Brennpunkt

"Wir sehen uns als Ideen- und Im­pulsgeber"

Zum ersten Mal steht eine Frau an der bundespolitischen Spitze eines zahnärztlichen Berufsverbandes. FVDZ-Chefin Dr. Kerstin Blaschke im Interview.

FVDZ

Welche Themen stehen für Sie als neue FVDZ-Bundesvorsitzende ganz oben auf der Agenda?

Kerstin Blaschke: Unser Kernthema ist die zukünftige Ausrichtung des deutschen Krankenversicherungs­systems. Wird das bestehende duale System weiterentwickelt oder werden die Weichen in Richtung Bürger­versicherung gestellt?

Diese Frage ist existenziell für unseren Berufs­stand, denn mit einer Zusammenführung der Krankenversicherungssysteme steht die reale Gefahr einer Vereinheitlichung der Honorierungssysteme im Raum. Dieser Schritt würde ei­nen direkten Eingriff in die freie und individuelle Vertragsgestaltung zwischen Zahnarzt und Patient bedeuten und das Ende der freien Berufsausübung einläuten.

Mit Blick auf die Honorierungssysteme steht auch die Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) weiter ganz oben auf unserer Tagesordnung. Die im Zuge der GOZ-Novellierung aus­gebliebene Punktwertanpassung war für die Zahnärzteschaft eine bittere Pille. Hier hat­ten wir definitiv mehr von der Politik erwartet. Im Interesse unserer Kollegen fordern wir hier Nachbesserungen, denn um wirtschaftlich arbeiten zu können, müssen zahnmedi­zinische Leistungen angemessen ver­gütet werden.

Ein anderes wichtiges Themenfeld ist der Fachkräftemangel, der in vielen Praxen schon sehr reale Formen angenommen hat. Um hier Lösungswege zu finden, werden wir un­sere Zusammenarbeit mit dem Verband medizinischer Fachberufe intensivieren. Wir müssen uns mit der Attraktivität der Ausbildungsberufe befassen und auch über die Problematik der Dele­gation und Substitution von Leistungen nachdenken.

Der demografische Wandel, der wachsende Pflegesektor und die Alterszahnheilkunde werden uns ebenfalls weiter beschäf­tigen. Die Gesellschaft wird älter und das hat auch für uns Zahnmediziner Konse­quenzen. Wir sind bereit, uns dieser Aufgabe zu stellen. Allerdings werden wir dem Verordnungsgeber auch verdeutlichen, dass diese Leistungen angemessen vergütet werden müssen! 

Besondere Bedeutung hat für die Zahnärzteschaft der Wandel des zahnärztlichen Be­rufsbildes. Der Nach­wuchs setzt andere Prioritäten als die Vorgänger-Generationen. Die jungen Kollegen sind nicht mehr bereit, Familie und Privatleben, der beruflichen Kar­riere zu opfern. Sie wollen beides miteinander verknüpfen. Als Vorsitzende des FVDZ sehe ich vor diesem Hinter­grund die Not­wendigkeit, den Begriff „Freiberuflichkeit“ neu zu diskutieren und an den neuen Rea­litä­ten der zahnärztlichen Arbeitswelt auszurichten.

Wo sehen Sie den FVDZ in der berufspolitischen Verbandslandschaft, speziell im Kräftefeld von Bundeszahnärztekammer und Kassenzahnärztlicher Bundes­vereinigung?

Wir haben es mit neuen Themen und attraktiven Angeboten in den letzten bei­den Jahren geschafft, zahlreiche neue Mitglieder für den Verband zu gewinnen. Dabei freuen wir uns besonders über das große Interesse der Studierenden. Wir haben unsere Mitgliederbasis auf ein neues Fundament gestellt und unsere Position als größter zahn­ärztlicher Berufsverband in der medizinischen Verbandslandschaft nachhaltig gestärkt. Aus dieser Position heraus setzen wir uns gemeinsam mit der Bundeszahnärztekam­mer, der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung und anderen medizinischen Berufs­verbänden für den Erhalt der Freiberuflichkeit ein.

Als Berufsverband treten wir für die Interessen unseres Berufsstandes ein. Im Gegen­satz zu den Körper­schaften beruht die Mitgliedschaft im FVDZ auf Freiwilligkeit. Als un­abhängige Interessenvertretung der Zahnärzteschaft sehen wir uns deshalb als Ideen- und Im­pulsgeber in Belangen rund um die Standespolitik.

Inwieweit verändert eine Frau an der Spitze die Denke und das Selbstverständ­nis des Verbandes?

Die Delegierten der Hauptversammlung haben sich als höchstes Gremium des FVDZ mit ihrem deutlichen Votum für eine politische Neuausrichtung des Freien Verbandes Deutscher Zahnärzte entschieden. Zusammen mit meinem Team stehe ich für einen offenen und kritischen Dialog und für eine Politik des Agierens (statt des Reagierens) im Interesse der Zahnärzteschaft.

Die Tat­sache, dass die Delegierten eine Frau an die Spitze des Verbandes gewählt ha­ben, spricht dabei aus meiner Sicht für einen modernen und lebendigen Verband.

Die Fragen stellte Claudia Kluckhuhn.
 
 

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