Praxisgründer

Die Kunst des Netzwerkens

Insbesondere in der Phase des Berufsstarts geht es nicht ohne gute und verlässliche Kontakte. Wo die eigenen Erfahrungen fehlen oder ein Wust unterschiedlicher Empfehlungen zu Verwirrung führt, helfen Netzwerke bei der Entscheidungsfindung. Von Chancen und Risiken des Networking.

Ein starkes Netzwerk hilft bei der Entscheidungsfindung. Stephen Coburn - Fotolia

Vorab eine Warnung, quasi der „Beipackzettel“ zum Thema: Wie nutzt man Netzwerke? Kritisch. Denn Netzwerke sind auch nicht besser als man selbst. So, wie man selbst normalerweise Tipps aufgrund seiner eigenen Persönlichkeit und seiner Wertephilosophie erteilt, geben auch andere ihre Empfehlungen ab oder haben vielleicht eigene Interessen. Das kann, muss aber nicht zu einem passen – also Vorsicht, auch bei Kritik an den eigenen Plänen. Auf Facebook und YouTube kursiert gerade ein Video, das große Zeitgeister vorstellt, denen in ihrer Jugend von „Experten“ ein künftiges Versagen prophezeit wurde: Albert Einstein, Steve Jobs und viele andere. Sie haben es trotz der negativen Expertenmeinung geschafft. Jeder im eigenen Netzwerk ist also immer nur eine Facette, die den eigenen Zielen, Plänen und Wünschen eine weitere Farbe hinzufügt – und nicht die Autobahn zum Erfolg. Alle Netzwerk-Partner sind dennoch kleine Entscheidungshilfe-Assistenten. Auch eine unpassende Empfehlung ist nicht nutzlos: In der Medizin heißt das „Ausschluss-Diagnostik“ und hat insofern einen klärenden Wert.

Andere Perspektiven sammeln

Ein gutes Netzwerk trägt zur Meinungsbildung bei und ist insofern notwendig – heute mehr denn je. Anders als zu Gründerzeiten der Mütter und Väter in den Zahnarztpraxen ist das Spektrum aller Möglichkeiten inzwischen um ein Vielfaches größer. Und das macht, wie Studien immer wieder bestätigen, das Leben keineswegs leichter. Ganz im Gegenteil. Ständig muss man irgendwelche Entscheidungen treffen – kleinere („Will ich bunte Wasserbecher oder weiße?“) und große („Wann ist der beste Zeitpunkt für meine Praxisgründung?“). Selbst wenn man aus einer Zahnarztfamilie stammt, ist die Entscheidungsfindung nicht automatisch einfacher: Zahnarzt-Eltern (und nicht nur diese) sind oft in ihrer Erfahrungswelt verwurzelt und betrachten die Fragen aus einer anderen Perspektive als der junge Mensch. Sicher zumeist aus liebevoller Perspektive. Sie muss aber nicht immer weiterbringen.

Beispiel: Die Zahnarzt-Eltern gehen davon aus, dass der Nachwuchs die Praxis einmal übernimmt. Das kann passen – muss aber nicht. Es gibt wunderbare Praxis-Familien-Geschichten – aber auch höllische. Was können hier Netzwerke leisten? Sie können Erfahrungswissen vermitteln: Was ist gut und was schlecht gelaufen – und warum. Das hilft bei der eigenen Positionierung. So muss man Fehler anderer nicht noch einmal selbst durchmachen.

Präzise Fragen

Nicht nur Zeit ist begrenzt, sondern auch der Kommunikationsraum, die Menge an Kontakten, mit denen man sinnvoll „arbeiten“ kann. Gerade wenn sich die eigene Praxis im Aufbau befindet, fließt viel Energie ins Management des eigenen Ichs und der Positionierung zu dieser oder jener Herausforderung. Da sollte das Netzwerken einer gewissen Effizienz folgen. Diese beginnt mit einer möglichst klaren Fragestellung. Ein „Soll ich mich niederlassen, was meint ihr?“ ist in Sozialen Netzwerken meist eine Einladung zum Schwafeln. Besser aufgehoben ist diese Frage bei analogen Treffen mit wirklich guten Freunden und ausreichend Zeit. Sinnvoller wäre bei einer Befragung des Online-Netzwerks eine möglichst präzise Formulierung: „Ich plane eine Existenzgründung und will klein starten – mich aber später möglicherweise vergrößern. Was muss ich bei der Praxiswahl beachten?“ Oder: „Ich plane die Anschaffung einer gebrauchten Einheit. Hat jemand Erfahrung?“ Eng gefasste Fragestellungen führen in der Regel zu nützlichen Antworten.

