Praxisgründer

"In der Mitte unserer Wohnung lag das Wartezimmer!"

Früher war alles anders - oder? Wie sich die Abläufe in einer Praxis wandeln, beschreiben die Zahnärztinnen Ricarda Schönfelder und ihre Mutter Dr. Rita Prüfer, deren Familie seit 90 Jahren niedergelassen ist.

Eine Familie - ein Team. Ricarda Schönfelder und Dr. Rita Prüfer in ihrer Praxis. Susanne Theisen

Dr. Prüfer, Ihr Vater hat seine Zahnarztpraxis im Jahr 1926 gegründet. Worin unterscheiden sich die Abläufe Ihres heutigen Arbeitsalltags am stärksten von seinen?

Dr. Rita Prüfer: Da fällt mir zunächst die fehlende örtliche Trennung zwischen Privatleben und Beruf ein. Die Praxis meines Vaters war in unserer Wohnung meiner Eltern untergebracht. Das war früher immer so, egal, ob im Osten oder im Westen. Der Zahnarzt wohnte in seiner Praxis beziehungsweise die Patienten kamen zu ihm nach Hause. In der Mitte unserer Wohnung lag das Wartezimmer. Alle anderen Räume gingen davon ab.

"Wenn was mit der Prothetik nicht klappte, hat meine Mutter den Patienten Stullen geschmiert."

 

 

Der Zahnarzt wohnte in seiner Praxis. In der Mitte unserer Wohnung lag das Wartezimmer.

Dr. Rita Prüfer

 

Was war noch anders?

Prüfer: Mein Vater hatte einen geteilten Arbeitstag. Er arbeitete von neun bis 12 Uhr und dann abends von 15 bis 19 Uhr. Was für die heutige Zeit fast unvorstellbar ist: Er hatte kein Bestellsystem. Das heißt, es konnten auch noch um 18:59 Uhr Patienten kommen und die wurden dann noch alle behandelt . selbst wenn es bis abends um zehn Uhr dauerte. Und wenn was mit der Prothetik nicht klappte, hat meine Mutter den Patienten Stullen geschmiert.

Haben Sie das Terminsystem verändert, als Sie die Praxis 1986 übernommen haben?

Prüfer: Ja, soweit es ging, habe ich ein Bestellsystem eingeführt. Da in der DDR aber kaum jemand ein Telefon hatte, lief das so, dass die Termine mündlich in der Praxis vereinbart wurden. Aufgrund des unheimlich hohen Patientenaufkommens war das jedoch nicht gut einzuhalten und es kam trotzdem zu durchschnittlichen Wartezeiten von circa drei Stunden - und zu langen Arbeitstagen für mich.

Frau Schönfelder, Sie sind seit zehn Jahren mit Ihrer Mutter in einer gemeinsamen Praxis niedergelassen. Was hat Ihren Workflow in dieser Zeit besonders verändert?

Ricarda Schönfelder: Der digitale Wandel, insbesondere das Internet, beeinflusst unsere Arbeit sehr und macht unter anderem eine andere Außendarstellung der Praxis notwendig. Heute ist es unerlässlich, eine Website zu haben. Zu den Aufgaben eines Praxisinhabers gehört es deshalb, darauf zu achten, dass der Internetauftritt ordentlich funktioniert und bei Bedarf auch verändert werden kann. Manche unserer Patienten verlangen beispielsweise die Möglichkeit, Termine online statt am Telefon zu vereinbaren. Solche Dinge muss man in die Arbeitsabläufe und die Routinen der Helferinnen integrieren, sonst geht man irgendwann als kleine Praxis unter.

Wie beeinflussen die Erwartungen der Patienten Ihren Workflow noch?

Schönfelder: Das macht sich auch im Bereich Service bemerkbar. Viele Patienten erwarten beispielsweise, dass wir abends länger, bis 20 Uhr, geöffnet haben. Da sich meine Mutter ein wenig aus der Praxis zurückgezogen hat, können wir weniger Abendtermine anbieten. Das fällt den Patienten auf und sie kommentieren es auch. Nur ein Zahnarzt kann solche langen Arbeitstage kaum schaffen. Mit dem letzten Patienten ist in einer kleinen Praxis wie der unseren schließlich die Arbeit nicht zu Ende. Danach ist immer noch ein wenig Verwaltung zu erledigen.

Welche Rolle spielt die Abrechnung für die Arbeitsabläufe?

Schönfelder: Hier ist immer mit Veränderungen zu rechnen, die einen auch unerwartet treffen können. Vor ein paar Jahren wurde beispielsweise die Abrechnung der Privatleistungen vollkommen umgestellt und es sind ganz neue Positionen hinzugekommen. Darauf muss man sich als Praxisinhaber einstellen: Wenn man denkt, man hat alles im Blick, alles verstanden und in den Workflow integriert, kommt etwas Neues hinzu. Das kann auch bedeuten, dass man die Software umstellen und sich selbst und seine Mitarbeiter entsprechend schulen lassen muss.