Die orthodontische Extrusion tief zerstörter Zähne
Subgingivale und subkrestale Defekte infolge traumatischer Verletzungen oder kariöser Defekte sind aus restaurativer Sicht herausfordernd, weil in den meisten Fällen eine Verletzung der biologischen Breite und nicht genug Zahnhartsubstanz für die Retention einer Kronenversorgung vorliegen. Daher stellt sich die Frage, ob und wie solche Zähne mit einer guten Langzeitprognose restauriert werden können [Torabinejad et al., 2007].
Im Entscheidungsprozess spielen das Ausmaß des Zahnhartsubstanzverlusts und die Lokalisation des Defekts eine wesentliche Rolle. Subgingivale Defektränder verletzen die biologische Breite und wirken sich direkt auf die parodontale Gesundheit der Patientinnen und Patienten aus.
Gefordert wird in der wissenschaftlichen Literatur ein ausreichender Abstand zwischen dem prospektiven Restaurationsrand und dem krestalen Niveau des Alveolarknochens [Schmidt et al., 2013]. Darüber hinaus ist die Frakturresistenz endodontisch behandelter Zähne eine grundlegende Voraussetzung für die Langlebigkeit der Versorgung. Hier beeinflusst die residuale Zahnhartsubstanz mit dem Vorhandensein einer zirkulären Dentinmanschette (Ferrule-Effekt) maßgeblich die Prognose des Zahnes und der Restauration [Naumann et al., 2018].
Vor diesem Hintergrund sind im Fall des Zahnerhalts präprothetische Therapiemaßnahmen unvermeidbar. Chirurgische Kronenverlängerungen, bei denen die klinische Krone durch eine gezielte chirurgische Reduktion des Knochens freigelegt wird, sowie kieferorthopädische Verfahren, bei denen die Wurzel des Zahnes aus dem Alveolarfach bewegt wird, sind mögliche Optionen zur Wiederherstellung der biologischen Breite und zur Freilegung von Zahnhartsubstanz. Dabei ist das Verfahren der chirurgische Kronenverlängerung immer mit einer Verlängerung der klinischen Krone und damit oft mit erheblichen ästhetischen Einbußen verbunden.
Das Konzept der forcierten kieferorthopädischen Extrusion (Forced Orthodontic Extrusion, FOE) beziehungsweise der forcierten Eruption wurde erstmals 1973 von Heithersay beschrieben [Heithersay, 1973]. Dabei wird mithilfe kieferorthopädischer Methoden die Wurzel über das Alveolarfach hinausbewegt, so dass supragingival mehr gesunde Zahnsubstanz zur Verfügung steht, um eine Kronenversorgung zu ermöglichen. Nach einer angemessenen Retentionszeit kann der extrudierte Zahn stabilisiert und restauriert werden. Diese Methode bietet einen konservativen Ansatz, um Zähne, die als nicht erhaltungswürdig eingestuft werden, funktionell und ästhetisch wiederherzustellen.
Seit 1973 wurden zahlreiche Fallberichte veröffentlicht, die unterschiedliche Methoden der kieferorthopädischen Extrusion beschreiben. Nachfolgend wird die Methodik der forcierten orthodontischen Extrusion mit Indikationen, Kontraindikationen sowie Vor- und Nachteilen beschrieben. Insbesondere bei eingeschränkten implantologischen Therapieoptionen, bei jungen sowie kostensensiblen Patientinnen und Patienten können zahnerhaltende Strategien eine sinnvolle und patientenorientierte Behandlungsalternative sein.
Indikationen
Eine Extrusion kommt bei quer oder horizontal gelegenen Frakturen in Betracht, ebenso bei Zähnen mit Defekten unterhalb des marginalen Weichgewebs- sowie des krestalen Knochenniveaus [Simon, 1984]. Diese können in Folge kariöser Prozesse, iatrogener Perforationen oder im Rahmen von Resorptionsvorgängen im zervikalen Anteil der Wurzel auftreten. Eine weitere Anwendung ist die regenerative Parodontologie in der Therapie einwandiger Knochentaschen sowie im Bereich der Rezessionsdeckung in Form einer Nivellierung der gingivalen Konturlinie.
