmen empfohlen. Eine gesunde Lebensführung mit sportlicher Betätigung und kalziumreicher Nahrung (wie auch Kalziumtabletten) wirkt vorbeugend, wird aber auch begleitend zur medikamentösen Therapie empfohlen. Der wichtigste Knochenbaustoff Kalzium ist in Lebensmitteln wie Milch, Käse, Broccoli, Grünkohl, Kohlrabi oder Nüssen enthalten.

Für die Aufnahme von Kalzium und für seinen Einbau in die Knochen ist das „Sonnenschein-Vitamin“ D unentbehrlich. Es wird durch UV-Licht in der Haut gebildet und ist vor allem in Fleisch, Leber und Fischölen enthalten, aber auch in Eigelb, Butter, Käse, Milch und Pflanzensamen. Allerdings nimmt mit dem Alter die Fähigkeit immer mehr ab, Vitamin D aufzunehmen und in der Haut zu bilden. Deshalb gilt für ältere Menschen mehr noch als für Junge: Hinaus an die frische Luft, so oft es geht, und immer wieder Sonne tanken.

Häufig wird die Krankheit bei Männern allerdings erst erkannt, wenn sie bereits weit fortgeschritten ist. Um der Gefahr weiterer Knochenbrüche vorzubeugen, gibt es bei Männern wie auch bei Frauen zwei Möglichkeiten der medikamentösen Behandlung: Bisphosphonate, Calcitonin, Denosumab und selektive Östrogenrezeptor-Modulatoren wirken über eine Hemmung des Knochenabbaus, die Substanz Teriparatid über eine Förderung des Knochenanbaus. Auf beiden Wegen kann das Frakturrisiko gesenkt werden.

Ausführliche Informationen über die Krankheit und ihrer Behandlung bei Frau und Mann gibt es beim "Dachverband deutschsprachiger Osteoporose Selbsthilfeverbände und patientenorientierter Osteoporose Organisationen e. V." (DOP). Mitglieder im DOP sind Nationale Osteoporose-Gesellschaften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Eine aktuelle Leitlinie der DOP für Patienten ist im Internet unter www.osteoporose-dop.org erhältlich.

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