In diese Kategorie gehört auch das Erkunden hilfreicher Fortbildungsangebote. Auch hier werden die Antworten relevanter, wenn die Fragestellung überlegt und profund ist. Zu allgemein ist: „Wer kann ein gutes Implantologie-Curriculum empfehlen?“ Besser: „Ich möchte ein Implantologie-Curriculum mit vielen praktischen Übungen besuchen. Ich interessiere mich für Chirurgie und Weichgewebe. Was würdet ihr empfehlen und warum? Was eher nicht?“ Bei derart konkreten Fragen fallen die üblichen „Schnellschüsse“ meist weg und die Essenz ist präziser.

Wertvolle Erfahrungen

Ein anderes typisches Netzwerkthema: Praxisgründung ohne hohes Investment. Seine Netzwerkkreise kann man dazu in Schritten befragen. Zuerst: „Ich plane eine Praxisneugründung in einer Kleinstadt in NRW und will nicht mehr als 250.000 Euro ausgeben – ist das realistisch?“ In Phase zwei vielleicht: „Ich habe mich für eine BAG entschieden – zwei weitere Kollegen wären super. Was sind eure Erfahrungen: Die beste Freundin und Kollegin (den besten Freund und Kollegen) mit rein nehmen oder nach anderen Kriterien auswählen?“ Manche Praxen, bei denen sich die Gründer/innen schon im Studium kennenlernten, laufen sehr gut. Andere scheitern mit persönlichen Verletzungen und unangenehmen Terminen vor Gericht. Das kennen alle – entsprechende Erfahrungen helfen weiter.

Digitales Netzwerken

Was ist nun ein „gutes Netzwerk“? Es besteht aus vielen Teilen – analogen und digitalen –, die unterschiedliche Aspekte abdecken. Beginnen wir mit den digitalen, da man beim Thema Netzwerke zuerst an Social Media & Co denkt – wiewohl die analogen Möglichkeiten zu Unrecht etwas in den Schatten gerutscht sind. Bei den digitalen Netzwerken wären spezialisierte Mailgroups zu nennen oder eben Facebook. Es gibt viele weitere, XING beispielsweise, deren Nutzen als Kommunikationstools aber begrenzt sind. Foren, die eher Zeigecharakter haben als Diskussions-Charakter, sind eher in der äußeren Satellitenumlaufbahn nützlich. Solche, wo man Fragen stellen kann und Antworten bekommt, die über 150 Buchstaben hinausgehen, gehören in die innere Kommunikations-Umlaufbahn. Mailgroups mit vielen Teilnehmern aus gemischten Altersklassen und Facebook-Gruppen sind insofern nützliche Tools. Jedenfalls, wenn man sich nicht in zeitfressende Plappereien oder ego-betonte Selbstdarstellungen ziehen lässt. Man muss nicht dauernd liken und mitlaufen – man kann die „Schwarmintelligenz“ auch gezielt anzapfen und den Rest durchlaufen lassen.

