Volle Aufmerksamkeit mit Peter Fox
Samstagmorgen, 9 Uhr, ist in der Praxis „Zahnärzte im Kollwitzviertel“ ausnahmsweise Highlife: Es riecht nach Kaffee, Brötchen und Blumen. Die Brötchen sind längst geschmiert und belegt und liegen jetzt in kleinen Tüten auf dem Tisch im Wartezimmer parat – neben Zahnbürsten, Zahnpasta und weiteren Mundhygieneprodukten. Keine Frage: Das Team ist vorbereitet.
„Es war ein bisschen wie eine Wundertüte“
„Wir wussten nicht genau, was auf uns zukommt – es war ein bisschen wie eine Wundertüte“, wird Praxisinhaberin Dr. Katja Wenk später erzählen. Sie und ihr Team haben mit mehr akuten Fällen gerechnet, mit Schmerzpatienten und natürlich auch mit Menschen, die alkoholisiert oder psychisch belastet in die Praxis kommen. Aber: Es bleibt zwischendurch erstaunlich ruhig.
Gerade erhält eine Patientin eine PZR. Die Behandlung dauert lange, bei der Mundhygiene gibt es viel zu tun. Dennoch ist der Zahnstatus deutlich besser als erwartet; lediglich kleinere Füllungen stehen noch an.
„Wir sind in einer großen Stadt, der Bedarf ist da. Wenn man dafür gute Strukturen schafft, gibt es aus meiner Sicht viele Möglichkeiten.“
Dr. Katja Wenk
Auf den Dental Street Day aufmerksam wurde die Praxis über Social Media. Schon im vergangenen Jahr hatte Wenk die Aktion verfolgt, diesmal wollte das Team mitmachen. Alle seien sehr gespannt gewesen, erzählt sie, vor allem weil niemand genau wusste, in welchem Zustand die Patienten in die Praxis kommen würden. Der betreuende Sozialarbeiter habe das Team jedoch gut vorbereitet. „Eigentlich hatten wir gehofft, dass noch mehr Patienten kommen.“
Im nächsten Jahr will Wenk wieder dabei sein – sie kann sich vorstellen, das Engagement auf Menschen auszuweiten, die einen Zahnarztbesuch aus Sorge vor den möglichen Kosten lange aufschieben.
Peter Fox, Joris und Dota stehen auf der Bühne
„Wenn man nur Schmerzbehandlungen macht, ist man ständig am Reparieren“, sagt Wenk. „Eine vernünftige Zahnerhaltung oder Prophylaxe ist dann kaum noch möglich.“ Ziel müsse deshalb sein, die Menschen früher zu erreichen. Als möglichen Partner nennt sie etwa die Arche, die sozial benachteiligte Kinder, Jugendliche und Familien unterstützt.
„Der Aktionstag ist erst der Anfang!“
Herr Steude, wie viele Praxen haben sich dieses Jahr am Dental Street Day in Berlin beteiligt?
Mischa Ommid Steude: Neun Praxen hatten sich angemeldet, am Ende waren neben unserer Praxis sechs weitere tatsächlich dabei. Wir haben die Zahl der teilnehmenden Praxen damit im Vergleich zum letzten Jahr verdoppelt. Viele Zahnärztinnen und Zahnärzte haben erst spät vom Dental Street Day erfahren und wollten ganz kurzfristig noch mitmachen. Einige haben auch angeboten, an dem Tag bei uns in der Praxis mitzuhelfen.
Ein Zahnarzt, der zu spät dran war, hat mir von einer Redewendung im Bulgarischen erzählt, so etwas wie „positiver Neid“: Ich beneide dich darum, dass du das gemacht hast, weil ich auch Bock darauf gehabt hätte, aber gleichzeitig freue ich mich für dich. Im Großen und Ganzen lief das Praxis-Recruiting also richtig gut – eine ganz andere Situation als vor zwei Jahren, als wir das Ganze allein auf die Beine gestellt haben.
