Interview mit Dietmar Oesterreich

Mit Comics gegen Karies

Warum klare und einfache Botschaften einen maßvollen Zuckerkonsum fördern können, erklärt Prof. Dr. Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer.

Deutscher Hebammenverband / Volker Konrad

Zucker steht zurzeit massiv in der Kritik. Experten machen ihn für Karies, Diabetes, Übergewicht und Lebererkrankungen verantwortlich. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat vorgeschlagen, die empfohlene Zuckermenge von zehn auf fünf Prozent der täglichen Kalorienzufuhr zu senken - was etwa einer Dose Limonade entspricht. Ist dies realistisch? Und haben solche strengen Vorgaben nicht einen gegenteiligen Effekt?

Prof. Dietmar Oesterreich: Bei der Betrachtung von Risikofaktoren für Erkrankungen sowohl des Körpers als auch der Mundhöhle spielt die Ernährung eine wichtige Rolle. Dem gemeinsamen Risikofaktorenansatz zufolge gibt es sowohl medizinisch als auch zahnmedizinisch ein erhebliches Interesse daran, Fehlernährung zu vermeiden. Ein ausgewogenes Verhältnis der Nahrungsbestandteile entsprechend den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ist Grundlage einer gesunden Ernährung. 

"Diese Empfehlungen machen Sinn und sind realistisch"

Tatsache ist aber auch, dass die tägliche Zuckerzufuhr, vor allen Dingen in den entwickelten Industrienationen, in den letzten Jahrzehnten eine Zunahme erlebte, was letztendlich bestimmte Erkrankungsformen - wie die Karies - förderte. Vorgaben der WHO sind sicherlich insofern sinnvoll, als dass die nationalen Initiativen einen Schwerpunkt hierauf legen. Gerade Botschaften zur gesunden Ernährung sollten diese Aspekte beinhalten - und insofern machen diese Empfehlungen Sinn und sind realistisch.

Was für einen Stellenwert nimmt Zucker bei der Entstehung von Karies ein? Welche Rolle spielt dabei, wie viel und wie oft man Zucker isst sowie die Konsistenz von süßen Lebensmitteln?

Entsprechend den Erklärungsmodellen zur Entstehung von Karies spielen Mono- und Polysaccharide eine wichtige Rolle. Dabei gehen diese Modelle davon aus, dass die für die Karies verantwortlichen Bakterien der Mundhöhle für ihre Stoffwechselprozesse Zucker und Stärkeprodukte besonders gut für die säurebildenden Prozesse verwerten können.

Zentraler Punkt hierbei ist allerdings, dass die bakteriellen Stoffwechselprozesse einen ausreichenden Zeitrahmen benötigen-– und insofern spielt nicht nur die Zuckerzufuhr an und für sich, sondern vor allen Dingen deren Häufigkeit eine zentrale Rolle bei der Kariesentstehung. 

"Maximal vier zuckerhaltige Snacks pro Tag"

Die Deutsche Gesellschaft für Zahnerhaltung hat im Rahmen ihres Fünf-Punkte-Plans für gesunde Zähne empfohlen, maximal vier zuckerhaltige Zwischenmahlzeiten pro Tag zu sich zu nehmen. Neben der Empfehlung zur zweimal täglichen Mundhygiene mit fluoridhaltigen Zahnpasten wurde ebenso die Empfehlung ausgesprochen, nach den Mahlzeiten die Stimulation des Speichelflusses - etwa durch Kaugummi - anzuregen. Hintergrund hierfür ist es, dass der Speichel durch die verschiedenen Mechanismen der Abwehr durch seine Pufferkapazität und der Möglichkeit der Förderung der Remineralisation eine Bedeutung besitzt. Neben der Menge der Zuckerzufuhr spielt also in der Zahnmedizin insbesondere die Verringerung von süßen Zwischenmahlzeiten eine zentrale Rolle in der Erkrankungsvermeidung.

