Studium

Film ab!

An der Ludwig-Maximilian-Universität wird der Hörsaal zum Kino. Was Medizinstudenten durch Filme lernen können.

picture_alliance

Im Dallas Buyers Club (2013) schmuggelt der Aids-Patient Ron Woodroof in den 1980ern nicht-genehmigte Medikamente von Mexiko nach Texas. Matthew McConaughey und Jared Leto erhielten für ihre Leistung jeweils einen Oscar und den Golden Globe. picture_alliance

Alzheimer im Kino - das gibt es in letzter Zeit häufiger zu sehen. Gerade startete mit „Still Alice - Mein Leben ohne Gestern“ ein Filmdrama, dessen Hauptfigur mit Demenz kämpft. Auch Til Schweigers „Honig im Kopf“ setzt sich mit einem Thema auseinander, das in den nächsten Jahren und Jahrzehnten immer mehr Menschen betreffen wird. Die Filme spiegeln nicht nur die alternde Gesellschaft wider. Manchmal können sie auch helfen, ein Krankheitsbild und die davon Beeinträchtigten besser zu verstehen.

So dürfte die Komödie „Ziemlich beste Freunde“ um die Freundschaft zwischen einem Lebemann mit Querschnittslähmung und seinem Pfleger für viele der Millionen Zuschauer der Erstkontakt mit den täglichen Problemen eines Tetraplegikers gewesen sein. 

Die Möglichkeiten von Filmen, auch schwierige Themen emotional zugänglich zu machen, nutzen die Macher des „M 23-Kinos“ an der Ludwig-Maximilian-Universität München. Mit ihrer Filmreihe richten sie sich an Medizinstudenten und Interessierte anderer Fakultäten. Seit inzwischen neun Jahren zeigt ein Studierenden-Team, das sich rund um Prof. Dr. Matthias Siebeck gebildet hat, Filme, die im weitesten Sinne medizinische Fragestellungen berühren. Ob Schizophrenie, Gehörlosigkeit, tödliche Erkrankungen bei Kindern, Gesundheitspolitik oder Sterbehilfe - das Spektrum ist möglichst breit gefächert.

Lernen ist nicht nur Pauken

„Wir behandeln gern auch Stoffe, die im Studium zu kurz kommen“, erklärt Mike Rüb vom „M 23“-Team. Der 23-Jährige stieg vor drei Jahren mit Kommilitonin Sophie Neuner in die Kino-Organisation mit ein, weil beide vom Format begeistert waren. Heute besteht die Gruppe aus sechs Jungmedizinern. Initiator Siebeck wirkt noch im Hintergrund mit. Der für Außenstehende kryptische Name „M 23“ steht für die Einteilung des Studiums in Module. Eingängig ist dafür der Slogan des Medi-Kinos: „Weil Lernen nicht nur aus Pauken besteht“.

Der Clou der Reihe: Zu den Filmabenden werden jeweils auch Betroffene und Experten geladen, mit denen im Anschluss diskutiert werden kann. „Sehr spannend war zum Beispiel, als wir ‚I am a woman now‘ gezeigt haben“, sagt Mike Rüb - ein Dokumentarfilm über Transidentität. Ein Spezialist für urologische Chirurgie, der geschlechtsangleichende Operationen vornimmt, sowie drei Betroffene stellten sich nach der Vorführung den Fragen der Studenten. „Alle waren sehr interessiert daran, mehr über ein Thema zu erfahren, das sonst stark mit Vorurteilen belastet ist.“ 

Filme als Horizonterweiterung

Das Hörsaal-Kino bietet einen emotionalen Zugang zu sonst eher trockenem Lehrstoff und Raum für Diskussionen, der im straff organisierten Studium oft fehlt. Der Begründer des Projekts, Matthias Siebeck, erklärt: „Es geht nicht um die kognitiven Inhalte, die man aus einem Buch oder einer Vorlesung genauso gut lernen kann. Aber es gibt eine Menge Dinge, die nicht im Lehrbuch stehen, und trotzdem für eine junge Ärztin oder einen jungen Arzt sehr wichtig sind. Diese Sachen sollen hier zur Sprache kommen. Das betrifft etwa den Umgang mit schwer beeinträchtigten Patienten, deren Lebenssituationen sehr ungewöhnlich sind und die sich ein normaler Medizinstudent, der aus einem wohl behüteten Mittelstandhaushalt kommt, gar nicht vorstellen kann.“ 

Nicht ohne Snacks und Sitzkissen

Genau diese Horizonterweiterung schätzen die Studierenden. Jede Vorführung kann durch Evaluationsbögen bewertet werden. Die Kommentare loben den emphatischen Umgang mit Krankheitsbildern, die Wissensvermittlung über Emotionen und den fehlenden Leistungsdruck. „Losgelöst vom Curriculum Themen des Lebens diskutieren“, fasst es ein Besucher zusammen. Einziger Wunsch: Snacks und Sitzkissen. Denn die alte Holzbestuhlung im chirurgischen Hörsaal ist hart. 

Matthias Siebeck, Oberarzt der Chirurgischen Klinik, ist seit seiner eigenen Studentenzeit filmbegeistert. Hinter der Idee, mehrmals im Semester Film statt Frontalvorlesung anzubieten, steckt für ihn noch ein weiteres Motiv: „Ich selbst habe so ein schrecklich langweiliges Studium gehabt, ich möchte gerne meinen Studenten ein abwechslungsreiches bieten.“

Aber auch im privaten Bereich eignen sich manche Filme, um sonst eher heikle Gespräche anzustoßen. So zeigte Siebeck im erweiterten Familienkreis Michael Hanekes „Liebe“. Dort geht es sehr realistisch um die Pflege bis zum Tod und um die Frage, wie mit eventuellen Sterbewünschen des Partners oder eines Elternteils umgegangen werden kann. 

Und einer flog auch wieder über das Kuckucksnest

Im aktuellen Semester wollen die studentischen Kinomacher von „M 23“ vier sehr unterschiedliche Produktionen zeigen. Auf dem Programm steht unter anderem der deutsche Fernsehfilm „Monsoon Baby“ über Insemination und Leihmutterschaft. Und der Klassiker „Einer flog über das Kuckucksnest“ wurde für seine drastische Psychiatrie-Darstellung berühmt.

„Im Zuge dessen wollen wir die zahlreichen Vorurteile, die man mit der Psychiatrie verbindet, ein wenig aufklären“, so Mike Rüb. „Ist der Film realitätsnah oder vollkommen absurd?“ Hier könnte die Diskussion zwischen Medizinern und Menschen mit Psychiatrieerfahrung spannend werden. 

Auch an anderen deutschen Universitätskliniken werden Filmerfahrung und medizinische Fragestellungen beim studentischen Gruppenerlebnis zusammen gebracht. So zeigt das Hörsaalkino der Universität Jena im Sommersemester den Spielfilm „Dallas Buyers Club“ und kooperiert dabei mit der Kampagne „Gib Aids keine Chance“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Theateraufführungen: auch eine Idee

Als zeitgenössisches Medium erreicht Film die medienaffine junge Generation besonders gut. Professor Siebeck allerdings berichtet von einem Medizinkollegen aus der Türkei, der mit seinen Studenten Theateraufführungen griechischer Tragödien besuchte - auch eine Idee. Die Kunst ist letztlich nur der Auslöser. Das Wichtigste bleibt die Diskussion, die daraus entsteht.

Sonja Schultz

16066001586962158695115869521601695 1601696 1586955
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare




Weitere Bilder
Bilder schließen