Prävention wirkt im Mund und spart Geld
Mit Blick auf die aktuelle gesundheitspolitische Debatte – insbesondere im Zusammenhang mit der anstehenden Reform der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) – entfalten die neuen Ergebnisse der DMS • 6 aus Sicht der Zahnärzteschaft eine besondere Relevanz.
Warken will knapp 20 Milliarden Euro einsparen

Ende März hatte die FinanzKommission Gesundheit (FKG) 66 Empfehlungen zur Stabilisierung der Beitragssätze der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) präsentiert. Mehr als drei Viertel der Vorschläge will Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) umsetzen, kündigte sie am 14. April vor Journalisten in Berlin an. Ohne „entschlossenes Gegensteuern“ sei im kommenden Jahr mit einem Defizit von rund 15 Milliarden Euro zu rechnen, das bis 2030 auf etwa 40 Milliarden Euro anwachsen würde.
Ein entsprechender Kabinettsentwurf soll am 29. April vorliegen. Damit will Warken im kommenden Jahr insgesamt knapp 20 Milliarden Euro einsparen. Alle Beteiligten und Leistungsbereiche des Gesundheitssystems müssten ihren Beitrag leisten, sagte die Ministerin.
Im stationären Sektor sollen die Meistbegünstigungsklausel gestrichen und das Pflegebudget begrenzt werden. Zudem ist ein verpflichtendes Zweitmeinungsverfahren vorgesehen.
Im Arzneimittelbereich sind ein dynamischer Herstellerrabatt sowie ausgeweitete Rabattverträge geplant.
Im vertragsärztlichen Bereich will Warken die extrabudgetären Vergütungen für die offenen Sprechstunden und Vermittlungsfälle abschaffen. Die „Wachstumsdynamik" bei der extrabudgetären Gesamtvergütung will sie begrenzen. Auch die extrabudgetäre Vergütung für die Erstbefüllung und Aktualisierung der elektronischen Patientenakte (ePA) soll ab 2027 wegfallen.
Einbezogen werden sollen auch die Apotheken, etwa durch eine Anpassung des Apothekenabschlags.
Bei den Krankenkassen, medizinischen Diensten und Kassenärztlichen Vereinigungen sind Einschnitte bei der Vergütung außertariflich beschäftigter Führungskräfte und in der Werbung vorgesehen.
„Auch Versicherte und Arbeitgeber müssen einen Beitrag leisten“, sagte Warken. Bestehende Härtefallregelungen sollen jedoch unangetastet bleiben. Vorgesehen ist eine Anpassung der Beitragsbemessungsgrenzen entsprechend den Empfehlungen der Kommission. Die beitragsfreie Mitversicherung soll modifiziert, aber nicht abgeschafft werden. Beitragsfrei mitversichert blieben unter anderem Kinder, Eltern von Kindern unter sieben Jahren, pflegende Angehörige sowie Personen oberhalb der Regelaltersgrenze. Für bislang beitragsfrei mitversicherte Ehepartner sei ab 2028 ein einkommensabhängiger Beitrag von 3,5 Prozent vorgesehen. Auch Arbeitgeber sollen stärker einbezogen werden, etwa durch höhere Pauschalbeiträge für geringfügig Beschäftigte.
Die Empfehlungen der FinanzKommission Gesundheit, die Steuern auf Tabak und Alkohol zu erhöhen sowie eine gestaffelte Steuer auf zuckergesüßte Erfrischungsgetränke einzuführen, werden im Gesetz nicht umgesetzt. Dafür sei das Bundesfinanzministerium zuständig, sagte Warken. Auch sollen die Gesundheitskosten für die Bürgergeldempfänger statt aus Steuermitteln weiterhin aus dem Topf der GKV gezahlt werden.
(Stand zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe am 21. April)
Der KZBV-Vorstandsvorsitzende Martin Hendges betonte bei der Vorstellung der epidemiologischen Daten in der Bundespressekonferenz: „Ein Blick auf die Ausgabenseite und das Gesundheitsergebnis in der vertragszahnärztlichen Versorgung zeigt deutlich: Prävention wirkt. Nicht nur hinsichtlich der Mundgesundheit, sondern auch finanziell. Die Zahnmedizin ist der einzige relevante Versorgungsbereich, dessen Anteil an den GKV-Leistungsausgaben zuletzt erneut gesunken ist.“
„Anders als dem gesamten Gesundheitssektor immer vorgeworfen wird, stimmt im zahnärztlichen Bereich das Verhältnis vom sogenannten Health Outcome und den eingesetzten Mitteln.“
Martin Hendges, KZBV-Vorstandsvorsitzender
Der zahnärztliche Bereich zeige beispielhaft, wie sich Eigenverantwortung und soziale Absicherung in der GKV verbinden lassen, fügte der KZBV-Chef hinzu: „Daher möchte ich nochmals in aller Deutlichkeit sagen: Anders als dem gesamten Gesundheitssektor immer vorgeworfen wird, stimmt im zahnärztlichen Bereich das Verhältnis vom so genannten Health Outcome und den eingesetzten Mitteln.“
Parodontitis muss möglichst früh behandelt werden
Die durch die Studie belegte völlige Kariesfreiheit bei einem Großteil der Kinder bestätige, wie umfangreich die zahnmedizinischen Präventionsangebote genutzt werden. Im Bereich Parodontitis signalisierten die Ergebnisse allerdings dringenden Handlungsbedarf. So zeige die DMS • 6 deutlich, dass die entscheidende Krankheitsdynamik der Parodontitis bereits im mittleren Erwachsenenalter stattfindet. „Um dieser Volkskrankheit mit schweren Folgen für die Allgemeingesundheit endlich Herr zu werden, muss sie also möglichst früh behandelt werden“, schlussfolgerte der KZBV-Vorsitzende.
