Sie wurden erfolgreich abgemeldet!

Interview mit PD Dr. Eva Maier und Prof. Dr. Matthias Widbiller zu 3DenTECT

„Der Lernerfolg steigt, wenn man die Inhalte Hands-on in der eigenen Praxis umsetzt“

Arbeitsmodell aus dem 3DenTECT-Projekt: die nicht relevanten Zähne und Gingivabereiche sind bewusst einfach gehalten, um ein final sehr günstiges Modell (circa fünf Euro) zu ermöglichen. Zu trainierende Szenarien (zum Beispiel komplizierte/unkomplizierte Schmelz-Dentin-Fraktur, Dislokationsverletzungen) sind gezielt an einzelnen austauschbaren Frontzähnen eingearbeitet, die neben den Hartsubstanzverletzungen auch die flexiblen parodontalen Strukturen abbilden. © OTH Regensburg
  •  
3DenTECT entwickelt ein innovatives Fortbildungsformat, das praktische Hands-on-Übungen aus der klassischen Präsenzfortbildung in die eigene Zahnarztpraxis verlagert – Hands-on ohne Hörsaal. Durch die Kombination aus digitalen Lernmodulen und 3D-gedruckten Trainingsmodellen können Behandlungstechniken praxisnah am eigenen Arbeitsplatz trainiert werden. PD Dr. Eva Maier und Prof. Dr. Matthias Widbiller erklären, warum das Format insbesondere für seltene, aber zeitkritische Notfallsituationen wie dentale Traumata vielversprechend ist.

Zahntraumata gehören nicht zum täglichen Routine-Programm vieler Praxen, müssen im Ernstfall aber schnell und richtig versorgt werden. Viele Kolleginnen und Kollegen wissen theoretisch, was zu tun wäre, haben bestimmte Schritte aber selten praktisch geübt. Welche Fehler oder Unsicherheiten begegnen Ihnen in der Akutversorgung besonders häufig?

Prof. Dr. Matthias Widbiller: Sie beschreiben die Herausforderungen bei der Erstversorgung von Zahnunfällen absolut zutreffend: Selbst erfahrene Behandelnde kämpfen in der Akutversorgung mit Unsicherheiten. Die größten Probleme entstehen, wenn initial aufgrund fehlender Routine zu zurückhaltende oder zu invasive Therapieentscheidungen getroffen werden, die als Spätfolge Komplikationen verursachen können.

PD Dr. Eva Maier: Am Unfalltag die richtigen Entscheidungen zu treffen, erfordert Übung, basiert jedoch auf grundlegenden zahnärztlichen Behandlungsprinzipien. Da dentale Traumata individuell verlaufen, selten auftreten und sich nicht in den Praxisalltag planen lassen, ist eine Fortbildung anhand realistischer Unfallszenarien mit den jeweils geeigneten Therapieoptionen besonders sinnvoll. Ein anschließendes Hands-on-Training ermöglicht es, die vermittelten Behandlungsschritte praktisch einzuüben und so Sicherheit und Routine für den Ernstfall zu entwickeln.

Hands-on-Kurse finden traditionell in Präsenz statt. Ihr Projekt verlagert die praktischen Übungseinheiten teilweise in die eigene Praxis. Was kann dieses Format leisten, was die klassische Online-Fortbildung allein nicht kann?

Maier: Obwohl sich das Online-Format immer größerer Beliebtheit erfreut, ertappen wir uns als Zuhörende doch immer wieder dabei, kurz abzuschweifen und nicht aktiv dabei zu sein – vor allem wenn sich die Vorträge über mehrere Stunden ziehen. Unsere Online-Lernplattform soll nach hochschuldidaktischen Prinzipien interaktives Lernen in kleinen Portionen erlauben, fallbezogen und klinisch relevant. Diesen theoretisch anschaulich aufbereiteten Inhalt dann gleich Hands-on in der eigenen Praxisumgebung umsetzen zu können, erhöht den Lerneffekt deutlich.

Wie muss ein 3D-gedrucktes Trainingsmodell beschaffen sein, damit daran nicht nur „irgendwie geübt“, sondern realitätsnah trainiert werden kann?