Die Lebensmittellobby verweist darauf, dass der Zuckerkonsum in Deutschland in den vergangenen Jahren annähernd konstant geblieben, während Karies - insbesondere bei Kindern - dank verbesserter Mundhygiene und fluoridierter Zahnpflegeprodukte rückläufig sei. Wie ist hier die Faktenlage?

Dank der verstärkten Prävention in der Zahnmedizin in Deutschland beobachten wir im Rahmen der sozialepidemiologischen Datenlage einen deutlichen Kariesrückgang. Bei den Kindern und Jugendlichen konnte ein caries decline in den letzten zehn Jahren um rund 80 Prozent beobachtet werden. Deutschland befindet sich damit im internationalen Vergleich mit an der Spitze. Auch bei den Erwachsenen und Senioren - dies machte die DMS IV deutlich - gibt es einen Rückgang der Karieslast.

Allerdings ist die Karies als Erkrankung des Zahn-, Mund- und Kieferbereichs nach wie vor bei fast jedem erwachsenen Patienten vorhanden und damit immer noch eine Volkserkrankung. Zunehmende Karies beobachten wir bei den Erwachsenen und Senioren im Zahnhalsbereich.

Hinsichtlich der Ursachen des Kariesrückgangs besitzt die Zufuhr von Fluoriden über die Zahnpasta einen zentralen Stellenwert. Darüber hinaus sind das deutlich verbesserte Mundgesundheitsverhalten, einschließlich der regelmäßigen Kontrolluntersuchung, und die Fissurenversiegelung bei Kindern und Jugendlichen Grund für den caries decline.

Wichtig ist generell, dass trotz des Kariesrückganges die Aufmerksamkeit als auch die präventiven Aktivitäten wach gehalten werden müssen. Deswegen spielen hierbei die Ernährung - und insbesondere die Reduktion der häufigen Zuckerzufuhr - eine erhebliche Rolle.

Einerseits sind Zuckerersatzstoffe aus zahnmedizinischer Sicht eine gute Alternative zum herkömmlichen Zucker. Ihr Verzehr kann allerdings wiederum gesundheitliche Probleme verursachen. Andererseits sind einige als "gesund" angesehene Lebensmittel wie Trockenfrüchte, Bananen oder honiggesüßte Cerealien aus kariespräventiver Sicht kritisch. Gibt es einen Widerspruch zwischen zahngesunder und gesunder Ernährung?

Das Bemühen, für die Süßung von Lebens- und Genussmitteln Zuckerersatzstoffe einzusetzen, ist grundsätzlich zu begrüßen. Ein positives Beispiel hierbei sind die Aktivitäten der Aktion Zahnfreundlich. Aus Sicht der Ernährungswissenschaften ist es zentral, ein ausgewogenes Verhältnis der verschiedenen Nahrungsbestandteile herzustellen. Deswegen wäre es verkehrt, völlig auf Zucker zu verzichten.

"Die Mundhöhle hat eine zentrale Bedeutung"

Darüber hinaus wäre es aber falsch, Ernährungsempfehlungen aus Sicht der Zahnmedizin nur auf die Reduktion der Zuckerzufuhr zu beschränken. Eine gesunde Ernährung besitzt bekanntermaßen darüber hinaus auch positive Einflüsse auf die Mundgesundheit, wenn es um die Erkrankung der Mundschleimhäute und des Parodontiums geht. 

Leider gibt es im Bereich der zahnmedizinischen Wissenschaften derzeit noch zu wenige Aktivitäten, die die Bedeutung einer gesunden Ernährung für die Mundhöhle in den Fokus stellen. Von erheblicher Bedeutung dabei ist ebenso, dass die Mundhöhle als Eintrittsort in den Körper durch Kaufunktion und Speicheleinfluss bereits einen zentralen Stellenwert für die Erschließung beziehungsweise Verdauung der Nahrung besitzt.