Blogs und Gruppen

Von der Idee her wären auch Blogs interessant. Sie sind im Dentalbereich aber nicht so etabliert wie beispielsweise in Mode-, Auto- oder Eltern-Kreisen. Während man Blogs und Mailgroups eher durch Rumhören entdeckt, weil es keine Übersicht gibt, sind „Gruppen“ beispielsweise bei Facebook gut aufzufinden. Geschlossene Gruppen sind dabei offenen vorzuziehen – hier ist die Chance auch größer, durch kleine gezielte Fankreise zu bestimmten Themen sinnvolle Antworten zu erhalten. Auch einzelne Berufsverbände und wissenschaftliche Fachgesellschaften bieten digitale Kommunikationsforen in mehr oder weniger geschütztem Rahmen, einige laufen turbulent, andere dümpeln: Man muss eben gucken, wo man sich wohl fühlt. Und kann sich ja jederzeit wieder ausklinken. Bei der Suche nach den passenden Foren und Mailgroups oder Blogs gilt: fragen. Das Gute daran: All diese Angebote kosten nichts – außer Zeit.

Analog vernetzt

Facebook & Co können zwar tatsächlich sehr hilfreich sein – sind aber unbedingt nur ein Teil in einem guten persönlichen Netzwerk. Viele spannende Kolleginnen und Kollegen sind aus den unterschiedlichsten Gründen gar nicht Social-Media-aktiv und ihre Expertise bliebe einem vorenthalten, wenn man nicht zugleich analoge Netzwerke nutzen würde. Dafür ein paar Beispiele:

  • Viele Kammern (und manche KZVen) haben in den letzten Jahren ihr Herz für die kommenden bzw. die jungen Kolleginnen und Kollegen entdeckt und Angebote entwickelt, die zu nützlichen und „verkaufsfreien“ Erfahrungen führen. Dabei zu sein, kostet in der Regel nichts und man lernt sein lokales Umfeld ein wenig kennen. Auch einige Berufsverbände und wissenschaftlichen Fachgesellschaften taugen als Pfeiler im eigenen Netzwerk: Hier bündeln sich oft Engagement und Expertise in einem spezifischen Feld.
  • Manche Organisation ist dezidiert auf junge Kolleginnen und Kollegen ausgerichtet wie der BdZM (Bundesverband der Zahnmedizinstudenten) oder der BdZA (Bundesverband der zahnmedizinischen Alumni). Bei Events trifft man auf viele junge Zahnärztinnen und Zahnärzte, die sich mit den gleichen Fragen herumplagen wie man selbst sowie auf andere, die schon einen Schritt weiter sind und Tipps geben können.
  • Andere Organisationen bündeln die Expertise in speziellen Aspekten (beispielsweise der Berufsverband Dentista solche zu Beruf/sverbot & Familie, der BDK/Berufsverband der Deutschen Kieferorthopäden mit eigener Kongressreihe für „Young Orthodontists“) oder eben auch in fachlichen Spezifika.
  • Einige Organisationen bieten kostenfreie Stammtische (beispielsweise manche Kammer, manche KZV, Dentista und andere) und damit eine hervorragende Gelegenheit, mit Kolleginnen und Kollegen aus der näheren Gegend Kontakt aufzunehmen und sich Tipps abzuholen: von der Frage, wo man gute Mitarbeiter für die Praxis findet, bis zu Empfehlungen für ein gutes Labor, das sich mit den eigenen Vorstellungen von Prothetik gut auskennt.

Ein gutes Netzwerk hilft bei der Suche nach dem spannenden Job, der Praxisübernahme, dem passenden Depot, der Auswahl der Behandlungstechnik, dem zuverlässigen Abrechnungsbüro oder der Übersicht über Fortbildungsangebote. Und es bringt externe Experten hinein aus Banken, Depots, Versicherungen, spezifischen Anwaltskanzleien, die alle den Meinungsbildungshorizont erweitern. Ein gutes Netzwerk ist insofern beinahe unbezahlbar. Solange man immer beachtet, dass kritisches Hinterfragen und „Ausschlussdiagnostik“ wichtig sind, um nicht vom eigenen Weg abzukommen.

Birgit Wolff ist Fachjournalistin für Zahnmedizin, Pressestelle zahnmedizinischer wissenschaftlicher Fachgesellschaften und Berufsverbände sowie Initiatorin von Dentista e.V., einem unabhängigen Forum für Zahnärztinnen und Zahntechnikerinnen / Berufsverband der Zahnärztinnen. Sie ist begeisterte Netzwerkerin und Moderatorin von Facebook-Gruppen.