Studium

"Es geht nicht um den Stoff"

In "Digitale Demenz" warnt Manfred Spitzer vor der Verdummung ganzer Generationen. Im Interview erklärt der Neurowissenschaftler, was das für Zahnis bedeutet - und warum es nur eine optimale Lernstrategie gibt.

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Herr Spitzer, in Ihrem Buch "Digitale Demenz" beschreiben Sie die Folgen, die es hat, dass moderne Technik uns immer mehr das Denken abnimmt. Die (Zahn-)Medizin-Erstis von heute gehören per definitionem alle zur Generation der "Digital Natives" - kann das gutgehen?

Manfred Spitzer: Ich hoffe, dass es gutgeht und ich hoffe auch, dass sie nicht zu denjenigen gehören, die vor allem vieles nicht können, ohne dass sie etwas zusätzlich können. Es wird ja oft behauptet, dass die Digital Natives je Menge Zusatzfähigkeiten hätten - für solche Behauptungen gibt es aber keinerlei empirische Belege. 

Sie sind selbst Mediziner. Mit welcher Lernstrategie schafft man am besten das Physikum? Und mit welcher den Rest des Studiums?

Die beste Lernstrategie heißt: Interesse! Machen wir uns nichts vor: Wenn einen ein Sachverhalt nicht interessiert, dann kann man zwar versuchen sich irgendwie auszutricksen, aber lange hält man dies nicht durch. Ich werde mitunter von Studenten gefragt, ob ich Tipps habe und der wichtigste Tipp lautet: Studieren Sie das Fach, dass Ihnen wirklich Spaß macht.

Haben Sie eine Erklärung, warum Lernstrategien nicht Teil des Unterrichtsstoffs sind?

Heute wird viel von "Lernen, Lernen" gesprochen. Zum Teil ist es durchaus berechtigt, dass man den Studierenden klar macht, dass es beim Lernen ja um nachhaltiges Lernen geht und nicht darum, sich die Nacht vor einer Klausur um die Ohren zu schlagen, um dann die Klausur zu bestehen. Das ist völliger Unfug, denn Lernen ist ja nur dann sinnvoll, wenn man die Dinge auch längerfristig behält. Insofern geht es eigentlich weniger um irgendwelche Tricks und Strategien, sondern darum, sich ein für allemal klar gemacht zu haben, warum man was für wen lernt. Die vier Lerntypen gibt es nicht.

Das zahnmedizinische Studium fordert von Beginn an neben dem theoretischen Wissensaufbau auch ein hohes motorisches Lernvermögen. Was bedeutet das Ihrer Ansicht nach für die Lernbelastung?

Letztlich gar nichts, weil motorisches Lernen ganz anders funktioniert als das Lernen von Prinzipien oder gar einzelner Fakten. Motorisches Lernen findet in ganz anderen Gehirnbereichen statt. Die Lernbelastung steigt dadurch im Grunde nicht, und zwar genau deswegen, weil ja ganz andere Bereiche im Gehirn dafür zuständig sind. Natürlich kann es eine durchaus große zeitliche Belastung geben. Aber ein Studium ist nun mal kein Urlaub, und wer ein Studium durchlaufen hat, der hat eben auch gezeigt, dass er belastbar ist.

Fragt man Studierende, gibt es vor allem zwei verschiedene Typen: Alt-Klausuren-Kreuzer und solche, die "auf Verstehen" lernen. Was ist davon zu halten?

Es ist sehr schade, dass es "Alt-Klausuren-Kreuzer" überhaupt gibt. Die kann es ja nur geben, wenn eine solche Strategie tatsächlich dazu führt, dass man eine Klausur besteht. Das sollte im Grunde nicht so sein, denn es geht beim Studium nicht - selbst in der Medizin und Zahnmedizin - um das pure Auswendiglernen von irgendwelchen Fakten, sondern es geht immer um das Verstehen von Zusammenhängen!

Spricht man mit Studierenden, gibt es eine weitere Unterscheidung: Jene, die in der Bibliothek lernen - und solche, die in den Park gehen oder sich aufs Sofa lümmeln. Wie lässt sich das erklären?

Jeder lernt anders und sucht sich seine eigene Lernumgebung. Das ist vollkommen in Ordnung. Die Studenten sollten nur ehrlich genug zu sich selbst sein und auch wirklich das tun, was für ihre Lernleistung am besten ist.

Was ist demjenigen zu raten, der ohne großen Aufwand sein Abi gemacht hat und zum Studienstart keinen Schimmer hat, wie er die Fülle an Stoff behalten soll?

