55. Jtg. der AG für Kieferchirurgie – Gemeinschaftstagung mit der DGI

Ästhetik – Maßstab kieferchirurgischer Eingriffe

Heftarchiv Zahnmedizin
Die Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Kieferchirurgie, die in diesem Jahr gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Implantologie (DGI) veranstaltet wurde, und die traditionell in Bad Homburg beheimatet ist, wurde erstmals von mehr als 1 000 Teilnehmern besucht. Die Deutsche Gesellschaft für Implantologie feierte in diesem Rahmen ihr zehnjähriges Bestehen.

In seiner Einführung zum Tagungsthema konnte der Erste Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Kieferchirurgie, Prof. Dr. Dr. Friedrich Wilhelm Neukam, Erlangen, mit einer Vielzahl von Beispielen aus der bildenden Kunst darstellen, dass Ästhetik und Funktion in allen Teilgebieten der Kieferchirurgie eine untrennbare Einheit bilden.

Bei dieser Gemeinschaftstagung nahm die Implantologie naturgemäß einen großen Raum ein. Es wurde dargestellt, wie durch Grundlagenforschung zur Verbesserung von Implantatoberflächen das ästhetische Ergebnis beeinflusst werden kann (PD Dr. Peter Schüpbach, Horgen, Schweiz) und welchen unverzichtbaren Wert mikrochirurgische Techniken zur Steigerung der roten Ästhetik mit sich bringen (Prof. Dr. Hannes Wachtel, München). Ebenso wurde dargestellt, welche Kriterien bei der implantologischen Versorgung von Einzelzahnlücken (Prof. Dr. Georg Mailath-Pokorny, Wien, Dr. Dietmar Weng, Würzburg, PD Dr. Murat Yilderim, Aachen) aber auch von komplexen Situationen (Prof. Dr. Manfred Wichmann, Erlangen) berücksichtigt werden müssen, um dem gestiegenen Bedürfnis der Patienten nach einer langfristigen, gleichermaßen ästhetisch wie auch funktionell befriedigenden kaufunktionellen Rehabilitation Rechnung zu tragen.

Langzeiterfahrung mit Implantaten

Der Altmeister Prof. Dr. Dr. h.c. Willi Schulte, Tübingen, referierte über seine jahrzehntelange Erfahrung mit Sofortbelastung und Ästhetik. PD Dr. Stefan Schultze-Mosgau und Mitarbeiter, Erlangen, stellten basierend auf ihren Laborergebnissen zum Tissue-Engineering von Keratinozyten dar, wie durch diese Methode zukünftig die periimplantären Gewebe in ästhetischer Hinsicht beeinflusst werden können.

Durch die Gastreferenten aus dem europäischen Ausland erreichte die Jahrestagung ein internationales Niveau, das kaum überboten werden kann. Diese ließen die Zuhörer durch so attraktive Themen wie „Implantate bei Jugendlichen“ (Prof. Dr. Georg Watzek, Wien) oder der „Periimplantitis“ (Prof. Dr. Robert Haas, Wien), mit der jeder Implantologe schon einmal zu tun hatte, am aktuellen Stand der Implantologie teilhaben.

Orthognathe Chirurgie

Eine besondere Berücksichtigung fand die orthognathe Chirurgie. Obwohl Funktion und Ästhetik bei skelettverlagernden Operationen in der Dysgnathiechirurgie spätestens seit der Einführung der großen Osteotomien gleichberechtigt nebeneinander stehen, konnte insbesondere die Planung der Eingriffe in den letzten Jahren noch maßgeblich verbessert werden (Prof. Dr. Dr. Klaus W. Graetz, Zürich). PD Dr. Dr. Robert Sader und Mitarbeiter, Basel, zeigten, wie heute mit dreidimensionalen Planungsverfahren ästhetische Parameter in der Dysgnathiechirurgie berücksichtigt werden.