Neben medizinischen Parametern spielen in der täglichen Praxis patientenindividuelle Faktoren eine wesentliche Rolle bei der Therapieentscheidung, die für eine Extrusion und den Zahnerhalt und gegen eine chirurgische Intervention und Implantation sprechen. So kann eine chirurgische Extraktion oder Implantation aus medizinischen Gründen kontraindiziert oder nur unter strengen Ausgangsvoraussetzungen realisierbar sein, beispielsweise bei Patientinnen und Patienten nach Radiatio im Kopf-Hals-Bereich, unter Bisphosphonattherapie, bei Antikoagulation oder bei relevanten kardiopulmonalen Erkrankungen [Chen et al., 2013]. Auch finanzielle Erwägungen können die Indikation für eine Extrusion begünstigen, da die Kosten für implantatgetragene Versorgungen in der Regel von den gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland nicht getragen werden und diese Art der Therapie damit für eine große Bevölkerungsgruppe nicht zugänglich ist.
Eine weitere Patientenkohorte, die von diesem Behandlungskonzept maßgeblich profitiert, ist die Gruppe der Heranwachsenden [Jemt et al., 2006], bei denen eine implantologische Versorgung nicht angezeigt ist. Darüber hinaus kann der Patientenwunsch selbst für den Zahnerhalt sprechen. Auch für Patienten, für die aus ethischen oder persönlichen Gründen augmentative Maßnahmen mit Materialien tierischen Ursprungs ausgeschlossen sind, kann dieses Behandlungskonzept eine interessante Alternative darstellen.
Vorteile
Der größte Vorteil der orthodontischen Extrusion liegt darin, dass sie ein konservatives Verfahren darstellt. Durch das Belassen der Wurzel im Alveolarknochen werden das marginale Knochenniveau und das umliegende Weichgewebe erhalten – im Gegensatz zu chirurgischen Eingriffen, bei denen in den allermeisten Fällen mit einer Reduktion der beiden Komponenten zu rechnen ist [Tan et al., 2012].
Nachdem die koronale Bewegung abgeschlossen ist, kann der Zahn mithilfe eines Stiftaufbaus und einer Krone versorgt werden, ohne dass Nachbarzähne in die restaurative Versorgung einbezogen werden müssen. Außerdem erfolgt die Behandlung schmerzfrei und ist für den Patienten deutlich weniger invasiv als chirurgische Maßnahmen.
Nachteile
Trotz der Vorteile sind mit der Technik der Wurzelextrusion auch einige Nachteile verbunden. So erfordert die orthodontische Extrusion viel Behandlungszeit: Die Zahnbewegung selbst, die Retentionszeit und die anschließende restaurative Versorgung mit den begleitenden endodontischen Maßnahmen nehmen viel Zeit in Anspruch.
Die Mitarbeit des Patienten ist entscheidend für den langfristigen Erfolg der Versorgung, da regelmäßige Kontrolltermine während der orthodontischen Bewegung notwendig sind. Und während der aktiven Extrusionsphase wirkt sich eine Lücke negativ auf das ästhetische Erscheinungsbild der Zahnreihe aus [Bruhnke et al., 2022].
Kontraindikationen
Hyperzementosen, Ankylosen und vertikale Frakturen werden als Kontraindikationen für eine Extrusion angesehen [Simon, 1984]. Bei der Behandlung von Molaren kann eine mögliche prospektive Furkationsbeteiligung nach Extrusion eine Limitation darstellen. Darüber hinaus muss für eine erfolgreiche koronale Bewegung des Zahnes ein ausreichender interokklusaler Abstand vorhanden sein. In einigen klinischen Situationen kann die antagonistische oder approximale Stellung der umgebenden Zähne eine Extrusion beeinträchtigen. Aus diesem Grund ist vor der Behandlung eine präzise Analyse der Platzverhältnisse indiziert.
Weitere Kontraindikationen für eine Extrusion sind eine unzureichende Zahnhartsubstanz für die Retention einer Kronenversorgung nach Extrusion und eine unzureichende parodontale Unterstützung bei Zähnen mit stark komprimittierter Knochenverankerung; ebenso eine unzureichende Compliance und eine mangelnde Mundhygiene.
Die häufigste Art der Komplikation während der Extrusionstherapie selbst ist ein adhäsives Versagen der Extrusionsapparatur. Deshalb sind engmaschige Kontrollen erforderlich. Zudem ist nach der Therapie eine lebenslange Retention dringend zu empfehlen, da ein Rezidiv in Form einer Intrusion die häufigste Komplikationsart nach der Behandlung darstellt.
Techniken im Überblick
Die Extrusion ist als eine koronale Bewegung des Zahnes aus dem Alveolarfach in Richtung der Okklusionsebene definiert. Für die klinische Umsetzung stehen unterschiedliche Verfahren zur Verfügung. Grundsätzlich lassen sich dabei chirurgische und kieferorthopädische Methoden unterscheiden.