Widbiller: Dieser Aspekt steht derzeit im Mittelpunkt unseres mit insgesamt über einer Million Euro EU-geförderten Forschungsprojekts und wird technisch von unserem Leadpartner, der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg unter der Leitung von Prof. Dr.-Ing. Thomas Schratzenstaller, umgesetzt. In enger Zusammenarbeit mit uns Klinikern aus Deutschland und Tschechien (Stomatologische Klinik der Medizinischen Fakultät in Pilsen der Karls-Universität Prag; Standortleitung MUDr. et MUDr. Lukáš Hauer, Ph.D) werden Konzepte entwickelt sowie verschiedene Materialien und Materialkombinationen des 3D-Drucks erprobt, um Optik und Haptik der Trainingsmodelle möglichst realitätsnah abzubilden.

Welche Behandlungsschritte eignen sich besonders für ein solches Training und wo stößt das Format an Grenzen?

Maier: Ziel des Trainings ist es, die zahnärztliche Erstversorgung dentaler Traumata anhand möglichst realistischer Fallszenarien abzubilden. Der Fokus liegt dabei auf Verletzungen der Zähne, des Zahnhalteapparats und – soweit sinnvoll darstellbar – angrenzender Weichgewebe. Dazu gehören unter anderem restaurative Maßnahmen wie die Versorgung einer traumatisch eröffneten Pulpa sowie die Reposition und Schienung dislozierter Zähne.

Widbiller: Grundsätzlich kann ein Trainingsmodell die klinische Realität nicht vollständig ersetzen. Ziel ist vielmehr, sich dieser durch geeignete Szenarien, realitätsnahe 3D-gedruckte Modelle und praxisorientierte Übungsabläufe so weit wie möglich anzunähern.

Was ist 3DenTECT?

Weiterbildung für die Akutversorgung von Zahnunfällen

3DenTECT steht für „3D Dental Traumatology Education Community Transfer“ – ein Schulungskonzept, das die Fortbildung von Zahnärztinnen und Zahnärzten im Bereich Traumatologie in die eigenen Praxisräume verlagert. Das theoretische Wissen wird über eine Online-Lehrplattform vermittelt, die praktische Umsetzung wird an wiederverwendbaren 3D-gedruckten Modellen geübt, die verschiedene Verletzungsszenarien abbilden. So soll Weiterbildung flexibel und ortsunabhängig in den Praxisalltag integriert werden können.

Beteiligt am Projekt sind die Ostbayerische technische Hochschule in Regensburg, die Kliniken für Zahnerhaltung der Universitäten Regensburg und Erlangen sowie das Universitätsklinikum in Pilsen/Tschechien. Gefördert wird das Projekt über INTERREG Bayern-Tschechien – deshalb ist eine Teilnahme zunächst nur für Praxen aus der bayerisch-tschechischen Grenzregion (Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern) vorgesehen. Ab Sommer 2028 soll eine deutschlandweite Teilnahme möglich sein.

Wie stellen Sie sicher, dass die Teilnehmenden die Übungen korrekt durchführen, wenn kein Kursleiter neben ihnen steht? Gibt es Feedback- oder Austauschformate?

Widbiller: Für jede Behandlungssituation werden passend zu den Trainingsmodellen detaillierte Schritt-für-Schritt-Anleitungen in Form von Bildern und Videos bereitgestellt. Dadurch können die Teilnehmenden jeden Behandlungsschritt nachvollziehen und bei Unsicherheiten gezielt auf die Lernmaterialien zurückgreifen.

Maier: Ein wichtiger Bestandteil des Konzepts ist zudem die Selbstbewertung. Mithilfe strukturierter Checklisten und definierter Qualitätskriterien können die Teilnehmenden ihre Durchführung kritisch reflektieren und ihren Lernfortschritt selbst einschätzen. Diese Form der Selbstreflexion ist ein etabliertes didaktisches Instrument und fördert den nachhaltigen Kompetenzerwerb.

Widbillder: Darüber hinaus ist ein Forum geplant, das den fachlichen Austausch zwischen den Teilnehmenden und mit dem Dozententeam ermöglicht. Ein solches begleitendes Austauschformat hat sich bereits in anderen Fortbildungskonzepten – etwa den Studiengruppen der DGET – als wertvolle Ergänzung für den Wissenstransfer und die Diskussion klinischer Fragestellungen bewährt.

