Verschatte sich, wer kann!
Baulicher Hitzeschutz in der Zahnarztpraxis hat das Ziel, die Raumtemperatur bei starker Hitze zu senken und und umfasst wirksame, dauerhafte Maßnahmen an der Gebäudehülle und der Haustechnik. Die Raumtemperatur in der Praxis beeinflussen zum einen interne Wärmequellen wie Elektrogeräte oder die Anzahl der Menschen, zum anderen äußere Wärmequellen wie die direkte oder indirekte Sonneneinstrahlung, die Außentemperatur oder auch angrenzende Räume mit hoher Wärmelast.
„Durch eine Steuerung dieser Wärmequellen und eine gezielte Abfuhr überschüssiger Wärmelasten kann man die Raumtemperatur optimieren. Für den Grad der Behaglichkeit ist zusätzlich die Raumluftfeuchte zu betrachten“, erläutert Architekt Schulze. Der Experte für thermische Bauphysik ist zuständig für wärmeschutztechnische Planungskonzepte im Berliner Büro „lossen ingenieure“.
Der erste Schritt ist eine Bestandsaufnahme: Bei der Begehung des Praxisgebäudes werden kritische warme Bereiche identifiziert, aber auch Bereiche, die sich vergleichsweise gut kühlen lassen und so als mögliche Ausweichbereiche für vulnerable Patientengruppen fungieren können. Dabei kann man auch die Lage eines geeigneten Pausenraums für das Personal oder das Lager für hitzesensible Medikamente und Materialien ausmachen. „Auf dieser Grundlage kann dann ein Hitzeschutzplan für die jeweilige Praxis erstellt werden“, erklärt der Experte.
Kein Glashaus bauen
Bei einem Neubau sollte man darauf achten, den äußeren Wärmeeintrag durch eine erhöhte außenliegende Dämmung und optimierte Fenstergrößen zu hemmen. „Also kein Glashaus errichten“, empfiehlt Schulze. Wichtig ist hier auch der Einbau eines Sonnenschutzes für die Fenster – etwa mit Sonnenschutzglas oder Folien sowie Verschattungseinrichtungen wie Markisen, Jalousien oder Rollos.
Kühlung bringt auch die Nachtlüftung zur Abfuhr der Wärmelasten in den Zeiten, in denen die Außentemperatur unter der Innentemperatur liegt. Diese kann über eine freie Fensterlüftung erfolgen, wobei die Lüftungsflügel in jedem Fall einen außenliegenden Schutz gegen Regen, Einbruch und Ungeziefer erhalten sollten.
Bei der Neubauplanung besteht außerdem die Möglichkeit, thermische Simulationen zur Ermittlung der zu erwartenden Raumtemperaturen durchzuführen und Wärmebrücken zu berechnen. Sein Rat: „Bei Neubezug sollte das Thema sommerlicher Wärmeschutz oder die mögliche Verbesserung angesprochen und in den Mietvertrag aufgenommen werden."
Beim Einbau einer Lüftungsanlage oder Klimatisierung kann mithilfe einer Zielanalyse die Berechnung des höchsten thermischen Komforts ermittelt werden. „Praxen können hier ihre Kosten minimieren, wenn die Nutzung von Strom der hauseigenen Photovoltaik-Anlage möglich ist. Deren höchster Ertrag entsteht oft genau in den Zeiten des höchsten Klimatisierungsbedarfs“, so Schulze.
Und den „Thermoskannen-Effekt“ vermeiden
Was im Winter schützt, kann im Sommer freilich zur Hitzefalle werden:Die nachträgliche Dämmung eines Gebäudes führt zwar zu verringertem Wärmeeintrag über die Fassade und hält im Winter die Wärme in den Innenräumen. Sie kann aber auch zu einem „Thermoskannen-Effekt“ führen, der im Sommer die Hitze im Gebäude fängt.
Der Effekt beschreibt die starke isolierende Wirkung einer Thermoskanne (doppelwandiges Gefäß mit einem Vakuum im Zwischenraum), um den Temperaturaustausch zwischen dem Innenraum und der Umgebung zu minimieren. „Die Schattenseite zeigt sich an heißen Tagen: Bei extrem gedämmten Neubauten kann sich der Effekt ins Gegenteil verkehren. Einmal eingedrungene Hitze – durch große Fenster oder Elektrogeräte – kann nicht mehr nach außen abgegeben werden, wodurch sich Gebäude im Sommer wie in einer Thermoskanne aufheizen“, warnt Schulze.
Bei einem Bestandsbau müssen die baulichen und die miet- beziehungsweise eigentumsrechtlichen Bedingungen beachtet werden. Eine Anpassung der Fenstergrößen oder ein Umbau der Fenster für eine natürliche Nachtlüftung sei meist nicht möglich, gibt der Architekt zu bedenken.