Auch führen eine schlechte Mundgesundheit oder eine insuffiziente prothetische Versorgung zur Vermeidung von kauaktiver Nahrung. Mundgesundheit hat daher erheblichen Einfluss auf eine gesunde Ernährung - und es besteht somit keinerlei Widerspruch zwischen zahngesunder und gesunder Ernährung.

Experten weisen darauf hin, dass zuckerreiche Ernährung und Karies auch ein soziales Problem seien. Was können Zahnärzte dagegen tun?

Wie bei vielen anderen Erkrankungen des menschlichen Organismus sprechen wir auch bei den Erkrankungen der Mundhöhle von einer sogenannten Polarisation des Erkrankungsrisikos. Dabei vereinen Patientengruppen in sozial schwierigen Lebenslagen und bildungsferne Schichten die Hauptlast des Risikos auf sich. Wissen um gesunde Ernährung und richtiges Verhalten zur Erhaltung der Mundgesundheit ist also von zentraler Bedeutung. Bildungsdefizite führen oftmals zur Fehlernährung und zum falschen Umgang mit zuckerhaltigen Speisen und Getränken. Deswegen sind klare und einfache Botschaften für diese Bevölkerungsgruppen von erheblicher Bedeutung. 

Die Bundeszahnärztekammer hat dabei gemeinsam mit dem Deutschen Hebammenverband - und unterstützt durch die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration - einen wortlosen Comic entwickelt, um diesen Bevölkerungsgruppen einfache Handlungsanweisungen zur Erhaltung der Mundgesundheit zu vermitteln. In diesem Zusammenhang gilt es, sowohl national als auch international, weiter über einfache Botschaften für Ernährungsprodukte, so die Ampel, zu diskutieren. Inwieweit eine Besteuerung „ungesunder Lebensmittel“ eine Lösung darstellt, wage ich allerdings zu bezweifeln.

Welche präventiven Maßnahmen erachten Sie generell als sinnvoll, um einen maßvollen Zuckerverzehr zu fördern?

Aufklärung im individuellen Gespräch mit dem Patienten ist eine der wichtigsten Maßnahmen. Wir wissen aus entsprechenden Datenlagen, dass das Thema Ernährung noch nicht im Zentrum der zahnmedizinischen Prävention steht. Allerdings gilt es, die Aktivitäten zur Vermeidung der frühkindlichen Karies in alle Lebensphasen zu übertragen. Nicht nur die ständige Umspülung mit zucker- oder säurehaltigen Getränken im Kleinkindalter führt zur Karies, sondern auch das vielfältige Angebot an gesüßten Speisen und Getränken für Jugendliche und Erwachsene bedarf einer kritischen Begleitung. 

Der Zahnarzt ist insbesondere bei Patienten mit einem erhöhten Kariesrisiko, aber auch vorhandenen Erosionen an den Zähnen, gefordert, eine Ernährungsanamnese zu erheben und an Hand dieser auf die Ernährungsgewohnheiten einzuwirken. Gerade bei der Vermeidung der frühkindlichen Karies gilt es in der öffentlichen Wahrnehmung im Zusammenhang mit den jüngsten Aktivitäten von Foodwatch, die gefundene gemeinsame Sprachregelung mit den Kinderärzten zu verstetigen. Es ist somit eine tägliche Aufgabe, sowohl in der Praxis als auch in den Berufsorganisationen, im Rahmen der Aufklärung einen maßvollen Zuckerverzehr zu propagieren.

Die Fragen stellte Hanna Hergt.

Prof. Dietmar Oesterreich ist Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer und Präsident der Zahnärztekammer Mecklenburg-Vorpommern. | bzaek-pietschmann

 

 
 

35 Kilogramm Zucker essen die Deutschen pro Jahr und Kopf – mehr als doppelt so viel wie von der WHO empfohlen. Der Wert bildet jedoch nur den Konsum von Haushaltszucker ab. Hinzu kommt ein steigender Verbrauch von Mono- und Disacchariden, die Lebensmitteln zugesetzt werden – und zunehmend zum Problem werden.

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