Der Komfort für die Teilnehmenden ist offensichtlich: keine Reise, kein Praxisausfall, Lernen im eigenen Tempo. Aber wird dadurch auch besser gelernt – oder zunächst vor allem leichter teilgenommen? Gibt es dazu Erfahrungswerte, Evidenz in der Literatur? 

Maier: Der offensichtliche Vorteil unseres Fortbildungskonzepts liegt zunächst darin, die Teilnahmehürden deutlich zu senken: Reisezeiten entfallen, Praxisausfälle werden minimiert und die praktischen Übungen können zeitlich flexibel in den eigenen Arbeitsalltag integriert werden. Gerade für approbierte Zahnärztinnen und Zahnärzte, die gewohnt sind, ihre Fortbildung eigenverantwortlich zu organisieren, ist diese Flexibilität ein wesentlicher Vorteil.

Widbiller: Ob dadurch auch ein größerer Lernerfolg erzielt wird, hängt weniger vom Lernort als von der didaktischen Gestaltung ab. Für Blended-Learning-Konzepte gibt es mittlerweile eine gute Evidenz, dass sie mindestens vergleichbare und häufig sogar bessere Lernergebnisse erzielen können als rein präsenzbasierte oder ausschließlich digitale Formate – vorausgesetzt, die Online-Inhalte, praktische Übungen und Feedback-Elemente sind sinnvoll miteinander verzahnt.

Sehen Sie 3DenTECT als Modell auch für andere zahnmedizinische Fortbildungen, bei denen praktische Fertigkeiten trainiert werden müssen? Welche könnten das sein?

Maier: Im Prinzip ist 3DenTECT eine konsequente Weiterentwicklung der etablierten Ausbildungskonzepte in der Zahnmedizin: Was im Studium durch die Kombination aus theoretischem Unterricht und praktischen Übungen vermittelt wird, wird für die zahnärztliche Fort- und Weiterbildung nach dem Staatsexamen in ein flexibles Blended-Learning-Format übertragen.

Widbiller: Grundsätzlich lässt sich dieses Konzept auf viele andere Bereiche der Zahnmedizin übertragen. Besonders geeignet sind Inhalte, bei denen theoretisches Wissen mit praktischen Fertigkeiten verknüpft werden muss und sich die wesentlichen Behandlungsschritte realitätsnah an Trainingsmodellen üben lassen. Grenzen ergeben sich vor allem dort, wo eine komplexe technische Infrastruktur, spezielle Geräte oder die unmittelbare Anleitung und Unterstützung durch ein Dozententeam unverzichtbar sind.

Welche Voraussetzungen müssten erfüllt sein, damit solche hybriden oder dezentralen Hands-on-Formate breiter in der Fortbildungslandschaft ankommen?

Widbiller: Hybride und dezentrale Hands-on-Formate verstehen wir nicht als Ersatz, sondern als sinnvolle Ergänzung der etablierten Fortbildungsangebote. Spätestens seit der COVID-19-Pandemie haben die digitalen und hybriden Lernformate in der zahnärztlichen Fortbildung deutlich an Akzeptanz gewonnen. Gleichzeitig besteht bei vielen Kolleginnen und Kollegen weiterhin der Wunsch nach praxisnahen Übungen. Die Kombination aus beiden Welten bietet daher großes Potenzial.

Damit sich solche Konzepte langfristig etablieren können, müssen sie didaktisch hochwertig, technisch zuverlässig und wissenschaftlich evaluiert sein. Ebenso wichtig sind die Einbindung in die bestehenden Fortbildungsstrukturen sowie die Akzeptanz durch Fachgesellschaften, Zahnärztekammern und Universitäten. Denkbar ist beispiels­weise, hybride Hands-on-Module als Ergänzung zu den Fortbildungsprogrammen der Zahnärztekammern oder der wissenschaftlichen Fachgesellschaften anzubieten.

Maier: Auch in der universitären Weiterbildung sehen wir großes Potenzial. An der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg nutzen wir in unserem deutschlandweit ersten berufsbegleitenden Masterstudiengang Zahn­erhaltung bereits hybride Lehrformate, um wissenschaftlich fundierte Weiterbildung mit den Anforderungen des Praxisalltags zu vereinbaren.

