Interview mit Hendrik Meyer-Lückel

Spülen, schleifen, sprechen

Wie Zahnmediziner lernen, richtig mit den Patienten zu reden, und warum das Thema Kommunikation im Studium noch ausbaufähig ist, erläutert Universitätsprofessor Dr. Hendrik Meyer-Lückel, Direktor der Klinik für Zahnerhaltung, Parodontologie und Präventive Zahnheilkunde an der RWTH Aachen.

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"Die Studierenden reden meist auf Augenhöhe mit den Assistenten und auch mit den Professoren. Wir beobachten aber, dass die jungen Leute teilweise etwas überbehütet ein Studium beginnen - das hat sich durch die verkürzte Schulzeit noch verschärft", sagt Prof. Dr. Hendrik Meyer-Lückel, Direktor der Klinik für Zahnerhaltung, Parodontologie und Präventive Zahnheilkunde an der RWTH Aachen. RWTH Aachen

Wie sind zahnärztliche Kommunikationskompetenz und Gesprächsführung im Studium der Zahnmedizin verankert?

Generell bilden wir die Studierenden schon seit langer Zeit intensiv am Patienten aus. Die Ausbildung ist im Vergleich zum Medizinstudium entsprechend sehr praxisorientiert, so dass die Studierenden gewissermaßen über die zwei Jahre der klinischen Kurse fast jeden Tag praktisches Kommunikationstraining haben.

Das Thema Kommunikation findet bei uns in Aachen heute dennoch sicherlich fokussierter als früher Beachtung. So wird in der Prothetik bereits in der Vorklinik mit Simulationspatienten geübt, die beispielsweise die gleiche Problematik aufweisen, aber verschiedene Patientencharaktere repräsentieren. Die Studierenden lernen so, mit diesen unterschiedlichen Patienten umzugehen, und die Kommilitonen geben anschließend entsprechendes Feedback. Dieser Kurs wird zusammen mit einer speziellen Abteilung der Fakultät betreut, die in erster Linie moderne Lehrmethoden im Rahmen des stetig gut evaluierten Modellstudiengangs Humanmedizin konzipiert.

In der Zahnerhaltung führen wir ein Kommunikationstraining in Kooperation mit dem Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie durch, welches unter anderem Rollenspiele mit Videofeedback beinhaltet, aber auch beispielsweise auf den speziellen Umgang mit bestimmten Patientengruppen eingeht.

Ist das festgeschrieben oder ein freiwilliges Element?

Um aktuelle Lehrinhalte verbindlich einführen zu können, werden tradierte Ausbildungselemente weggelassen. In der Zahnmedizin sind die ersten drei Phantomkurse klassischerweise sehr zahntechniklastig. Hier ist sicherlich eine gewisse Luft, andere Inhalte einzubringen, und dafür beispielsweise darauf zu verzichten, die dritte Krone im Labor anzufertigen.

"Der Grad der Veränderung hängt zu einem großen Teil von den Lehrenden ab!"

Der Grad der Veränderung hängt zu einem großen Teil von den Lehrenden ab, ob sie Interesse daran haben - beispielsweise weil sie einen Mangel bei den Studierenden im klinischen Alltag erkennen. Die Freiheit in Forschung und Lehre ermöglicht den Universitäten hier einen gewissen Gestaltungsspielraum, gleichwohl die Approbationsordnung sicherlich schnellstmöglich aktualisiert werden sollte.

Inwieweit ist kommunikative Kompetenz im Curriculum verankert - etwa wie Zahnärzte mit den Patienten umgehen und wie sie kritischen Situationen meistern können?

Jüngst ist der Nationale Kompetenzbasierte Lernzielkatalog Zahnmedizin (NKLZ) verabschiedet worden, der curriculare Orientierung gibt, aber nicht bindend sein wird. Theoretisch könnte eine Fakultät diese übernehmen, aber praktisch herrschen eben bestimmte Bedingungen an den einzelnen zahnmedizinischen Lehrstühlen vor.

Daher müssen die Akteure sehen, auf welche Weise sie über die zahnmedizinischen Grundlagen hinausgehende Inhalte wie Kommunikation, aber auch Ethik oder Ergonomie, in die Lehrpläne aufnehmen können. Diese Bereiche sind sehr wichtig, sollten aber auch nicht zu stark formalisiert werden.

Was können die Hochschulen in Zukunft tun, um diesen Fachbereich auszubauen? Und die Studenten sattelfester zu machen für die teilweise schwierigen Bedingungen des Arbeitsalltags?

