Studium

"Ich war neugierig auf den Aha-Effekt"

Detlef Zander studiert an der Charité Berlin Medizin im vierten Semester und hält das Präparieren an Leichen für einen Grundstein der medizinischen Ausbildung. Hier spricht er über seine Erfahrungen aus dem Präparationskurs.

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Was ging in Ihnen vor Ihrer ersten Präparation vor?

Es war auf  der einen Seite eine gewisse freudige Neugierde, auf der anderen Seite aber auch die Frage, wie wirst Du reagieren, wenn Du die Leiche vor Dir hast. 

Wovor hatten Sie am meisten Respekt?

Der kritischste Moment war eigentlich nach der kurzen Einführung, als wir zur Tat geschritten sind. Das war schon eine Überwindung, in einen menschlichen Körper einen Schnitt zu setzen.

Was gefiel Ihnen am besten an der Präparation?

Mehrere Sachen. Zum einen, dass ich ganz leicht die Strukturen des Körpers Schritt für Schritt und Schicht für Schicht entdecken konnte. Es wurde immer spannender. Erst die Haut, dann das Fettgewebe. Ich war neugierig auf den Aha-Effekt: So sieht das wirklich aus!

Die Fettschicht hätte ich mir gar nicht so vorgestellt. Der Abgleich zwischen Vorstellung und Realität ist das Reizvolle. Besonders spannend waren die Öffnung der Bauch- und Brusthöhle, als man sich die Organe angucken konnte. Ich hatte hinterher eine wesentlich realistischere Vorstellung vom menschlichen Körper - das ist der Hauptgewinn. Auch die Erkenntnis, dass man Präparieren in gewisser Weise lernen kann, war für mich wichtig.

Was hätten Sie lieber schnell wieder vergessen?

Am Anfang hatte ich einen Patienten mit Nieren- und Herzproblemen, mit massiven Wassereinlagerungen in den Beinen. Die Mischung aus Fett und Gewebeflüssigkeit in den Beinen und im Bauch war schon gewöhnungsbedürftig. Sehr kritisch war auch der Moment des Aufsägens des Schädels.

Was sind die wichtigsten medizinischen Erkenntnisse, die Sie durch den Kurs erlangt haben?

Die chirurgische Erfahrung, wie man verschiedene Gewebe schneidet. Und die manuell handwerkliche Kunst des Präparierens. Außerdem ist meine Scheu gesunken, auch mal am lebenden Patienten Handanzulegen.

Welche medizinischen Phänomene lassen sich nicht an einem toten Körper beobachten?

Ein Problem ist, dass das Blut nicht mehr im Patienten ist. Durch die Fixierung des Körpers verändern sich außerdem die Organe - gerade was ihre Farbe und die Konsistenz betrifft. Während des Präparations-Kurses hat man unendlich viel Zeit - das ist bei einem lebenden Patienten natürlich anders.

Hatten Sie jemals das Gefühl, die Totenruhe zu verletzen?

Nein, obwohl ich überzeugter Christ bin, war das nie ein Problem.

Haben Sie darüber nachgedacht, was für Menschen das waren, die ihren Körper gespendet haben?

Wir haben oft innerhalb der Seminargruppe über die Leichen gesprochen. In meiner Gruppe war beispielsweise ein Körperspender, der sehr muskulös war. Auf dem Nachbartisch lag eine zarte ältere Dame. Wir haben dann überlegt, ob sie schon ein paar Jahre im Pflegeheim gelebt hat, weil sie auch schon Druckgeschwüre hatte. Man macht sich schon viele Gedanken. Auch wie ist der Spender darauf gekommen ist, seinen Körper für die Anatomie zur Verfügung zu stellen.

Was ist Ihr Appell an Kritiker der Körperspende?

Es ist die einmalige Gelegenheit, den menschlichen Körper originalgetreu kennenzulernen und das ist eine fundamentale Grundlage für das chirurgische Handwerk. Es gibt dafür auch keinen adäquaten Ersatz, weder ein Anatomieatlas oder eine 3-D Simulation. Zugespitzt würde ich sagen, dass die Körperspende letztendlich dazu beiträgt, andere Leben zu retten.

Das Interview führte Julian Thiel.

 

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