Könnte dieses Format gerade für ländliche Regionen oder kleinere Praxen ein Weg sein, spezialisierte Inhalte leichter verfügbar zu machen?

Maier: Ja, genau aus diesem Gedanken heraus ist 3DenTECT entstanden. Das Projekt wird derzeit im Rahmen einer EU-Förderung für die bayerisch-tschechische Grenzregion entwickelt und verfolgt das Ziel, die Erstversorgung nach Zahnunfällen insbesondere im ländlichen Raum zu verbessern. Gerade dort können spezialisierte Fortbildungsangebote mit einem hohen Zeit- und Reiseaufwand verbunden sein. Ein dezentrales Hands-on-Format ermöglicht es, sich unabhängig vom Standort praxisnah fortzubilden und die erlernten Behandlungsschritte wiederholt zu trainieren.

Widbiller: Wir sehen darin aber nicht nur einen Vorteil für ländliche Regionen. Auch kleinere Praxen, Einzelpraxen oder Kolleginnen und Kollegen mit eingeschränkten zeitlichen Ressourcen können von einer flexiblen, praxisnahen Fortbildung profitieren. Unser Ziel ist es, hochwertige Weiterbildung unabhängig vom Wohn- oder Praxisstandort verfügbar zu machen und so dazu beizutragen, dass Patientinnen und Patienten überall eine qualitativ hochwertige Erstversorgung nach Zahnunfällen erhalten.

Sehen Sie eine Möglichkeit zu prüfen, ob die Fortbildung tatsächlich die Versorgung nach Zahnunfällen verbessert?

Widbiller: Ein direkter Nachweis, dass die Fortbildung die Versorgung nach Zahnunfällen verbessert, ist aufgrund der Heterogenität dieser Verletzungen und Praxisstrukturen nur schwer möglich und im Rahmen unseres Projekts nicht vorgesehen. Den Lernerfolg werden wir daher mittels standardisierter Vorher-nachher-Befragungen zu Wissen, Handlungssicherheit und Selbstvertrauen in die Erstversorgung erfassen. Darüber hinaus hoffen wir, die Auswirkungen auch im klinischen Alltag zu erleben: Als Universitätskliniken übernehmen wir regelmäßig die Weiterbehandlung komplexer Fälle und freuen uns über jede Patientin und jeden Patienten, bei denen die Erstversorgung am Unfalltag leitliniengerecht erfolgt ist.

Was müsste nach Projektende bleiben, damit aus 3DenTECT eine nachhaltige Struktur wird und nicht nur ein gefördertes Einzelprojekt?

Maier: Damit aus 3DenTECT eine nachhaltige Struktur wird, muss das Konzept auch über die Projektlaufzeit hinaus von den niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen angenommen und aktiv genutzt werden. Unser Ziel ist es, zunächst in der bayerisch-tschechischen Programmregion und perspektivisch – ab Sommer 2028 – auch deutschlandweit Interesse an der Fortbildung zur dentalen Traumatologie zu wecken.

Widbiller: Dabei setzen wir auf eine enge Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Endodontologie und zahnärztliche Traumatologie (DGET). Ebenso wichtig ist uns das Feedback aus der Praxis. Deshalb würden wir uns freuen, wenn Sie sich wenige Minuten Zeit für unsere Umfrage nehmen. Über die URL https://go.ur.de/3dentect können Sie uns Ihre Einschätzung und Anregungen mitteilen. Nur mit diesen Rückmeldungen können wir das Fortbildungskonzept gezielt an die Bedürfnisse der zahnärztlichen Praxis anpassen und kontinuierlich weiterentwickeln.

Das Gespräch führte Dr. Nikola Lippe.

Melden Sie sich hier zum zm-Newsletter des Magazins an

Die aktuellen Nachrichten direkt in Ihren Posteingang

zm Heft-Newsletter


Sie interessieren sich für einen unserer anderen Newsletter?
Hier geht zu den Anmeldungen zm Online-Newsletter und zm starter-Newsletter.

Zum Seitenanfang springen