Eine gewisse Formalisierung der angesprochenen wünschenswerten Inhalte ist sinnvoll, sonst werden sie nicht ernstgenommen. Meist geschieht dies nur, wenn das Gelehrte auch überprüft wird. Die prothetische Abteilung macht beispielsweise eine klinische Prüfung in dem Kurs mit den Simulationspatienten. Wir versuchen, die klassischen Angebote bestmöglich zu ergänzen.

"Wenn wir Prüflinge durch den Phantomkurs fallen lassen müssen, fließen heute meistens Tränen."

Aber wir müssen eben auch die zahnmedizinischen Inhalte weitestgehend im jetzigen Umfang beibehalten. Und ich sehe nicht, dass wir zusätzliche Stellen zur Vermittlung der neuen Inhalte bekommen könnten. Wie gesagt: Für neue Inhalte müssen immer auch andere Teile der Ausbildung wegfallen - das gilt es abzuwägen.

Kommunikative Kompetenz kann man lernen, aber eine gewisse Grundreife gehört auch dazu. Wie würden Sie die Zahnmedizinstudenten von heute in dieser Hinsicht einschätzen?

Heutzutage geht es in den Zahnkliniken sicherlich nicht mehr so hierarchisch und streng zu wie noch vor 30 Jahren. Die Studierenden reden meist auf Augenhöhe mit den Assistenten und auch mit den Professoren. Wir beobachten aber, dass die jungen Leute teilweise etwas überbehütet ein Studium beginnen - das hat sich durch die verkürzte Schulzeit noch verschärft. Wenn wir beispielsweise Prüflinge aufgrund objektivierbar unzureichender Leistung im sechsten Semester durch den Phantomkurs fallen lassen müssen, fließen meistens Tränen.

Vor rund 15 Jahren - mit teilweise deutlich höheren Durchfallraten - wurde dies wesentlich besser weggesteckt. Es gab kaum Diskussionen, insofern die Prüfkriterien nachvollziehbar waren, auch wenn sich jemand einmal subjektiv ungerecht behandelt fühlte. Heute ist das anders: Wenn Sie vier oder fünf Studierende durchfallen lassen, führen Sie mit jedem mindestens ein Einzelgespräch, wenn nicht zwei oder gar drei Einzelgespräche. Aber ich habe den Eindruck, dass hiernach viele an dieser Erfahrung wachsen, so dass wir unsere Aufgaben als Lehrende in diesen Bereichen nicht unterschätzen sollten.

Besonders vor dem Hintergrund, dass die Studierenden später im Berufsleben auch kritische Situationen meistern und dem Patienten in stressigen Situationen gerecht werden müssen …

Deshalb müssen wir mehr auf die Persönlichkeitsentwicklung eingehen. Das bedeutet, dass man die Studierenden nicht nur durch spezielle Kurse kompetenter und kommunikativer machen kann, sondern auch durch den Umgang mit ihnen. Dem Leid der Patienten kann ich nur begegnen, wenn ich einen gewissen Grad der Persönlichkeitsreifung erreicht habe. Wenn ich selber empfindlich und unsicher bin, wie soll ich das meistern? Das ist die Grundlage, die in der Familie und der Schule gelegt sein sollte, hierauf aufbauend kann die Vermittlung von Kommunikationstechniken helfen.

Wie behandeln Sie in der Lehre den Umgang mit schwierigen Patientengruppen, beispielsweise Dementen oder kleinen Kindern?

Auf diese Themen gehen wir in Vorlesungen und Seminaren ausführlich ein. So haben wir gemeinsam mit der Medizinischen Psychologie einen Kurs über Alterszahnheilkunde etabliert. Dazu gehören neben praktischen Übungen Vorträge über allgemeine Aspekte des Alterns - und speziell der Umgang mit dementen Patienten.

Außerdem macht die prothetische Abteilung Exkursionen in Alten- und Pflegeheime, was sehr lehrreich ist. Anschließend prüfen wir das Wissen der Studierenden über die Alterszahnheilkunde in einer Klausur.
In der Kinderzahnheilkunden stehen Hospitationen in der Spezialbehandlung auf dem Plan, dort können die Studierenden allerdings nicht selber behandeln. Einen Kinderbehandlungskurs durch Studierende bauen wir gerade auf.

Spülen, bohren, schleifen: Bisweilen entsteht der Eindruck, das persönliche Gespräch komme in Zahnarztpraxen zu kurz. Sprechen Sie diese Probleme in der Lehre an?