Auch der große Wert der Distraktionsosteogenese im Hinblick auf die Ästhetik wurde herausgearbeitet (Prof. Dr. Dr. Jörg Wiltfang, Kiel). Die Techniken der Genioplastik und ihre entscheidende Bedeutung für die Harmonisierung des Gesichtsprofils bei orthopädischen Operationen des Gesichtsschädels stellte Prof. Dr. Dr. Thorsten E. Reichert, Regensburg, dar.

Abgerundet wurde das Thema durch PD Dr. Dr. Knut Grötz und Mitarbeiter, Wiesbaden. Sie konnten interessantermaßen vermitteln, welche weitreichenden psychosozialen Veränderungen nach erfolgreich durchgeführten skelettverlagernden Eingriffen stattfinden.

Traumatologie und Ästhetik

Eindrucksvoll war auch die Darstellung der Traumatologie. Es wurden sowohl die modernen Behandlungsmethoden beim dentalen Trauma (PD Dr. Andreas Filippi, Basel) als auch in der craniofazialen Traumatologie (Prof. Dr. Dr. Nikolas Hardt, Luzern) vermittelt, die endgültig nicht mehr nur auf Funktionserhalt ausgerichtet sind, sondern den Erhalt der Ästhetik als integralen Bestandteil verstehen. Im Hinblick auf die ästhetischen Ergebnisse wurde auch nochmals festgestellt, dass der transkonjunktivale Zugang in der Traumatologie einen festen Stellenwert hat (Dr. Dr. Frank W. Hölzle et al., Bochum).

Ergänzt wurden die Vorträge durch Betrachtungen zur Ästhetik in der craniofazialen Chirurgie (Prof. Dr. Dr. Joachim Zöller, Köln). Es wurde insbesondere auf die Bedeutung der mikrochirurgischen Rekonstruktionen bei der Wiederherstellung von craniofazialen Defekten hingewiesen (Prof. Dr. Hans Kaercher, Graz). Beispielhaft wurde der Zusammenhang zwischen Funktion und Ästhetik beim Thema Lippen-Kiefer-Gaumenspalten dargestellt (Prof. Dr. Dr. Alexander Hemprich, Leipzig). Dieses Referat zeigte deutlich, wie die anatomisch korrekte Rückverlagerung der Ansätze der mimischen Muskulatur die ursprüngliche Funktion wiederherstellt und dadurch gleichzeitig zu einer ungestörten, ästhetischen Entwicklung des Gesichts beiträgt.

Onkologie – trauriger Dauerbrenner

Auch die Onkologie wurde während der diesjährigen Tagung thematisiert. Dimitra Maraki und Mitarbeiter, Düsseldorf, bewerteten die Bedeutung der Exfoliativzytologie durch Bürstenbiopsie und nachfolgende DNA-Bildzytometrie bei erosiven Mundschleimhauterkrankungen. Die Ergebnisse der Studie vermittelten, dass die Exfoliativzytologie eine nicht invasive, einfache Alternative gegenüber konventionellen Biopsien bietet, um Patienten mit einem Risiko für eine maligne Transformation zu identifizieren. An 279 Speicheldrüsentumoren konnten Dr. Dr. Oliver Driemel et al., Erfurt, zeigen, dass die Bestimmung der DNA-Ploidie mittels hoch auflösender Durchflusszytometrie ein wichtiges differentialdiagnostisches Instrument darstellt, um die Dignität verschiedener Prozesse sicherer einschätzen zu können. Prof. Dr. Dr. Thorsten E. Reichert und Mitarbeiter, Regensburg, berichteten über die Präsenz von Tr1-Regulationszellen beim Plattenepithelkarzinom der Mundhöhle, die von unreifen dendritischen Zellen induziert werden und als eine Gruppe von T-Lymphozyten für die periphere Immuntoleranz verantwortlich sind. Es wurde darauf hingewiesen, dass immuntherapeutische Bemühungen zur Behandlung des Plattenepithelkarzinoms auch an diesem Punkt ansetzen sollten.