Bei der chirurgischen Extrusion wird der betreffende Zahn zunächst aus der Alveole entfernt und anschließend weiter koronal repositioniert. Demgegenüber erfolgt die kieferorthopädische Extrusion durch die Anwendung kontrollierter orthodontischer Kräfte, die den Zahn schrittweise aus der Alveole bewegen.
Die kieferorthopädische Extrusion kann entweder über einen längeren Zeitraum mit geringen Kräften oder als forcierte Extrusion innerhalb weniger Wochen durchgeführt werden. Letztere basiert auf dem Einsatz erhöhter Zugkräfte. In der Theorie überschreiten sie das physiologische Anpassungsvermögen der umgebenden Gewebe, wodurch eine koronale Migration von Gingiva und Alveolarknochen weitgehend reduziert werden soll [Bach et al., 2004].
In der wissenschaftlichen Literatur sind zahlreiche Techniken für eine orthodontische Extrusion zum Erhalt tief zerstörter Zähne beschrieben. Dazu zählen der Einsatz von Magneten [Mehl et al., 2008], von festsitzenden Multibracketapparaturen [Ziskind et al., 1998], von herausnehmbaren kieferorthopädischen Geräten [Murchison & Schwartz, 1986] sowie von modifizierten Totalprothesen [Molina, 1984]. Viele dieser Konzepte sind jedoch mit einem erhöhten apparativen oder technischen Aufwand verbunden und daher nur eingeschränkt für die tägliche Praxis geeignet.
Tabelle 1 fasst exemplarisch das Vorgehen einer forcierten orthodontischen Extrusion mithilfe von an Nachbarzähnen befestigten Zugbändern zusammen und enthält alle Arbeitsschritte und Materialien, die für dieses Verfahren benötigt werden. Die Bilder stammen aus verschiedenen Patientenfällen. Bei sorgfältiger Diagnostik und entsprechender Behandlungsplanung lässt sich dieses Verfahren im klinischen Alltag zuverlässig und reproduzierbar anwenden.
Klinische Bewährung
Trotz zahlreicher publizierter Fallberichte und Fallserien zum Konzept der forcierten orthodontischen Extrusion als präprothetische Maßnahme für den Erhalt stark komprimittierter Zähne ist die wissenschaftliche Evidenz weiterhin begrenzt, da prospektive vergleichende Langzeituntersuchungen fehlen. Die verfügbare klinische Evidenz basiert daher auf einer vergleichsweise kleinen Zahl klinischer Untersuchungen.
Eine der wenigen Studien zu diesem Themengebiet basiert auf der Analyse klinischer Patientendaten, die über einen Beobachtungszeitraum von bis zu zwei Jahren erhoben wurden [Malmgren et al., 1991]. Die Autoren untersuchten insgesamt 33 Zähne bei 32 Patienten und berichten von drei Rezidiven in Form von Intrusionen.
Diese Ergebnisse stehen im Einklang mit einer klinischen Studie, die Daten von 30 Patientinnen und Patienten und 35 extrudierten, mit Einzelzahnkronen restaurierten Frontzähnen und Prämolaren in einem Beobachtungszeitraum von bis zu fünf Jahren auswertet [Bruhnke et al., 2023]. Dabei werden ebenfalls Rezidive in Form einer Intrusion bei drei Patientinnen und Patienten beschrieben. Diese Rezidive sind auf eine fehlende Retention nach der prothetischen Versorgung zurückzuführen, die in der klinischen Praxis mithilfe von festsitzenden oder herausnehmbaren Retainern realisiert werden kann.
Während von einigen Autoren pro Millimeter Zahnbewegung eine Retentionszeit von vier Wochen empfohlen wird [Minsk, 2000], sprechen sich andere Autoren für eine lebenslange Retention aus [Littlewood et al., 2017]. In derselben klinischen Studie mussten zwei Zähne infolge einer Fraktur extrahiert und ersetzt werden.
Die chirurgische Extrusion ist eine Alternative zur kieferorthopädischen. Ein wesentlicher Vorteil dieses Verfahrens liegt im deutlich geringeren zeitlichen Behandlungsaufwand, weil die Therapie in der Regel in einer einzigen Sitzung durchgeführt werden kann. Hierfür ist jedoch eine atraumatische Extraktion des Zahnes erforderlich, die nicht in jeder klinischen Situation gewährleistet werden kann. Auch können individuelle gesundheitliche Voraussetzungen seitens des Patienten gegen eine chirurgische Intervention sprechen.