„Für außenliegende Verschattungseinrichtungen gibt es neben den konstruktiven Vorgaben der Befestigung auch die ästhetischen Auswirkungen auf die Fassade zu beachten. Somit ist die einfachste – aber nicht effektivste – Lösung die Verwendung von innen liegenden Sonnenschutzvorrichtungen. Denn: „Zu beachten ist, dass Sonnenschutzsysteme nicht nur gegen den Wärmeeintrag von außen wirken, sondern auch einer nächtlichen Auskühlung der Räume entgegenwirken, wenn der Sonnenschutz nachts geschlossen bleibt.“
Wie sieht es mit Denkmalschutz aus? Vorrangig sei immer die Sicherung der historischen Bausubstanz (Putz, Fenster und Verkleidungen), betont Schulze. „Hier sollten Lösungsvarianten mit den zuständigen Denkmalschutzbehörden erarbeitet werden, wenn es zu Eingriffen in die Bausubstanz oder die Ansichten kommt. So sind etwa der Ausbau eines historischen Kastenfensters zugunsten eines Fensters mit Sonnenschutzverglasung sowie der Anbau von Verschattungseinrichtungen oder außenliegenden Klimageräten ausnahmslos vorher abzustimmen.
Smartes Lüften kostet nichts
Schulze rät den Praxen, zunächst Maßnahmen zu ergreifen, die einen geringen technischen und finanziellen Aufwand mit sich bringen. „Dazu gehört die organisatorische Sicherstellung der Wärmeabfuhr über die freie Fensterlüftung – insbesondere vor Arbeitsbeginn und nachts, wenn die Außentemperatur geringer ist als die Innentemperatur.“
Eine Priorisierung sollte durch eine Einstufung der kritischen Räume entsprechend der thermischen Belastung erfolgen. Zu überlegen sei auch die Nutzungsverteilung der Räume in der Zahnarztpraxis: So sollte man Aufenthalts- und Behandlungsräume möglichst in nicht-kritische Räume legen. Dies ist im Bestand nur eingeschränkt möglich, sollte aber bei Neubauten oder bei Neubezug bedacht werden.
„Kostenintensiv sind die Maßnahmen, die einen Einbau von haustechnischen Geräten oder einen Eingriff in die Bausubstanz bedingen“, verdeutlicht Schulze. „Das betrifft zum Beispiel den Einbau von zentralen Lüftungsanlagen, Vollklimaanlagen und den Austausch von Fenstern. Einfacher ist, zunächst mobile Ventilatoren zu installieren.“
Hitzeschutzmaẞnahmen
Sonnenschutz und Fenster:
Außenliegende Verschattung: Jalousien, Rollläden oder Markisen anbringen, damit Sonnenstrahlen das Glas gar nicht erst treffen
Wärmeschutzglas: Spezialverglasung mit integriertem Sonnenschutz einbauen
Folieneinsatz: Nachträgliche Sonnenschutzfolien auf Scheiben kleben, wenn bauliche Änderungen nicht erlaubt sind
Lüftung und Kühlung:
Kontrollierte Lüftung: Lüftungsanlagen mit automatischer Nachtauskühlung nutzen
Klimaschonende Kühlsysteme: Energieeffiziente Klimaanlagen oder Kühldecken installieren (dafür die Gremiumsempfehlungen der Zahnärztekammern beachten)
Wärmequellen bündeln: Geräte mit hoher Abwärme wie zum Beispiel Sterilisation und Server in separate, gut belüftete Räume auslagern
Dämmung und Umgebung:
Wärmedämmung: Dach- und Fassadendämmung verbessern, um das Aufheizen von oben und von den Seiten zu bremsen
Begrünung: Dach- oder Fassadenbegrünung anlegen, die das Gebäude auf natürlichem Weg kühlt
Raumaufteilung: Behandlungszimmer nach Möglichkeit auf einer kühleren Seite (Nordseite) anordnen
Fazit
Hitze ist zur Herausforderung für die Praxen und ihre Teams und auch die Patienten geworden. Bei der Arbeitskleidung ist aus hygiene- und arbeitsschutzrechtlichen Gründen nicht viel Luft drin. Neben organisatorischen Maßnahmen, wie einer angepassten Terminplanung, Priorisierung und zusätzlichen Trinkpausen, können eine mobile Kühlung durch Ventilatoren außerhalb des Aerosolbereichs und intelligentes Lüften erste Erfrischung verschaffen.
Bauliche Maßnahmen sind deutlich aufwendiger, kosten- und planungsintensiver, haben aber langfristig einen größeren Effekt auf das Klima der Praxisräume. Hier muss der Praxisinhaber individuell abklopfen, was möglich ist. Vorteilhaft sind Räume mit einer über die Norm hinausgehenden Raumhöhe.
Förderungen für Praxen
Nicht zuletzt hat die Umgebung einen großen Einfluss auf die äußeren Wärmelasten von Praxisgebäuden. Umgebende Gebäude sorgen für Verschattung, Grünflächen kühlen die Räume. Helle Gebäude oder Glasfassaden neigen hingegen durch Reflexion dazu, die Wärmestrahlung zu erhöhen.