Auch die Vorträge der Stipendiaten der Arbeitsgemeinschaft für Kieferchirurgie zeigten ein hohes Niveau. Dr. Martin Scheer, Köln, und Dr. Frank Schwarz, Düsseldorf, berichteten zum Fortschritt ihrer Arbeiten in Bezug auf „Cyclooxygenase-2 als Therapietarget in oralen Plattenepithelkarzinomen“ beziehungsweise „Einsatz eines Er:YAG-Lasers bei der nicht chirurgischen Therapie periimplantärer Infektionen“.

Indikation 8er-Extraktion

Neu eingeführt zur Jahrestagung wurde die Podiumsdiskussion zum Thema „Indikationen, Komplikationen und pathologische Befunde im Rahmen der Weisheitszahnentfernung“. Moderiert von Prof. Dr. Peter A. Reichart, Berlin, wurden die verschiedenen, relevanten Aspekte von den Diskussionsteilnehmern Prof. Dr. Dr. Jarg Erich Hausamen, Hannover, Dr. Dr. Hans-Peter Ulrich, Lübeck, Prof. Dr. Dr. Wilfried Wagner, Mainz und Prof. Dr. Isaac van der Waal, Amsterdam, der zusätzlich einen beeindruckenden Vortrag über seine jahrzehntelange Erfahrung zu pathologischen Befunden um den unteren Weisheitszahn hielt, beleuchtet. Es konnte festgestellt werden, dass es weiterhin eindeutige Indikationen zur Entfernung des unteren Weisheitszahns gibt. Diese können sowohl prophylaktischer als auch therapeutischer Art sein und betreffen zum Beispiel rezidivierende Perikoronitiden am unteren Weisheitszahn, Karies und Parodontitiden am zweiten Molaren, die Eingliederung von Zahnersatz, zum Beispiel die Überkronung des zweiten Molaren, und eine Unterkieferfraktur mit dem Weisheitszahn als Repositionshindernis. Bei der kieferorthopädischen Indikation zur Weisheitszahnentfernung wurde festgestellt, dass hier weniger an den tertiären Engstand gedacht als die Notwendigkeit zur Dorsalentwicklung von Seitenzähnen berücksichtigt werden muss. Weiterhin ist nicht nur die Entfernung symptomatischer Weisheitszähne angezeigt. Auch bei dritten Molaren, die nur als Zufallsbefund erkannt werden, muss eine Entfernung in Betracht gezogen werden. Ein jahrzehntelang problemlos retinierter Zahn kann eines Tages symptomatisch werden, ohne dass ein radiologischer Befund vorliegt. Auf Grund des Mangels an evidenzbasierten epidemiologischen Daten sind eine sichere Risikoabwägung und eine Kosten-Nutzen-Analyse zwischen dem Belassen und den möglichen Komplikationen bei einer Entfernung eines Weisheitszahnes bisher nicht abschließend möglich. Bezogen auf die Notwendigkeit einer feingeweblichen Untersuchung bestand Einigkeit, dass Zahnsäckchen nur histopathologisch begutachtet werden sollten, wenn das entnommene Gewebe klinisch auffällig sei. Auf der anderen Seite muss aber jede Zyste um einen Weisheitszahn grundsätzlich einer Untersuchung zugeführt werden.

Termin 2005

Am 5. und 6. Mai 2005 wird das 1. Symposium der Arbeitsgemeinschaft für Kieferchirurgie veranstaltet. Die Gemeinschaftstagung mit allen Tochtergesellschaften der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mundund Kieferheilkunde wird im Rahmen des Deutschen Zahnärztetages vom 26. bis zum 30. Oktober im ICC Berlin stattfinden. Nähere Angaben finden sich unter www.ag-kiefer.de und www.zmk2005.de.

PD Dr. Dr. Emeka NkenkeKlinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgieder Universität Erlangen-NürnbergGlückstr. 1191054 Erlangen

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