Studium

Nicht faul, sondern krank

Selten sind Lernen für Prüfungen, Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten oder das Erledigen der Steuererklärung vergnügungssteuerpflichtig. Doch wann wird aus normaler Aufschieberitis ein psychisches Problem?

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Wenn das Physikum ansteht, verkehren sich bei manchen Zeitgenossen plötzlich die Prioritäten: Bad putzen, Lebensmittel einkaufen und sogar Bügeln sind plötzlich ungleich wichtiger als Anatomie, Biochemie und Zahnersatzkunde. Dass man lieber ausspannt oder sogar unangenehme Tätigkeiten der Prüfungsvorbereitung vorzieht, ist bis zu einem gewissen Maß normal - gar nicht so selten aber auch Grundstein für ein ernstes psychisches Problem.  

Die wissenschaftliche Bezeichnung für pathologisches Aufschiebeverhalten ist Prokrastination. Diese Erledigungsblockade hat nichts mit Faulheit zu tun und ist eine ernstzunehmende Arbeitsstörung, die sowohl private Alltagsaktivitäten als auch schulische, akademische und berufliche Tätigkeiten betreffen kann.

An der Universität Münster gibt es darum seit einigen Jahren eine Prokrastinations-Ambulanz, die Betroffenen professionelle Beratung, Gruppen-Trainings und auch Psychotherapie bietet, wenn noch eine andere psychische Störung festgestellt wird. Interessant für potenziell Betroffene ist ein Selbsttest, der einen Anhaltspunkt  liefert, ob der Hang zur Aufschieberitis schon pathologische Züge hat.

Wie Dr. Carola Grunschel von der Universität Bielefeld erklärt, versucht die in Deutschland noch junge Prokrastinationsforschung zu definieren, wann im Studium ein strategisches - also nicht zu beanstandendes Aufschieben - vorliegt und wann Prokrastination, die negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden und andere Lebensbereiche haben kann. „Leider gibt es aktuell keine belastbaren Zahlen, die die Größenordnungen dieser beiden Arten beschreiben“, sagt die Psychologin, die zu dem Thema promovierte und von 2008 bis 2012 an einem großen Studienprojekt mitarbeitete.

"Mal ist von 70 Prozent der Studenten die Rede, was wohl aber eher die Quote der Aufschieber ist, mal von 35 Prozent", sagt Grunschel und beschreibt, dass das Dilemma der verschwommenen Definition in der deutschen Forschung auch in der Wortherkunft des Begriffs liegt. Die deutsche Vokabel hat einen lateinischen Ursprung und muss mit  "Vertagung" beziehungsweise "aufschieben" übersetzt werden, während im englischsprachigen Sprachraum der Begriff "to procrastinate" feststehender Begriff für ein negativ behaftetes Aufschieben ist. 

Das in Bielefeld für Betroffene entwickelte und mit 120 Teilnehmern durchgeführte Workshop-Konzept wird mittlerweile in abgewandelter Form an mehreren deutschen Unis eingesetzt. „Der Bedarf war da, wir hatten die Workshops nur kurz beworben und sofort 250 Interessenten für halb so viele Plätze“, sagt Grunschel. In jedem Fall lässt sich festhalten: "Prokrastination ist ein weit verbreitetes Phänomen."

An der Uni Münster versuchten Wissenschaftler, besagtes Phänomen mit einer Querschnittstudie zu quantifizieren. Ergebnis: Sieben Prozent der teilnehmenden Studierenden erreichten Prokrastinationswerte über dem Durchschnitt der Frauen und Männer, die ambulant bereits in Behandlung waren oder sind. Die Schlussfolgerung der Münsteraner: „Es gibt viele Studierende, die dieses Problem so stark haben, dass es sich für sie lohnen würde, eine Behandlung in Anspruch zu nehmen.“

Per Definition liegt dieser Fall immer dann vor, wenn das Aufschieben ein so großes Ausmaß annimmt, dass die Betroffenen "erheblich darunter leiden und schwerwiegende negative Folgen wie Studienabbruch oder berufliches Scheitern drohen". Dabei würde das ständige Aufschieben von den „Betroffenen und ihrer Umgebung gleichermaßen fälschlich oft für persönliche Willensschwäche gehalten oder als Faulheit angesehen“, warnen die Mitarbeiter der Münsteraner Ambulanz. 

Prokrastination habe jedoch nichts mit Faulheit zu tun und ließe sich demnach auch nicht mit entsprechenden Konzepten verändern. Stattdessen handele es sich vielmehr um ein ernsthaftes Problem der Selbststeuerung, für das es professionelle psychologische Hilfe gibt.

„Betroffene haben typischerweise Defizite, wenn es darum geht, sich Ziele zu setzen oder ihre Zeit zu strukturieren“, erkärt Grunschel. Und: Generell seien Studierende weniger strukturierter Fächer stärker gefährdet als solche, die beispielsweise (Zahn-)Medizin, Psychologie oder Pharmazie belegen.

Die Ursachen für Prokrastination haben sich aber auch mit dem Bologna-Prozess verlagert, weiß die Psychologin. Früher seien für manche die großen Freiheiten mancher Diplom- und Magisterstudiengänge Ursache des Problems gewesen, bei den heutigen Bachelor- und Masterstudiengängen würden stattdessen der hohe Leistungsdruck und die Angst zu scheitern von Betroffenen als Ursachen genannt.

Ausgerechnet diese beiden Parameter weist eine Umfrage des Hochschul-Informations-Systems als meist genannte Gründe für den Studienabbruch in den Bereichen Medizin und Zahnmedizin aus. Bezeichnend ist, dass sowohl die Nennung von "Leistungsproblemen" (27 Prozent) als auch "Prüfungsversagen" (17 Prozent) signifikant häufiger genannt werden als beim Durchschnitt aller Studierenden.


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