Ein Vorteil der chirurgischen gegenüber der kieferorthopädischen Extrusion besteht darin, dass potenzielle Wurzelfrakturen direkt bei der Zahnextraktion ausgeschlossen werden können. In einer klinischen Untersuchung wurden für dieses Verfahren Überlebensraten von 92 Prozent bei einem Beobachtungszeitraum von 0,8 bis 6,5 Jahren angegeben [Krug et al., 2018]. Radiologisch zeigten sich bei fünf von den 51 eingeschlossenen Patientinnen und Patienten Anzeichen von Wurzelresorptionen.
Fazit
Insgesamt lässt sich schlussfolgern, dass das Therapiekonzept der orthodontischen Extrusion eine vorhersagbare Methode darstellt, den Erhalt tief zerstörter Zähne sowie deren funktionelle und ästhetische Versorgung zu ermöglichen. Sie bietet einen Therapieansatz, der den Erhalt der geschlossenen Zahnreihe unterstützt, minimalinvasiv und vergleichsweise kosteneffektiv ist.
Literaturliste
Bach, N., Baylard, J. F., & Voyer, R. (2004). Orthodontic extrusion: periodontal considerations and applications. J Can Dent Assoc, 70(11), 775–780.
Bruhnke, M., Beuer, F., Bose, M. W. H., & Naumann, M. (2023). Forced orthodontic extrusion to restore extensively damaged anterior and premolar teeth as abutments for single-crown restorations: Up to 5-year results from a pilot clinical study. J Prosthet Dent, 129(1), 61–68. doi.org/10.1016/j.prosdent.2022.08.033.
Bruhnke, M., Naumann, M., Beuer, F., Herklotz, I., Bose, M. W. H., Neumeyer, S., & Stein-Lausnitz, M. V. (2022). Implant or Tooth?-A Prospective Clinical Study on Oral Health-Related Quality of Life for Patients with „Unrestorable“ Teeth. J Clin Med, 11(24). doi.org/10.3390/jcm11247496.
Chen, H., Liu, N., Xu, X., Qu, X., & Lu, E. (2013). Smoking, radiotherapy, diabetes and osteoporosis as risk factors for dental implant failure: a meta-analysis. PLoS One, 8(8), e71955. doi.org/10.1371/journal.pone.0071955.
Heithersay, G. S. (1973). Combined endodontic-orthodontic treatment of transverse root fractures in the region of the alveolar crest. Oral Surg Oral Med Oral Pathol, 36(3), 404–415. doi.org/10.1016/0030-4220(73)90220-x.
Jemt, T., Ahlberg, G., Henriksson, K., & Bondevik, O. (2006). Changes of anterior clinical crown height in patients provided with single-implant restorations after more than 15 years of follow-up. Int J Prosthodont, 19(5), 455–461.
Krug, R., Connert, T., Soliman, S., Syfrig, B., Dietrich, T., & Krastl, G. (2018). Surgical extrusion with an atraumatic extraction system: A clinical study. J Prosthet Dent, 120(6), 879–885. doi.org/10.1016/j.prosdent.2018.02.006.
Littlewood, S. J., Kandasamy, S., & Huang, G. (2017). Retention and relapse in clinical practice. Aust Dent J, 62 Suppl 1, 51–57. doi.org/10.1111/adj.12475.
Malmgren, O., Malmgren, B., & Frykholm, A. (1991). Rapid orthodontic extrusion of crown root and cervical root fractured teeth. Endod Dent Traumatol, 7(2), 49–54. doi.org/10.1111/j.1600-9657.1991.tb00183.x.
Mehl, C., Wolfart, S., & Kern, M. (2008). Orthodontic extrusion with magnets: a case report. Quintessence Int, 39(5), 371–379.
Minsk, L. (2000). Orthodontic tooth extrusion as an adjunct to periodontal therapy. Compend Contin Educ Dent, 21(9), 768–770, 772, 774 passim.
Molina, D. G. (1984). Using a complete denture for extrusion. Gen Dent, 32(3), 247–249.
Murchison, D. F., & Schwartz, R. S. (1986). The use of removable appliances for forced eruption of teeth. Quintessence Int, 17(8), 497–501.
Naumann, M., Schmitter, M., Frankenberger, R., & Krastl, G. (2018). „Ferrule Comes First. Post Is Second!“ Fake News and Alternative Facts? A Systematic Review. J Endod, 44(2), 212–219. doi.org/10.1016/j.joen.2017.09.020.
Schmidt, J. C., Sahrmann, P., Weiger, R., Schmidlin, P. R., & Walter, C. (2013). Biologic width dimensions--a systematic review. J Clin Periodontol, 40(5), 493–504. doi.org/10.1111/jcpe.12078.