Sie hatten im vergangenen Jahr gesagt, Ihr Ziel sind 30 beteiligte Praxen. Halten Sie das für realistisch?
Die Perspektive ist gut und das Interesse der Kolleginnen und Kollegen groß. Ich gehe stark davon aus, dass es weiter wächst. Da helfen natürlich Social Media und die Aufmerksamkeit, die wir mit unserer Blockparty für das Thema generieren. Ich glaube auch, dass so etwas wie der Auftritt von Peter Fox und der Buzz, der dadurch entsteht, dafür sorgen, dass es immer größer wird.
Während die Suche nach teilnehmenden Praxen offenbar leichter geworden ist, waren dieses Jahr weniger Patientinnen und Patienten da. Woran lag das?
Das Problem ist eher, die Patienten zu erreichen und hierher zu bringen. Den Bedarf gibt es. Man kann die Patienten aber nicht drei Monate vorher für einen einzelnen Behandlungstag einbestellen. Wenn jemand Behandlung braucht, muss er nächste Woche kommen. Das heißt, man hat vielleicht zweieinhalb Wochen Zeit, in denen man die Menschen kontaktiert, Termine organisiert und alles koordinieren muss.
In diesem kurzen Zeitfenster muss sehr viel Manpower bereitgestellt werden. Wenn dann Leute im Urlaub oder die Sozialarbeiter ohnehin schon überlastet sind, wird es schwierig. Dazu kam dieses Jahr wahrscheinlich auch der Samstag, weil viele Sozialarbeiter dann nicht arbeiten. Deshalb werden wir nächstes Jahr vermutlich wieder auf einen Freitag gehen.
Was wollen Sie organisatorisch deshalb beim nächsten Dental Street Day anders machen?
Die Leute, die bei uns mitorganisieren, müssen stärker mit den direkten Betreuern kommunizieren. Hilfreich wären auch Fahrzeuge und Freiwillige, die Patienten abholen und zu den Praxen bringen – wahrscheinlich wäre das sogar einer der größten Gamechanger. Langfristig könnte ich mir sogar vorstellen, jemanden fest dafür einzustellen, der ganzjährig die Organisation übernimmt und über Sponsoring finanziert wird.
Sie haben das Konzept auch an anderen Stellen verändert. Was machen Sie heute bewusst nicht mehr?
Im ersten Jahr hatten wir auch Essen dabei. Das haben wir abgeschafft. Essen gibt es bereits an verschiedenen Stellen. Unser Fokus soll stärker auf der Zahnmedizin liegen. Außerdem glaube ich, dass andere Aktionen mehr Impact haben. Wenn wir über die Party Spenden sammeln, kann zum Beispiel die Berliner Obdachlosenhilfe damit Housing-First-Projekte weiter voranbringen. Davon profitieren die Menschen am Ende mehr als von einem einmaligen Mittagessen.
Was funktioniert heute besser als bei den ersten Dental Street Days?
Die Bereitschaft anderer Praxen ist deutlich besser. Wir haben mittlerweile Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich um den Dental Street Day und alles drumherum kümmern und viel Zeit in die Organisation stecken.
Auch die Öffentlichkeitsarbeit funktioniert besser. „Mit Vergnügen“ hat zum Beispiel berichtet. Bei den großen Tageszeitungen ist noch Luft nach oben. Und auch bei den Firmen beziehungsweise Sponsoren ist es einfacher geworden. Früher gab es Firmen, die gesagt haben: „Wir wollen nicht, dass unser Produkt mit Obdachlosen assoziiert wird.“ Heute gibt es einige, die sofort sagen: „Kein Problem, machen wir.“
Nicht zuletzt sind im Team die Vorbehalte weg. Nach zwei Jahren ist das kein Thema mehr. Wir wissen, was wir machen müssen, und haben keine negativen Erfahrungen gemacht.
