Studium

Spicken - wissenschaftlich gesehen

Spicken, also Wissen vom Nachbarn klauen oder einfach aus der Hosentasche ziehen, gehört für Schüler wie Studenten zum Tagesgeschäft. Leipziger Wissenschaftler haben das Phänomen genauer untersucht.

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Mehr als die Hälfte aller Mädchen und Jungen finden es in Ordnung, in der Schule abzuschreiben oder einen Spickzettel zu benutzen. 36 Prozent sind dagegen. Vor allem ältere Schüler akzeptieren das Spicken als selbstverständlichen Teil ihres Alltags.

Spicken ist Alltag

Die Psychologinnen Dr. Brigitte Latzko und Andrea Fischer von der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig gehören zu den wenigen, die sich im deutschsprachigen Raum dem Phänomen des Spickens wissenschaftlich nähern. Im Fokus ihrer Arbeiten stehen moralische Aspekte. Vor Kurzem starteten sie eine Befragung angehender Lehrkräfte zu diesem Thema. Deren Toleranzgrenzen sind verschieden.

Die Studierenden sollten sich dabei aus dem Blickwinkel der noch Lernenden, die selbst noch Prüfungen ablegen müssen, und aus der Sicht der zukünftigen Lehrer zum Spicken positionieren. Die Akzeptanz des Spickens war dabei erwartungsgemäß unterschiedlich: Aus Pädagogensicht betrachtet, war sich die Mehrzahl einig, dass das Benutzen von Spickzetteln bestraft werden sollte. Als die angehenden Grundschulpädagogen sich in die Rolle der Schüler versetzten, überwog deutlich die Ansicht, dass das Mogeln keine Konsequenzen haben sollte.

Die Frage, ab wann das Mogeln beginnt, wurde sehr uneinheitlich beantwortet - jeder Einzelne toleriere unterschiedlich viel. Für manche sei schon der Blick aufs Handy ein Indiz für möglichen Betrug. Das Beschaffen von Klausuren von Schülern höherer Klassenstufen oder von anderen Studierenden sei dagegen übereinstimmend häufig als schweres Delikt betrachtet worden.

"Mit der neuen Technik wird das Mogeln immer raffinierter", erklärt Latzko. Für die Lehrer bringe dies zusätzliche Probleme mit sich. "Aus juristischen Gründen können sie den Schülern nicht einfach das Handy wegnehmen." Wohl auch deshalb seien viele Lehrer in dieser Sache nicht konsequent genug.

Bereits in früheren Studien wurde erforscht, dass die Akzeptanz des Abschreibens mit zunehmendem Alter der Lernenden wächst. Das schlechte Gewissen beim Mogeln werde in höheren Klassen immer geringer. Auch der größer werdende Leistungsdruck in den höheren Klassen und das Gefühl der Überforderung veranlassten mehr Schüler zum Spicken. Das (un-)beruhigende Zwischenergebnis der bisherigen Untersuchungen: Der entscheidende Faktor im Umgang mit Abschreibern oder Moglern sei das Auftreten des Lehrers, so Latzko. 

Doch die Realität trifft einige unvorbereitet: Da das Thema Spicken nicht zum Lehrplan in der Lehrerausbildung gehört, setzten sich viele Pädagogen zu wenig damit auseinander. Entsprechend unterschiedlich sind auch die Reaktionen der Lehrkräfte, wenn sie einen mogelnden Schüler erwischen: Die einen nehmen sofort die Klassenarbeit weg und bewerten sie mit einer Sechs, andere ermahnen nur ohne weitere Folgen und ein Teil der Lehrer schaut weg, wie Latzko, Fischer und ihr Team erforscht haben.

Eine grundsätzliche Empfehlung lässt sich aber formulieren: Ein Pädagoge, der mit seinen Schülern offen über das Mogeln spricht, hat weniger Probleme damit als Kollegen, die dieses Thema nicht mit ihrer Klasse diskutieren. "Jeder Lehrer muss sich selbst zu seinem Erziehungsziel positionieren", betont Latzko.

Wie erfinderisch Schüler beim Spicken sein können, beweist eine Ausstellung im Leipziger Schulmuseum. "Dort ist zum Beispiel das Etikett einer Fantaflasche mit Informationen von einer Klassenarbeit bedruckt", erzählt Fischer. Im Zeitalter der Tattoos schreiben besonders Dreiste das Abgefragte zur Tarnung in der Farbe des Körperschmucks auf die Haut.

Ein "Delinquent" hatte mathematische Formeln in seine Schokolade geritzt. "Wenn der Lehrer gekommen wäre, hätte der Schüler die Schokolade einfach aufgegessen und weg wäre der Beweis", sagt Fischer, die vor einem Jahr ins Forschungsprojekt eingestiegen ist. Die Psychologinnen planen die Ergebnisse im nächsten Jahr in einem Fachjournal zu veröffentlichen.

Fischer hat sich positioniert. Wenn Studierende bei ihr eine Klausur schreiben, sind die Regeln klar: Handys und Taschen sind vor Beginn abzugeben. Nur Stift und Papier sind erlaubt.



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