Simon, J. H. (1984). Root extrusion. Rationale and techniques. Dent Clin North Am, 28(4), 909–921.
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Torabinejad, M., Anderson, P., Bader, J., Brown, L. J., Chen, L. H., Goodacre, C. J., Kattadiyil, M. T., Kutsenko, D., Lozada, J., Patel, R., Petersen, F., Puterman, I., & White, S. N. (2007). Outcomes of root canal treatment and restoration, implant-supported single crowns, fixed partial dentures, and extraction without replacement: a systematic review. J Prosthet Dent, 98(4), 285–311. doi.org/10.1016/S0022-3913(07)60102-4.
Ziskind, D., Schmidt, A., & Hirschfeld, Z. (1998). Forced eruption technique: rationale and clinical report. J Prosthet Dent, 79(3), 246–248. doi.org/10.1016/s0022-3913(98)70231-8.
Subgingivale und subkrestale Defekte infolge traumatischer Verletzungen oder kariöser Defekte sind aus restaurativer Sicht herausfordernd, weil in den meisten Fällen eine Verletzung der biologischen Breite und nicht genug Zahnhartsubstanz für die Retention einer Kronenversorgung vorliegen. Daher stellt sich die Frage, ob und wie solche Zähne mit einer guten Langzeitprognose restauriert werden können [Torabinejad et al., 2007].
Im Entscheidungsprozess spielen das Ausmaß des Zahnhartsubstanzverlusts und die Lokalisation des Defekts eine wesentliche Rolle. Subgingivale Defektränder verletzen die biologische Breite und wirken sich direkt auf die parodontale Gesundheit der Patientinnen und Patienten aus.
Gefordert wird in der wissenschaftlichen Literatur ein ausreichender Abstand zwischen dem prospektiven Restaurationsrand und dem krestalen Niveau des Alveolarknochens [Schmidt et al., 2013]. Darüber hinaus ist die Frakturresistenz endodontisch behandelter Zähne eine grundlegende Voraussetzung für die Langlebigkeit der Versorgung. Hier beeinflusst die residuale Zahnhartsubstanz mit dem Vorhandensein einer zirkulären Dentinmanschette (Ferrule-Effekt) maßgeblich die Prognose des Zahnes und der Restauration [Naumann et al., 2018].
Vor diesem Hintergrund sind im Fall des Zahnerhalts präprothetische Therapiemaßnahmen unvermeidbar. Chirurgische Kronenverlängerungen, bei denen die klinische Krone durch eine gezielte chirurgische Reduktion des Knochens freigelegt wird, sowie kieferorthopädische Verfahren, bei denen die Wurzel des Zahnes aus dem Alveolarfach bewegt wird, sind mögliche Optionen zur Wiederherstellung der biologischen Breite und zur Freilegung von Zahnhartsubstanz. Dabei ist das Verfahren der chirurgische Kronenverlängerung immer mit einer Verlängerung der klinischen Krone und damit oft mit erheblichen ästhetischen Einbußen verbunden.
Das Konzept der forcierten kieferorthopädischen Extrusion (Forced Orthodontic Extrusion, FOE) beziehungsweise der forcierten Eruption wurde erstmals 1973 von Heithersay beschrieben [Heithersay, 1973]. Dabei wird mithilfe kieferorthopädischer Methoden die Wurzel über das Alveolarfach hinausbewegt, so dass supragingival mehr gesunde Zahnsubstanz zur Verfügung steht, um eine Kronenversorgung zu ermöglichen. Nach einer angemessenen Retentionszeit kann der extrudierte Zahn stabilisiert und restauriert werden. Diese Methode bietet einen konservativen Ansatz, um Zähne, die als nicht erhaltungswürdig eingestuft werden, funktionell und ästhetisch wiederherzustellen.
Seit 1973 wurden zahlreiche Fallberichte veröffentlicht, die unterschiedliche Methoden der kieferorthopädischen Extrusion beschreiben. Nachfolgend wird die Methodik der forcierten orthodontischen Extrusion mit Indikationen, Kontraindikationen sowie Vor- und Nachteilen beschrieben. Insbesondere bei eingeschränkten implantologischen Therapieoptionen, bei jungen sowie kostensensiblen Patientinnen und Patienten können zahnerhaltende Strategien eine sinnvolle und patientenorientierte Behandlungsalternative sein.