Wir machen den Studierenden bewusst, wie wichtig ein partizipativer Therapieentscheid ist. Das bedeutet, den Patienten verschiedene Lösungen für ihre Probleme zu präsentieren, Vor- und Nachteile bestimmter Behandlungen aufzuzeigen und zu lernen, in Wahrscheinlichkeiten zu argumentieren. Nichtstun kann auch eine Option sein. Dazu existiert jetzt ein interessantes Rechtsurteil, das klarstellt: Wenn der Zahnarzt den Patienten nicht darüber aufklärt, was sein Nichtstun für Folgen haben kann, hat das Konsequenzen. Das ist eine neue Dimension. Auch das Patientenrechtegesetz fordert eine gute Dokumentation der Aufklärung mit Unterschrift.

"Die Assistenten können vormachen, wie ein gelungenes Gespräch mit dem Patienten aussieht."

Insofern müssen wir die Studierenden über den partizipativen Therapieentscheid und über den Umgang mit allen Formen der Therapie in Kenntnis setzen. Alleine das bedeutet mehr Kommunikation.

Auch deutliches Reden? Patienten bemängeln oft, dass sie gar nicht verstünden, was Zahnärzte ihnen sagen wollen. Wie könnte man den Dialog mit den Patienten einfacher gestalten? Welche Ansätze gibt es in der Lehre?

Wesentlich ist hier, mit gutem Beispiel voranzugehen. Die Assistenten können etwa bei den Studierendenbehandlungen vormachen, wie ein gelungenes Gespräch mit dem Patienten aussieht. Ein Assistent betreut bei uns durchschnittlich fünf Studierende - das ist ein toller Schlüssel. Die klinischen Kurse erstrecken sich ja traditionell über zwei Jahre lang mit rund zwölf bis 15 Stunden pro Woche - auf diese Weise lässt sich in den letzten vier Semestern schon einiges vermitteln.

"Zuerst heile durch das Wort" hat Paracelsus den Medizinern schon im 16. Jahrhundert ans Herz gelegt. Inwiefern gilt das auch für die Zahnmedizin?

Auch im Mundbereich gibt es viele Befindlichkeiten, wo das Nichtstun und das Reden genau das Richtige sind. Der Zahnmedizin eilt ein wenig der Ruf voraus, lediglich mechanistisch zu arbeiten. Natürlich müssen offensichtliche dentale Mängel behoben werden. Aber das ist wirklich nur ein Teil. Oftmals ist es besser zuzuhören, zu beraten und abzuwarten. Und auch den Placebo-Effekt zu nutzen: Manchmal ist dem Patienten bereits damit geholfen, Fluorid auf die Zahnhälse zu pinseln, auch wenn die Wirksamkeit nur begrenzt sein kann.

Dem Patienten mehr Zuwendung zu schenken, kann ja auch für den Zahnarzt eine Energiequelle sein und zufriedener im Beruf machen. Steht der ökonomische Druck, der in der Zahnarztpraxis herrscht, dem nicht entgegen?

Hier bewegen wir uns auf einer metaphysischen Ebene, die in der heutigen Schulmedizin manchmal nicht ausreichend gesehen wird. Unser Berufsstand ist immer technisierter geworden, dadurch entfremden wir uns zunehmend von dem Patienten. Das System gibt das auch durch die Abrechnungsmöglichkeiten in gewisser Weise vor. Einerseits beklagen sich viele Zahnärzte, sie hätten zu wenig Zeit, sich intensiv um ihre Patienten zu kümmern. Andererseits wird aber in dem bestehenden System immer noch recht gutes Geld verdient.

Es liegt vielmehr auch im Ermessen des Einzelnen, jeden Tag eine Stunde weniger Hightech-Medizin zur Verdienstoptimierung zu machen, dafür Zeit in Patientengespräche zu investieren und sich durch den bewussten Umgang mit dem Gegenüber auch ein Stück weit selbst etwas Gutes zu tun. Vielleicht ist es auch unsere Aufgabe als Hochschullehrer, nicht nur Technisierung und Wachstum zu befeuern, sondern auch einmal bewusst auf die Bremse zu treten und somit auch eine gewisse Stressprävention zu befördern.

Die Fragen stellte Hanna Hergt.

Watzlawiks Axiom, dass man "nicht nicht kommunizieren kann", macht auch vor der Zahnarztpraxis nicht halt. Doch wie baut man einen guten Draht zum Patienten auf? Überprüfen Sie Körpersprache, Ansprechhaltung und Patientennähe anhand unserer Tipps.

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