Arbeit

Wann schwangere Ärztinnen operieren dürfen

Das Mutterschutzgesetz von 1952 untersagt nach gegenwärtiger Auslegung schwangeren Chirurginnen die Arbeit im OP. Zwei Ärztinnen wollten das Skalpell trotzdem in der Hand behalten. Und hatten Erfolg.

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Ärztinnen in der Schwangerschaft dürfen unter individuell abgesicherten Bedingungen operieren. Das ist neu. Bisher endete der Einsatz von jungen Chirurginnen im Operationsaal nach Bekanntgabe der Schwangerschaft gemäß der Auslegung des Mutterschutzgesetzes von 1952. Die Angleichung der Mutterschutzrichtlinien an die modernen Erkenntnisse blieb bisher jedoch aus.

Chirurgischer Mut war gefragt

Die Ärztinnen Dr. Maya Niethard und Dr. Stefanie Donner wollten sich damit nicht abfinden. Niethard war 2013 und Donner 2014 schwanger und beide arbeiteten bis zum sechsten beziehungsweise neunten Monat im OP. Für diese Möglichkeit haben die jungen Fachärztinnen für Orthopädie und Unfallchirurgie allerdings sehr kämpfen müssen.

"Chirurgischer Mut war gefragt. Wir hatten keine Zeit, auf die längst angekündigte Reform des Mutterschutzgesetzes zu warten. Wir waren schwanger und wollten operieren! Mit unserer Erfahrung wollen wir anderen Schwangeren den Weg ebnen. Der Andrang ist sehr groß“, erklären sie unisono.

Ihr Hauptansatz: Weder das Mutterschutzgesetz noch die Verordnung zum Schutze der Mütter am Arbeitsplatz schließen den Umgang mit schneidenden und stechenden Instrumenten und somit einen Einsatz im Operationssaal explizit aus.

Sicheres Arbeiten im OP

In der Tat haben sich die Bedingungen im OP insbesondere für Schwangere durch die großen Fortschritte in der Medizin stark geändert: Durch eine individuelle Gefährdungsbeurteilung kann das Risiko für zahlreiche Gefahrenquellen im OP heute weitestgehend minimiert werden - mit intravenösen und regionalen Anästhesieverfahren gibt es zumindest Alternativen zu Narkosegasen, beim Röntgen können die Schwangeren den OP-Saal verlassen und es sind bezüglich der Infektionskrankheiten Hepatitis C und HIV schnell verfügbare Tests zum Patienten-Screening sowie stichsichere Instrumente verfügbar.

Problematisch ist die jeweils eigenständige Auslegung durch die Landesaufsichtsbehörden, da eine bundesweite Regelung fehlt. Aus ihren persönlichen Erfahrungen entstand das Projekt „Operieren in der Schwangerschaft“ (OPidS), das sie nun gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen chirurgischen Fachbereichen vorantreiben.

Ein Brennpunkt in der Chirurgie

Wir merkten schnell, dass das Thema ein Brennpunkt in der Chirurgie ist“, sagen Niethard und Donner. Allein 2014 führten die beiden Fachärztinnen für Orthopädie und Unfallchirurgie rund 20 individuelle Beratungsgespräche - Schwangere, aber auch Vorgesetzte gleichermaßen hätten demnach ein großes Interesse daran, die heutigen Voraussetzungen zum Operieren in der Schwangerschaft nutzbar zu machen.

„Mit Bekanntgabe der Schwangerschaft wollen Chirurginnen nicht automatisch auf die Fortsetzung ihrer Weiterbildung zur Fachärztin oder auf die operative Tätigkeit als Oberärztinnen verzichten. Das ist heute auch gar nicht mehr nötig!“, so Donner und verweist auf eine deutschlandweite Erhebung aus dem Oktober 2014, wonach 88 Prozent der befragten schwangeren Frauenärztinnen und Chirurginnen aus eigener Motivation ihre operative Tätigkeit bis zur Bekanntgabe ihrer Schwangerschaft fortsetzten.

Um das Wissen strukturiert nutzbar zu machen, trugen Niethard und Donner alle Informationen zusammen. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) entstand das Positionspapier „Operieren in der Schwangerschaft“.

Infos für die Rücksprache mit der Aufsichtsbehörde

Der Ratgeber soll Schwangeren, ihren Vorgesetzten und Akteuren des Gesundheitswesens alle notwendigen Informationen, auf deren Grundlage jede Klinik in Rücksprache mit der zuständigen Aufsichtsbehörde für eine schwangere Chirurgin die Fortführung der operativen Tätigkeit ermöglichen kann.

Damit finden schwangere Chirurginnen, ihre Vorgesetzten und andere beteiligte Klinikakteure erstmals umfassende und notwendige Informationen und Handlungsempfehlungen zu den Aspekten Recht, Röntgen, Strahlenschutz, Infektionsrisiko und Narkose. Zudem werden alle Texte und Informationen auf der neuen Website zur Verfügung gestellt. Zum Download stehen hilfreiche Tools wie beispielsweise eine Checkliste zum strukturierten Vorgehen oder ein Musterbeispiel für eine individuelle Gefährdungsbeurteilung zur Verfügung. Was für schwangere Chirurginnen möglich ist und was nicht, könne jedes Krankenhaus mit der Erstellung einer individuellen Gefährdungsbeurteilung analysieren.

Jede Ärztin muss sich frei entscheiden können

„Die Ärztin muss jedoch frei entscheiden können, ob sie während ihrer Schwangerschaft ihrer operativen Tätigkeit weiter nachgehen möchte. Es darf im Umkehrschluss nicht zu einem zwangsweisen Einsatz im OP-Saal kommen“, betont Niethard.

Das Perspektivforum Junge Chirurgie ist eine Gruppierung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) des Jungen Forums der  e.V. (DGOU) in Zusammenarbeit mit dem Perspektivforum Junge Chirurgie.

„Schwanger und Operieren“: Auswertung einer deutschlandweiten Erhebung unter Frauenärztinnen und Chirurginnen, Geburtshilfe Frauenheilkd. 2014 Sep; 74(9):875-880.

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