Indikationen
Eine Extrusion kommt bei quer oder horizontal gelegenen Frakturen in Betracht, ebenso bei Zähnen mit Defekten unterhalb des marginalen Weichgewebs- sowie des krestalen Knochenniveaus [Simon, 1984]. Diese können in Folge kariöser Prozesse, iatrogener Perforationen oder im Rahmen von Resorptionsvorgängen im zervikalen Anteil der Wurzel auftreten. Eine weitere Anwendung ist die regenerative Parodontologie in der Therapie einwandiger Knochentaschen sowie im Bereich der Rezessionsdeckung in Form einer Nivellierung der gingivalen Konturlinie.
Neben medizinischen Parametern spielen in der täglichen Praxis patientenindividuelle Faktoren eine wesentliche Rolle bei der Therapieentscheidung, die für eine Extrusion und den Zahnerhalt und gegen eine chirurgische Intervention und Implantation sprechen. So kann eine chirurgische Extraktion oder Implantation aus medizinischen Gründen kontraindiziert oder nur unter strengen Ausgangsvoraussetzungen realisierbar sein, beispielsweise bei Patientinnen und Patienten nach Radiatio im Kopf-Hals-Bereich, unter Bisphosphonattherapie, bei Antikoagulation oder bei relevanten kardiopulmonalen Erkrankungen [Chen et al., 2013]. Auch finanzielle Erwägungen können die Indikation für eine Extrusion begünstigen, da die Kosten für implantatgetragene Versorgungen in der Regel von den gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland nicht getragen werden und diese Art der Therapie damit für eine große Bevölkerungsgruppe nicht zugänglich ist.
Eine weitere Patientenkohorte, die von diesem Behandlungskonzept maßgeblich profitiert, ist die Gruppe der Heranwachsenden [Jemt et al., 2006], bei denen eine implantologische Versorgung nicht angezeigt ist. Darüber hinaus kann der Patientenwunsch selbst für den Zahnerhalt sprechen. Auch für Patienten, für die aus ethischen oder persönlichen Gründen augmentative Maßnahmen mit Materialien tierischen Ursprungs ausgeschlossen sind, kann dieses Behandlungskonzept eine interessante Alternative darstellen.
Vorteile
Der größte Vorteil der orthodontischen Extrusion liegt darin, dass sie ein konservatives Verfahren darstellt. Durch das Belassen der Wurzel im Alveolarknochen werden das marginale Knochenniveau und das umliegende Weichgewebe erhalten – im Gegensatz zu chirurgischen Eingriffen, bei denen in den allermeisten Fällen mit einer Reduktion der beiden Komponenten zu rechnen ist [Tan et al., 2012].
Nachdem die koronale Bewegung abgeschlossen ist, kann der Zahn mithilfe eines Stiftaufbaus und einer Krone versorgt werden, ohne dass Nachbarzähne in die restaurative Versorgung einbezogen werden müssen. Außerdem erfolgt die Behandlung schmerzfrei und ist für den Patienten deutlich weniger invasiv als chirurgische Maßnahmen.
Nachteile
Trotz der Vorteile sind mit der Technik der Wurzelextrusion auch einige Nachteile verbunden. So erfordert die orthodontische Extrusion viel Behandlungszeit: Die Zahnbewegung selbst, die Retentionszeit und die anschließende restaurative Versorgung mit den begleitenden endodontischen Maßnahmen nehmen viel Zeit in Anspruch.
Die Mitarbeit des Patienten ist entscheidend für den langfristigen Erfolg der Versorgung, da regelmäßige Kontrolltermine während der orthodontischen Bewegung notwendig sind. Und während der aktiven Extrusionsphase wirkt sich eine Lücke negativ auf das ästhetische Erscheinungsbild der Zahnreihe aus [Bruhnke et al., 2022].
Kontraindikationen
Hyperzementosen, Ankylosen und vertikale Frakturen werden als Kontraindikationen für eine Extrusion angesehen [Simon, 1984]. Bei der Behandlung von Molaren kann eine mögliche prospektive Furkationsbeteiligung nach Extrusion eine Limitation darstellen. Darüber hinaus muss für eine erfolgreiche koronale Bewegung des Zahnes ein ausreichender interokklusaler Abstand vorhanden sein. In einigen klinischen Situationen kann die antagonistische oder approximale Stellung der umgebenden Zähne eine Extrusion beeinträchtigen. Aus diesem Grund ist vor der Behandlung eine präzise Analyse der Platzverhältnisse indiziert.
Weitere Kontraindikationen für eine Extrusion sind eine unzureichende Zahnhartsubstanz für die Retention einer Kronenversorgung nach Extrusion und eine unzureichende parodontale Unterstützung bei Zähnen mit stark komprimittierter Knochenverankerung; ebenso eine unzureichende Compliance und eine mangelnde Mundhygiene.