Wer "Stoff" lernt, hat nicht begriffen, worum es im Studium geht. Wie oben bereits erwähnt: Der Motor für Lernen heißt Interesse.

Laut einer Umfrage des Hochschul-Informations-Service waren 2010 die von Medizinstudiumsabbrechern am häufigsten genannten Gründe "Leistungsprobleme" (27 Prozent) und "Prüfungsversagen" (17 Prozent). Wie hätten diesen Studierenden geholfen werden können?

Die Studenten hätten mehr joggen sollen und weniger Zeit vor dem Computer oder vor anderen Bildschirmmedien verbringen sollen. Zehntausende leisten jährlich das, was ein Student im Medizinstudium eben leisten muss. Wer seine Zeit mit irgendwelchem Unsinn vertut, dem fehlt sie beim Studieren.

Mit Prüfungsangst ist das etwas anderes: Ich kenne selbst sehr gute Leute, die daran gescheitert sind. Das ist schade. Man kann hier durchaus mit einfachen psychologischen Mitteln versuchen, dagegen anzukommen. Klappt dies nicht, sollte man sich an einen Profi wenden. Prüfungsangst sollte eigentlich heute kein Grund mehr sein, aus dem jemand das Studium nicht bewältigt.

Lassen Sie uns ganz praktisch werden: Was ist von Eselsbrücken wie "Tiere lieben Cola und fantastische Nahrung" zu halten, die helfen sollen, sich die fünf Coenzyme der Pyruvatdehydrogenase in richtiger Reihenfolge zu merken? (Thiamindiphosphat, Liponamid, CoA, FAD und NAD+)

Auch wir hatten früher solche Merksprüche für die Handwurzelknochen oder die essenziellen Aminosäuren. Im Grunde ist davon gar nichts zu halten, denn es kann ja nicht darum gehen, irgendetwas auswendig zu lernen, sondern darum, zu verstehen, wie Biochemie insgesamt funktioniert.

Natürlich kann man keine Gesamtheit verstehen, wenn man nicht auch ein paar Einzelheiten kennt. Für diese Einzelheiten wiederum sind Merksprüchlein, zumindest am Anfang, vielleicht ganz praktisch. Deswegen gibt es sie ja, aber eines ist auch klar: Niemand, der hundertausende solcher Merksprüchlein auswendig kann, ist schon deswegen allein ein guter Arzt oder Zahnarzt.

Einige schwören ja auch auf Mnemotechniken, bei denen es darum geht, sich lustige Geschichten mit ähnlich klingenden Wörtern auszudenken, diese in virtuellen Räumen abzulegen oder Zahlen mit Bildern zu kodieren. Ist so etwas nicht aufwendiger, als sich den Stoff einfach so zu merken?

Noch einmal: Es gibt keinen "Stof". Im Studium gilt es, Sachverhalte zu durchdringen und dann diejenigen, die man oft braucht, auch so gut einzuüben, bis man sie praktisch im Schlaf kann. Um das Auswendiglernen von Stoff geht es immer noch für den Anfänger, der noch nicht begriffen hat, wozu das alles gut ist.

Deswegen ist Verstehen, Begreifen und sich Interessieren das, was ein Student tun muss. Das fällt nicht vom Himmel, das ist mir auch klar, aber es ist die einzig sinnvolle Einstellung dem Studium gegenüber. Es geht nicht um das Bestehen von Klausuren, sondern um den Erwerb von anwendungsbezogenem, also praktischem und zusammenhängendem Wissen, mit dem man dann über Jahrzehnte hinweg erstens weiter Lernen kann und zweitens vielen Menschen helfen kann. Um das Lernen von "Stoff" geht es an keiner Universität.

Psychologe und Arzt: Prof. Dr. med. Dr. phil. Manfred Spitzer. | privat

1958 geboren, studierte Prof. Dr. med. Dr. phil. Manfred Spitzer Medizin, Psychologie und Philosophie in Freiburg, wo er sich auch zum Psychiater weiterbildete und 1989 die Habilitation für das Fach Psychiatrie erlangte. Er war von 1990 bis 1997 als Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg tätig. Zwei Gastprofessuren an der Harvard-Universität und ein weiterer Forschungsaufenthalt am Institut for Cognitive and Decision Sciences der Universität Oregon prägten seinen Forschungsschwerpunkt im Grenzbereich der kognitiven Neurowissenschaft und Psychiatrie.

Seit 1997 hat er den neu eingerichteten Lehrstuhl für Psychiatrie der Universität Ulm inne und leitet die seit 1998 bestehende Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm. 2004 gründete er das ZNL TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen Ulm an der Universität Ulm.

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