Neulich saß hier im laufenden Praxisbetrieb ein wohnungsloser Patient mit einem Bier. Gleichzeitig saßen normale Patienten im Wartebereich – und es hat niemanden gestört. Ich war selbst überrascht von der Selbstverständlichkeit, mit der das mittlerweile bei uns auch außerhalb des Dental Street Day weiterläuft.
Wie viele Menschen versorgen Sie inzwischen über den Dental Street Day hinaus? Denn es war ja von Anfang an ein Ziel, nicht nur an einem Tag zu behandeln.
Die genaue Zahl weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass wir auch mehrfach Zahnersatz gemacht haben. Ich bekomme aus dem Abrechnungsteam immer wieder Rückfragen wie: „Machen wir die Prothese jetzt auch umsonst?“ Daher weiß ich, dass das alles weiterläuft. Bei uns machen das ungefähr drei Kolleginnen und Kollegen. Wir verteilen die Fälle.
Wir haben auch schon wohnungslose Patienten in Implantatkursen behandelt – als Live-Patienten in einer Supervisionssituation. Die Idee ist, solche Patienten perspektivisch stärker in die Kurse zu integrieren, so dass sie zum Beispiel hochwertige Implantatversorgungen bekommen können, ohne dafür etwas bezahlen zu müssen.
Entsteht damit aus dem Aktionstag langsam tatsächlich ein dauerhaftes Versorgungsnetz?
Ja, im Grunde entsteht dieses Netz gerade schon. Nicht nur wir, sondern auch andere Praxen behandeln Wohnungslose über den Aktionstag hinaus. Das Ziel ist ganz klar, dass die Behandlung weitergeht. Der eine Tag ist eigentlich nur ein Marketing-Tool, um das Ganze auf den Weg zu bringen.
Ein großes Thema von Anfang an: Vertrauen. Den Sozialarbeitern war sehr wichtig, dass den Patienten keine Folgekosten entstehen. Es gab intensive Gespräche darüber, weil natürlich die Sorge bestand, dass jemand zu einer Behandlung geschickt wird und drei Monate später eine Rechnung bekommt. Diese Bedenken haben wir ausräumen können.
Zum Dental Street Day gehört mittlerweile ja auch die Blockparty am Abend. Welche Funktion hat sie für das Projekt?
Die Party bedient Awareness, Spenden und Community beziehungsweise Networking. Sie schafft vor allem Aufmerksamkeit für den Dental Street Day und ist ein Vehikel, um das Thema über Social Media weiterzutragen und weitere Zahnärzte zu erreichen. Dieses Jahr konnten wir sogar Peter Fox als main act gewinnen. Die Eintrittsgelder beziehungsweise die Spendeneinnahmen gehen unmittelbar an die beteiligten Hilfsorganisationen.
Und natürlich ist die Party auch ein Community-Ding. Das ist etwas, was sich in den vergangenen Jahren für mich stark verändert hat: Dieser Konkurrenzgedanke unter Zahnärzten löst sich innerhalb dieser Community zunehmend auf. Wir empfehlen uns gegenseitig und unterstützen uns. Ich liebe diesen Community-Gedanken dahinter.
Das Gespräch führte Dr. Nikola Lippe.
Dass es an diesem Vormittag ruhiger bleibt als erwartet, liegt offenbar nicht an fehlender Hilfsbereitschaft der Praxen. Im Gegenteil: Mehr Praxen als je zuvor wollten sich am Dental Street Day beteiligen. Die größere Herausforderung war in diesem Jahr, wohnungslose Patientinnen und Patienten tatsächlich in die Behandlungszimmer zu bringen.
Im Anschluss feierte die Community am Abend ein Straßenfest mit DJs, Streetfood und Live-Auftritten. Neben Peter Fox standen bei der Spenden-Blockparty Joris und Dota auf der Bühne. Alle Einnahmen fließen an die beteiligten Hilfsprojekte.









