Studium

Leichen für die Medizin

Angehende Ärzte müssen an Leichen die chirurgische Schnitte üben. In Bayern ist das kein Tabu: Die medizinischen Fakultäten hier haben einen guten Zulauf an Körperspendern.

Zum Erlernen des chirurgischen Handwerks, ist die Präparation von Leichen im Medizinstudium unverzichtbar. Thomas Raupach

Zwischen 20 und 30 Leichen werden jeweils für die Präp-Kurse benötigt, die den Medizinstudenten Einsicht in den Aufbau des menschlichen Körpers geben sollen. Aber den eigenen Körper spenden? Für viele ein befremdlicher Gedanke. Und doch vermachen in Bayern jedes Jahr mehrere hundert Menschen ihren Körper den Anatomien der Institute in Regensburg, Würzburg, München und Erlangen. Werbung machen die Unis dafür nicht - die Spender kommen von selbst. An kleineren Universitäten werden jährlich etwa 30 solcher Verfügungen ausgestellt, an Hochschulen mit großen Anatomien - wie in den bayerischen Instituten - teilweise mehr als 100. Ein Beratungsgespräch ist Pflicht, dann unterzeichnen sie eine sogenannte letztwillige Verfügung.

Vor allem Gutes tun

2004 wurde das Sterbegeld aus dem Katalog der gesetzlichen Krankenkassen gestrichen. Vielleicht sind die dadurch gestiegenen Bestattungskosten der Grund für die erhöhte Bereitschaft zur Körperspende: Schließlich kommen die Universitäten in der Regel für die Beisetzung der Spender auf.  An den Anatomien sieht man das jedoch differenzierter: "Unter den Spendern sind Leute, die finanziell nicht so gut dastehen - aber viele kommen auch aus der Mittelschicht", sagt der Leiter der Anatomie Würzburg, Süleyman Ergün. Die Spender wollten vor allem Gutes tun. 

Ohnehin ist die Spende nicht überall kostenlos: In Hamburg muss der Spendenwillige zu Lebzeiten 500 Euro zuzahlen, in Köln 1.100 Euro, an der Uni München 1.150 Euro und an der Charité Berlin sogar bis zu 1.250 Euro zuzahlen, um die Bestattung von mehreren tausend Euro zu decken. Zuzahlungen seien inzwischen bei den meisten Anatomien üblich, schätzt Hermann-Josef Rothkötter von der Anatomischen Gesellschaft.

In Würzburg, Erlangen und Regensburg hat man sich trotzdem gegen die Zuzahlung entschieden. Die Anatomien dort finanzieren die Beisetzungen aus dem Universitätsetat. "Wir befürchten, dass sonst zu wenige spenden würden", sagt Prof. Ernst Tamm von der Anatomie Regensburg.

Die Institute versuchten die Kosten auch mit weiteren Maßnahmen zu senken. "Die Institute haben den Umkreis, aus dem sie Körperspender annehmen, eingegrenzt." Gängig seien Entfernungen bis zu 100 Kilometern

Mittlerweile anerkannt: die Körperspende

Derzeit gebe es aber genug Spender. In den 1960er Jahren habe das anders ausgesehen, sagt der Erlanger Anatomieprofessor Winfried Neuhuber: "Da gab es einen Mangel." Das habe vor allem an steigenden Studentenzahlen gelegen. Inzwischen sei die Körperspende in Deutschland anerkannt. Nach Ansicht des Augsburger Medizinsoziologen Werner Schneider liegt die steiegnde Akzeptanz auch an der zunehmenden Differenzierung der Gesellschaft: "Der Grad der Verbindlichkeit religiöser Vorstellungen nimmt ab." 

Nach dem Tod des Spenders wird seine Leiche an der Anatomie mit einer Konservierungsflüssigkeit fixiert. Ein halbes, besser ein ganzes Jahr sollte der Körper danach in der Kühlkammer aufbewahrt werden. "Erst dann besitzen die Körpergewebe die Konsistenz, die für die Präparation ideal ist", erläutert Neuhuber. Für die Angehörigen der Spender sei das manchmal nicht einfach, meint Johannes Eunicke, evangelischer Seelsorger an der Uniklinik Erlangen.

Das liege nicht nur an der unangenehmen Vorstellung davon, was mit dem geliebten Menschen geschieht. "Trauer braucht einen Ort, wo sie hingehen kann", sagt Eunicke. Doch den gebe es so lange nicht, bis die Spender bei einer zentralen Trauerfeier bestattet werden. Bis dahin können mehrere Jahre vergehen - Jahre, in denen die Angehörigen den Trauerprozess nicht abschließen können.

An den bayerischen Anatomien ist man sich dessen bewusst. Umso stärker betont man, wie dankbar man den Spendern ist - und wie wichtig der Anatomiekurs für die Arztausbildung. Er sei eine elementare Voraussetzung dafür, dass die Studenten ein Verständnis für den menschlichen Körper entwickeln. "Mit anderen Verfahren kann man das nicht ersetzen", sagt der Mediziner Tamm. Auch mit Vorurteilen möchte er aufräumen: Mit einem Gruselkabinett habe der Anatomiekurs nichts gemein, betont er: "Die Präparation geschieht in Würde." 

In einer Online-Lehrveranstaltung der Universität Tübingen können Operationen an Leichen sogar live verfolgt werden. Der MOOC (massive open online course) "Sectio chirurgica" startete soeben seine siebte Staffel. Chirurgen zeigen im Rahmen des Kurses insgesamt 14 Eingriffe ihrer Fachdisziplin an anatomischen Humanpräparaten.

16.000 Nutzer haben sich laut Uni bereits registriert. Ein 20-köpfiges Studententeam des Anatomischen Instituts der Uni produziert "Sectio chirurgica". Die Live-OPs werden fachkundig moderiert und kommentiert. Zuschauer können über einen Chat Fragen stellen. Höhepunkte in diesem Semester sollen eine roboterassistierte Chirurgie und eine Lebertransplantation sein, die von zwei Teams durchgeführt werden.


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