Praxisgründer

Kinderpatienten gewinnen - mit Magie

Sie zappeln, sind ängstlich, haben überprotektive Eltern und kurze Aufmerksamkeitsspannen. Nicole Graw verrät, wie mit etwas Psychologie, guter Vorbereitung und einigen Tricks aus Kindern begeisterte Patienten werden können.

Kleiner Trick für die entspannte Behandlung: Das Kind pustet seine Angst in den "Angstballon" - und gibt ihn an der Rezeption ab. st-fotograf - Fotolia

Wie kann ich als Zahnarzt mit ängstlichen jungen Patienten umgehen?

Nicole Graw: Bedauerlicherweise kommen Kinder manchmal bereits mit einer konditionierten Zahnarztangst zu uns. Manchmal fungieren Kinder (auch) als Symptomträger ihrer Eltern: ängstliche Eltern gleich ängstliche Kinder. Ein sehr einfaches und anschauliches Medium, um die Zahnarztangst zu kontrollieren, ist der Angstballon. Kinder pusten all ihre Angst sinnbildlich in einen Ballon. Dieser Ballon wird – beschriftet mit dem Namen des Kindes – an der Rezeption abgegeben. Wir laden ängstliche Kinder regelrecht dazu ein, von diesem Angebot Gebrauch zu machen und kommunizieren dies zum Beispiel so: „Lieber Tom, heute wollen wir einmal deine Zähne anschauen. Wenn du ein wenig Angst hast, ist das okay. Angst ist eigentlich etwas Gutes, weil sie uns beschützt. Im Moment brauchst du deine Angst aber vielleicht nicht. Wir können sie hier im Luftballon aufbewahren. Wenn du gehst, kannst du sie gerne zurück haben.“

 

  • 87 Prozent meiner ängstlichen Patienten nutzen bereits beim ersten Termin den Angstballon und gehen mit einem guten Gefühl in die Behandlung.

 

Wie finde ich gleich einen guten Einstieg für die Begegnung mit Kinderpatienten?

Um rasch eine gute Beziehung zum Kind aufzubauen, nutze ich ein "magisches Buch", das sogenannte Magic Coloring Book. Ich stelle es als „Zauberbuch der Tiere“ vor und sage dem Kind: "Leider war es heute so laut in der Praxis (denn hier war ziemlich viel los), dass alle Tiere aus meinem Buch geflohen sind." Beim ersten Durchblättern erscheinen tatsächlich nur weiße, unbedruckte Seiten. Ich bitte das Kind mir zu helfen, die Tiere wieder zurück zu zaubern. Nachdem das Kind eine große Portion Zauberpuste in das Buch gepustet hat, tauchen beim zweiten Durchblättern lauter schwarzweiße Motive von Tieren auf. Wiederholtes Zauberpusten lässt beim erneuten Durchblättern alle Seiten mit vollfarbigen Tieren erscheinen. Die Vorteile:

 

  • Bereits beim ersten Kontakt wird mit diesem Zaubertrick die Aufmerksamkeit des Kindes gewonnen.
  • Schnell ist das Eis gebrochen, denn Kinder lieben Zaubertricks.

 

Das Magic Coloring Book ist ein Bilderbuch mit präparierten Seiten, die an der rechten Kante raffiniert geschnitten sind. Je nachdem, an welcher Stelle es beim Blättern festgehalten wird, sieht der Betrachter weiße Seiten, schwarzweiße Tiermotive oder vollfarbig illustrierte Seiten.

Und wie ist es umgekehrt: Haben Zahnärzte manchmal Angst vor Kindern?

Angst nicht, aber Kinder können eine große, zeitintensive Herausforderung in der Praxis sein. Denn für gewöhnlich eignen sich Kinder ihr Wissen und ihre Fertigkeiten durch eine aktive Auseinandersetzung mit ihrer Umgebung an. Deswegen gelingt es Zahnärzten nicht, ihnen etwa das Basiswissen zur Mundhygiene schnell und zeitsparend mittels Nürnberger Trichter weiterzugeben.

Kinder sind in vielerlei Hinsicht verschieden: in Alter, Geschlecht, geistiger Entwicklung, erlernten Fähigkeiten, Sozialisation, Erziehung durch die Familie und individuellem Charakter. Ein erfolgversprechender Behandlungsansatz sollte daher immer auf die jeweilige Entwicklungsphase und auf den jeweiligen Charakter des Kindes ausgerichtet sein.

Welche unterschiedlichen kindlichen Charaktere gibt es Ihrer Meinung nach in einer zahnärztlichen Praxis? Welche Empfehlungen haben Sie im Umgang mit ihnen?

Zuckersüße Rebellen sind selbstbestimmt, wissen, was sie wollen oder auch nicht wollen.

 

  • Wertschätzung und Toleranz sind die Basispfeiler einer stabilen Kommunikation.
  • Kurzfristig kann ein kleines Spiel eingerichtet werden: die Kindzeit. In der Kindzeit darf das Kind entscheiden, was getan wird. Das Kind muss ernst genommen werden.

 

Brave Elternkinder zeichnet meist ein tadelloses Auftreten aus. Studien konnten belegen, wie die Erziehung mittlerweile in eine Art Leistungssport ausartet und Kinder daran hindert, ihre eigenen Erfahrungen machen zu können. Kinder verlernen hier, auf sich zu hören, weil die Eltern stets Anweisungen geben.

Viele Jahre war ich davon überzeugt, diese Kinder für den Zeitraum der Behandlung von der Mutter zu trennen, um das Kind besser und ohne elterliche Einwände behandeln zu können. Die Mutter-Kind-Symbiose sollte jedoch lieber beibehalten werden, denn der kleine Patient kennt es aus anderen Alltagssituationen nicht anders.
Stellt man diesen Kindern Fragen, antwortet gern die Mutter. Der Zahnarzt hat nur eine Wahl: die Situation annehmen, die „Kinder-Komfortzone“ einhalten und somit die Mutter-Kind-Symbiose bewahren.

Als Zappelphillip und Hampelliese werden hyperaktive Kinder bezeichnet. Sie leiden mehr oder weniger unter mangelnder Konzentrationsfähigkeit und notorischer Unruhe. Bei ihnen bedarf es zahlreicher Wiederholungen, damit sich Wissen – zum Beispiel wie eine Karies entsteht – festigt. Gegen die Unruhe verwende ich einen Trick:

 

  • Der Balanciervogel (Balance Bird) wird mit dem Schnabel auf die Fingerkuppe des Kindes gesetzt. Er hält wie von Geisterhand die Balance, so lange man ruhig bleibt. Konzentration und Faszination bei dieser Übung tragen dazu bei, dass Kinder sich beruhigen und still halten.