Die häufigste Art der Komplikation während der Extrusionstherapie selbst ist ein adhäsives Versagen der Extrusionsapparatur. Deshalb sind engmaschige Kontrollen erforderlich. Zudem ist nach der Therapie eine lebenslange Retention dringend zu empfehlen, da ein Rezidiv in Form einer Intrusion die häufigste Komplikationsart nach der Behandlung darstellt.
Techniken im Überblick
Die Extrusion ist als eine koronale Bewegung des Zahnes aus dem Alveolarfach in Richtung der Okklusionsebene definiert. Für die klinische Umsetzung stehen unterschiedliche Verfahren zur Verfügung. Grundsätzlich lassen sich dabei chirurgische und kieferorthopädische Methoden unterscheiden.
Bei der chirurgischen Extrusion wird der betreffende Zahn zunächst aus der Alveole entfernt und anschließend weiter koronal repositioniert. Demgegenüber erfolgt die kieferorthopädische Extrusion durch die Anwendung kontrollierter orthodontischer Kräfte, die den Zahn schrittweise aus der Alveole bewegen.
Die kieferorthopädische Extrusion kann entweder über einen längeren Zeitraum mit geringen Kräften oder als forcierte Extrusion innerhalb weniger Wochen durchgeführt werden. Letztere basiert auf dem Einsatz erhöhter Zugkräfte. In der Theorie überschreiten sie das physiologische Anpassungsvermögen der umgebenden Gewebe, wodurch eine koronale Migration von Gingiva und Alveolarknochen weitgehend reduziert werden soll [Bach et al., 2004].
In der wissenschaftlichen Literatur sind zahlreiche Techniken für eine orthodontische Extrusion zum Erhalt tief zerstörter Zähne beschrieben. Dazu zählen der Einsatz von Magneten [Mehl et al., 2008], von festsitzenden Multibracketapparaturen [Ziskind et al., 1998], von herausnehmbaren kieferorthopädischen Geräten [Murchison & Schwartz, 1986] sowie von modifizierten Totalprothesen [Molina, 1984]. Viele dieser Konzepte sind jedoch mit einem erhöhten apparativen oder technischen Aufwand verbunden und daher nur eingeschränkt für die tägliche Praxis geeignet.
Tabelle 1 fasst exemplarisch das Vorgehen einer forcierten orthodontischen Extrusion mithilfe von an Nachbarzähnen befestigten Zugbändern zusammen und enthält alle Arbeitsschritte und Materialien, die für dieses Verfahren benötigt werden. Die Bilder stammen aus verschiedenen Patientenfällen. Bei sorgfältiger Diagnostik und entsprechender Behandlungsplanung lässt sich dieses Verfahren im klinischen Alltag zuverlässig und reproduzierbar anwenden.
Klinische Bewährung
Trotz zahlreicher publizierter Fallberichte und Fallserien zum Konzept der forcierten orthodontischen Extrusion als präprothetische Maßnahme für den Erhalt stark komprimittierter Zähne ist die wissenschaftliche Evidenz weiterhin begrenzt, da prospektive vergleichende Langzeituntersuchungen fehlen. Die verfügbare klinische Evidenz basiert daher auf einer vergleichsweise kleinen Zahl klinischer Untersuchungen.
Eine der wenigen Studien zu diesem Themengebiet basiert auf der Analyse klinischer Patientendaten, die über einen Beobachtungszeitraum von bis zu zwei Jahren erhoben wurden [Malmgren et al., 1991]. Die Autoren untersuchten insgesamt 33 Zähne bei 32 Patienten und berichten von drei Rezidiven in Form von Intrusionen.
Diese Ergebnisse stehen im Einklang mit einer klinischen Studie, die Daten von 30 Patientinnen und Patienten und 35 extrudierten, mit Einzelzahnkronen restaurierten Frontzähnen und Prämolaren in einem Beobachtungszeitraum von bis zu fünf Jahren auswertet [Bruhnke et al., 2023]. Dabei werden ebenfalls Rezidive in Form einer Intrusion bei drei Patientinnen und Patienten beschrieben. Diese Rezidive sind auf eine fehlende Retention nach der prothetischen Versorgung zurückzuführen, die in der klinischen Praxis mithilfe von festsitzenden oder herausnehmbaren Retainern realisiert werden kann.