Mit der präventionsorientierten Parodontitisbehandlungsstrecke habe die Zahnärzteschaft eine wirksame Therapie vorgelegt, die durch die Budgetierung im Zuge des GKV-Finanzstabilisierungsgesetzes jedoch ausgebremst worden sei, kritisierte Hendges. Er forderte: „Es ist höchste Zeit, dass die Politik Prävention zum Leitbild gesundheitspolitischen Handelns macht. Jegliche Sparmaßnahmen hingegen schränken die Präventionsfähigkeit massiv ein und haben fatale Folgen – sowohl für die Gesundheit unserer Patientinnen und Patienten als auch für die GKV-Finanzen durch hohe Folgekosten.“
Mit der DMS • 6 liege die umfangreichste oralepidemiologische Studie vor, die bisher in Deutschland durchgeführt wurde, hielt Hendges fest. Sie liefere somit eine umfassende Datenbasis für evidenzbasierte Grundsatzentscheidungen in der gesundheitspolitischen Diskussion. „Vor diesem Hintergrund ist es für uns nicht nachvollziehbar, dass die Finanzkommission Gesundheit die Studiendaten hinsichtlich ihres Vorschlags zur Begrenzung von angeblicher Über- und Fehlversorgung in der kieferorthopädischen Versorgung völlig außer Acht gelassen hat!“
Prävention in jungen Jahren reduziert Kosten im Alter
Auch BZÄK-Präsidentin Dr. Romy Ermler hob die erfolgreiche Ausrichtung der Zahnmedizin auf die Vermeidung von Erkrankungen hervor. Es sei wichtig, dass Patientinnen und Patienten die vielfältigen präventiven Angebote weiterhin über den „gesamten Lebensbogen“ in Anspruch nehmen.
Dabei dürfe gesundheitliche Teilhabe nicht von Herkunft oder Bildung abhängen. „Wenn wir Prävention gezielt dort verankern, wo sie bislang kaum ankommt, können wir zukünftig weitere Fortschritte erzielen. Das ist aber ganz klar eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nicht von der Zahnmedizin allein geleistet werden kann.“
Aus Sicht der BZÄK-Präsidentin ist dafür unter anderem die Fortführung des guten Zusammenspiels der Gruppenprophylaxe in Kita und Schule sowie der Individualprophylaxe in den Zahnarztpraxen entscheidend.
Die brillanten Ergebnisse fallen nicht vom Himmel
Erfreulich sei, dass einzelne Landesregierungen regelmäßige zahnärztliche Untersuchungen in der Kita bereits gesetzlich verankert haben. „Wir wünschen uns, dass andere Bundesländer hier nachziehen“, sagte Ermler.
„Im internationalen Kariesvergleich ist Deutschland Weltklasse. Wer als Kind gesunde Zähne hat, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch als Senior oder Seniorin noch viele gesunde eigene Zähne haben.“
Dr. Romy Ermler, Präsidentin der BZÄK
Der kontinuierliche Rückgang bei den Karieserkrankungen ist Ermler zufolge beispielhaft: „Im internationalen Kariesvergleich ist Deutschland Weltklasse. Wer als Kind gesunde Zähne hat, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch als Senior oder Seniorin noch viele gesunde, eigene Zähne haben – bei den heute 73- bis 82-Jährigen haben in den vergangenen knapp zehn Jahren 40 Prozent keinen Zahn verloren. Prävention in jungen Jahren spart also auch Geld im Alter.“
In Richtung Politik wandte sich die BZÄK-Präsidentin mit folgendem Appell: „Die herausragenden Ergebnisse der DMS • 6 fallen nicht vom Himmel. Sie zeigen die Leistungsfähigkeit der Zahnärzteschaft im Bereich der Prävention. Die Zahnärzteschaft hat wirksame Präventionskonzepte entwickelt, die jetzt Früchte tragen. Das war harte Arbeit. Ein Lob der Politik reicht uns in diesem Zusammenhang nicht, wir erwarten echte Wertschätzung.“






