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Der Ekel ist blau

Plötzlich schmeckten Himbeeren blau, bei blauen Buchstaben ekelte er sich. Was war passiert? Ärzte besprechen einen einzigartigen medizinischen Fall.

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Der Mann hatte bereits seit Jahren unter hohem Blutdruck gelitten. Im Alter von nur 45 Jahren erlitt er dann plötzlich einen kleinen Schlaganfall, von dem er sich jedoch recht gut erholte. Wenige Monate später fiel ihm jedoch auf, dass nicht mehr alles so war wie vorher: Er konnte seinen eigenen Sinnen nicht mehr trauen.

Wenn er beispielsweise Musik hörte, wurden bestimmte Stücke von ganz eigenartigen Empfindungen begleitet - und beim Lesen blauer Buchstaben ekelte er sich regelrecht. Er ging ins Krankenhaus und die Neurologen stellten ziemlich schnell eine ungewöhnliche Diagnose: Der Schlaganfall hatte eine sehr seltene Form von Synästhesie ausgelöst.

Synästhesien sind normalerweise angeboren. Es handelt sich dabei um eine bis heute nicht vollständig verstandene ungewöhnliche Verschaltung von Regelkreisen im Gehirn. Meistens sind dabei einfach mehrere Sinne miteinander gekoppelt. Es gibt Synästhetiker, die immer eine bestimmte Farbe sehen, wenn sie eine gewisse Tonhöhe hören. Sehr bekannt ist auch die Kombination aus Buchstabe und Farbe: Für die Betroffenen haben einzelne gedruckte Buchstaben schlicht bestimmte Farben.

Die Jeans macht depressiv

Sehr selten ist hingegen die sogenannte emotionale Synästhesie. Dabei gehen bestimmte Sinnesreize immer mit demselben, meist sehr intensiven Gefühl einher. Ein Betroffener, von dem die kanadischen Neurologen im Zusammenhang mit dem aktuellen Fall berichten, verfiel beispielsweise immer in eine heftige depressive Verstimmung, wenn er mit der Hand über Jeansstoff strich. Bei einem anderen waren es die schon erwähnten Buchstaben-Farben-Kombinationen, die eine bestimmte Emotion auslösten.

Dass die Synästhesie die Betroffenen nicht von Geburt an begleitet, sondern die Folge einer späteren Verletzung des Gehirns ist, sei sogar noch seltener, berichten Tom Schweizer vom St. Michael's Hospital in Toronto und seine Kollegen. In der Literatur sei bisher lediglich ein einziger weiterer Fall beschrieben, bei dem nach einem Schlaganfall eine Synästhesie erstmals auftrat. Allerdings handelte es sich hier um eine Kombination aus akustischen und taktilen Reizen: Immer wenn der Patient bestimmte Geräusche hörte, spürte er ein eigenartiges, kitzelndes Gefühl auf der Haut.

Der aktuelle Fall, bei dem der Betroffene anonym bleiben möchte, ist bisher einzigartig, konstatieren die Neurologen. Denn der Schlaganfallpatient berichtet über mehrere wirklich außergewöhnliche Empfindungen. Zum einen kann er es seit seinem Apoplex kaum ertragen, in Blau gedruckte Texte zu lesen, so stark ist das damit einhergehende Ekelgefühl. Gelbe Texte empfindet er ebenfalls als widerlich, das Gefühl ist jedoch nicht ganz so stark wie bei den blauen. Auch sein Geschmackssinn ist betroffen: Seit Neuestem schmecken Himbeeren für ihn "blau".

Wenn der Patient Musik hört, die von hohen Blechblasinstrumenten gespielt wird - ein sehr eindrückliches Beispiel ist hier offenbar die Titelmelodie der James-Bond-Filme - fühlt er sich, als "würde er auf der Musik reiten", wie er selbst es beschreibt. Gleichzeitig empfindet er eine ausgeprägt Euphorie, nach eigenen Angaben ist das Gefühl sogar "orgiastisch". Dass gleichzeitig am Rand seines Gesichtsfeldes ein blaues Flackern auftaucht, erscheint da schon fast nebensächlich.

Dass diese Gefühle sind dabei keineswegs eingebildet, konnten Schweizer und sein Team nachweisen: Anderthalb Jahre nach dem Schlaganfall und circa neun Monate, nachdem der Betroffene zum ersten Mal mit den Ärzten über das Phänomen gesprochen hatte, untersuchten sie den Mann mit der funktionellen Magnetresonanztomografie.

Bei diesem Verfahren kann man sichtbar machen, welche Hirnregionen gerade aktiv sind und welche nicht. Zum Vergleich erfassten die Neurologen auch die Hirnaktivität von sechs gesunden Kontrollprobanden, die ähnlich alt waren wie der Patient und über einen ähnlichen Bildungsgrad verfügten. Zunächst ließen sie die Testpersonen Texte anschauen, die in Schwarz, Blau und Gelb gedruckt waren. Dann zogen sie das Aktivitätsmuster des Gehirns beim Ansehen des schwarzen Textes von dem ab, was sich beim blauen und beim gelben zeigte.

Das Gehirn leuchtet

Resultat: Bei den Kontrollprobanden unterschied sich die Hirnaktivität zwischen den drei Textproben praktisch nicht. Beim Neu-Synästhetiker leuchteten beim Blautest dagegen zusätzlich eine ganze Reihe von Hirnarealen auf, die normalerweise nichts mit der Verarbeitung von Texten oder optischen Eindrücken zu tun haben.

Das Gleiche fand sich im Musiktest wieder: Hier spielten die Forscher den Probanden einmal das James-Bond-Thema und einmal ein Stück vor, in dem lediglich ein tiefes Tenorhorn zu hören war - und das für den Schlaganfallpatienten nicht von eigenartigen Gefühlen begleitet wurde.

Ein Feuerwerk der Gefühle

Auch hier zeigte sich bei dem Synästhetiker im Gegensatz zu den Kontrollprobanden Aktivität in einem riesigen Netzwerk an Hirnregionen: im Bewegungszentrum, im somatosensorische Cortex, der für Sinneseindrücke zuständig ist, in der Insula, im Teil des präfrontalen Cortex, im Thalamus, im Hippocampus und Teilen des Kleinhirns.

Diese Schaltkreise unterschieden sich deutlich von denen, die dem Belohnungszentrum zugerechnet werden und üblicherweise mit einem intensiven Musikgenuss einhergehen, erläutern die Forscher. Sie passen jedoch zu den Gefühlen, die der Mann beim Hören des Stückes beschreibt.

Die Neurologen wollen nun weiter untersuchen, welche Verschaltungen genau für die ungewöhnlichen Emotions-Kombinationen verantwortlich sind, um das Phänomen der Synästhesie und auch die normale Arbeitsweise des Gehirns besser verstehen zu können.

Zur Frage, warum die Synästhesie nach dem Schlaganfall aufgetreten ist, haben sie schon eine Theorie: Im Zuge der Reparatur, die das Gehirn nach dem Schlaganfall durchführte, entstanden völlig neue Verbindungen zwischen bestimmten Gehirnarealen - unter anderem eben solche, die eine Art Kurzschluss zwischen zuvor vollständig getrennten Regionen hervorriefen.

Tom Schweizer (St. Michael's Hospital, Toronto) et al: Neurology, doi: 10.1212/WNL.0b013e31829d86cc


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