Während von einigen Autoren pro Millimeter Zahnbewegung eine Retentionszeit von vier Wochen empfohlen wird [Minsk, 2000], sprechen sich andere Autoren für eine lebenslange Retention aus [Littlewood et al., 2017]. In derselben klinischen Studie mussten zwei Zähne infolge einer Fraktur extrahiert und ersetzt werden.
Die chirurgische Extrusion ist eine Alternative zur kieferorthopädischen. Ein wesentlicher Vorteil dieses Verfahrens liegt im deutlich geringeren zeitlichen Behandlungsaufwand, weil die Therapie in der Regel in einer einzigen Sitzung durchgeführt werden kann. Hierfür ist jedoch eine atraumatische Extraktion des Zahnes erforderlich, die nicht in jeder klinischen Situation gewährleistet werden kann. Auch können individuelle gesundheitliche Voraussetzungen seitens des Patienten gegen eine chirurgische Intervention sprechen.
Ein Vorteil der chirurgischen gegenüber der kieferorthopädischen Extrusion besteht darin, dass potenzielle Wurzelfrakturen direkt bei der Zahnextraktion ausgeschlossen werden können. In einer klinischen Untersuchung wurden für dieses Verfahren Überlebensraten von 92 Prozent bei einem Beobachtungszeitraum von 0,8 bis 6,5 Jahren angegeben [Krug et al., 2018]. Radiologisch zeigten sich bei fünf von den 51 eingeschlossenen Patientinnen und Patienten Anzeichen von Wurzelresorptionen.
Fazit
Insgesamt lässt sich schlussfolgern, dass das Therapiekonzept der orthodontischen Extrusion eine vorhersagbare Methode darstellt, den Erhalt tief zerstörter Zähne sowie deren funktionelle und ästhetische Versorgung zu ermöglichen. Sie bietet einen Therapieansatz, der den Erhalt der geschlossenen Zahnreihe unterstützt, minimalinvasiv und vergleichsweise kosteneffektiv ist.
Literaturliste
Bach, N., Baylard, J. F., & Voyer, R. (2004). Orthodontic extrusion: periodontal considerations and applications. J Can Dent Assoc, 70(11), 775–780.
Bruhnke, M., Beuer, F., Bose, M. W. H., & Naumann, M. (2023). Forced orthodontic extrusion to restore extensively damaged anterior and premolar teeth as abutments for single-crown restorations: Up to 5-year results from a pilot clinical study. J Prosthet Dent, 129(1), 61–68. doi.org/10.1016/j.prosdent.2022.08.033.
Bruhnke, M., Naumann, M., Beuer, F., Herklotz, I., Bose, M. W. H., Neumeyer, S., & Stein-Lausnitz, M. V. (2022). Implant or Tooth?-A Prospective Clinical Study on Oral Health-Related Quality of Life for Patients with „Unrestorable“ Teeth. J Clin Med, 11(24). doi.org/10.3390/jcm11247496.
Chen, H., Liu, N., Xu, X., Qu, X., & Lu, E. (2013). Smoking, radiotherapy, diabetes and osteoporosis as risk factors for dental implant failure: a meta-analysis. PLoS One, 8(8), e71955. doi.org/10.1371/journal.pone.0071955.
Heithersay, G. S. (1973). Combined endodontic-orthodontic treatment of transverse root fractures in the region of the alveolar crest. Oral Surg Oral Med Oral Pathol, 36(3), 404–415. doi.org/10.1016/0030-4220(73)90220-x.
Jemt, T., Ahlberg, G., Henriksson, K., & Bondevik, O. (2006). Changes of anterior clinical crown height in patients provided with single-implant restorations after more than 15 years of follow-up. Int J Prosthodont, 19(5), 455–461.
Krug, R., Connert, T., Soliman, S., Syfrig, B., Dietrich, T., & Krastl, G. (2018). Surgical extrusion with an atraumatic extraction system: A clinical study. J Prosthet Dent, 120(6), 879–885. doi.org/10.1016/j.prosdent.2018.02.006.
Littlewood, S. J., Kandasamy, S., & Huang, G. (2017). Retention and relapse in clinical practice. Aust Dent J, 62 Suppl 1, 51–57. doi.org/10.1111/adj.12475.
Malmgren, O., Malmgren, B., & Frykholm, A. (1991). Rapid orthodontic extrusion of crown root and cervical root fractured teeth. Endod Dent Traumatol, 7(2), 49–54. doi.org/10.1111/j.1600-9657.1991.tb00183.x.
Mehl, C., Wolfart, S., & Kern, M. (2008). Orthodontic extrusion with magnets: a case report. Quintessence Int, 39(5), 371–379.
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