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Interprofessionelle Mundsprechstunde

Es geht nicht nur um den Mund

Das ausgezeichnete Versorgungskonzept zeigt, warum Mundgesundheit, Mundmotorik, Essen und Schlucken gemeinsam gedacht werden müssen. © Michael Schwettmann_UW/H
Gisela Goedicke-Padligur
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Anna-Lena Hillebrecht
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Menschen mit komplexen Behinderungen brauchen in der zahnmedizinischen Versorgung häufig mehr als eine klassische Untersuchung. Die Interprofessionelle Mundsprechstunde der Universität Witten/Herdecke verbindet Zahnmedizin und Logopädie und wurde bereits mit Preisen ausgezeichnet. Dr. Gisela Goedicke-Padligur stellt das von ihr entwickelte Versorgungskonzept vor; Jun.-Prof. Anna-Lena Hillebrecht ordnet es in die aktuellen gesundheitspolitischen Empfehlungen der WHO und die Weiterentwicklung bedarfsgerechter Versorgungsstrukturen ein.

Eine zahnärztliche Untersuchung beantwortet viele Fragen. Bei Menschen mit komplexen Behinderungen gibt sie aber nicht immer Antworten auf alle Fragen.

Eine eingeschränkte Zungenbeweglichkeit kann die Mundhygiene erschweren, aber ebenso das Kauen, das Schlucken, das Trinken oder das Sprechen beeinträchtigen. Eine veränderte Lippenfunktion kann die Speichelkontrolle, die Nahrungsaufnahme und die Kommunikation betreffen. Schmerzen, Druckstellen, fehlende Zähne oder Prothesenprobleme wirken sich nicht nur auf Befunde aus, sondern auch auf die Ernährung, die Teilhabe und die Lebensqualität.

Für Angehörige, Betreuungspersonen und Pflegekräfte entstehen daraus oft sehr praktische Fragen: Wie kann Mundpflege gelingen, wenn die betroffene Person den Mund nicht gut öffnen kann, sich abwendet oder Berührungen nicht toleriert? Welche Hilfsmittel sind sinnvoll? Wann braucht es eine zahnärztliche Behandlung, wann eine logopädische Therapie, wann eine Anleitung für den Alltag? Genau an dieser Schnittstelle setzt die Interprofessionelle Mundsprechstunde an.

Ein gemeinsamer Blick von Zahnmedizin und Logopädie

2019 habe ich zusammen mit der Logopädin Ute Lehnert an der Universität Witten/Herdecke ein Versorgungskonzept aufgebaut, bei dem Zahnmedizin und Logopädie gemeinsam auf Patientinnen und Patienten mit komplexen Behinderungen schauen. Das Poster mit dem Titel „Interprofessional Oral Consultation – A Collaborative Concept of Dentistry and Speech Therapy for People with Complex Disabilities“ wurde beim Kongress der International Association for Disability and Oral Health in Dublin mit einem Posterpreis ausgezeichnet.

Im Mittelpunkt steht nicht die einzelne Maßnahme, sondern die gemeinsame Befundung. Neben dem zahnmedizinischen Befund werden die Lippen- und die Zungenfunktion, die Mundmotorik, das Kau-, Ess- und Trinkverhalten sowie alltagsbezogene Schwierigkeiten einbezogen. Je nach individuellem Bedarf können eine logopädische Therapie, eine Angehörigenberatung und Maßnahmen aus dem Castillo Morales®-Konzept, einschließlich einer oralen Stimulationsplatte, Bestandteil der Versorgung sein.

Wir sehen in der Mundsprechstunde häufig, dass die zahnmedizinische Frage nur ein Teil des Problems ist. Entscheidend ist, was der Mensch im Alltag braucht: beim Essen, Trinken, Schlucken, bei der Mundpflege und im Zusammenspiel mit Angehörigen oder Betreuungspersonen. Goedicke-Padligur: „Diese Zusammenhänge lassen sich nur erkennen, wenn die beteiligten Professionen gemeinsam auf den Mund schauen. Der Mehrwert entsteht dort, wo die Perspektiven zusammengeführt werden.“

Was zahnmedizinisch als Hygieneproblem erscheint, kann funktionell mit der Mundmotorik, dem Schlucken, dem Tonus, der Haltung oder Assistenzbedarf verbunden sein. Was logopädisch als Ess- oder Trinkproblem auffällt, kann wiederum durch orale Schmerzen, kariöse Läsionen, Schleimhautveränderungen oder prothetische Probleme verstärkt werden. Die gemeinsame Betrachtung macht Zusammenhänge sichtbar, die in getrennten Versorgungswegen leicht verloren gehen.

Was „wirksam“ bedeutet

Wirksamkeit muss in diesem Zusammenhang präzise definiert werden. Die Interprofessionelle Mundsprechstunde ist kein randomisiert geprüftes Interventionsprogramm mit einem einzelnen Endpunkt. Ihre versorgungspraktische Wirkung liegt zunächst darin, dass sie relevante Bedarfe erkennt, Empfehlungen bündelt und den Alltag der Betroffenen, Angehörigen und Betreuungspersonen in die Planung einbezieht.

Gerade bei Menschen mit komplexen Behinderungen ist das ein entscheidender Punkt. Mundgesundheit ist hier nicht allein die Abwesenheit von Karies, Gingivitis oder Schleimhautläsionen. Sie bedeutet auch, essen und trinken zu können, Schmerzen zu vermeiden, den Speichel besser zu kontrollieren, Berührungen im Mundbereich eher zuzulassen und Pflegehandlungen überhaupt möglich zu machen. Eine Versorgung, die diese Dimensionen berücksichtigt, ist näher an dem, was für die Betroffenen und ihre Umgebung tatsächlich zählt.

Bereits 2025 wurde die Interprofessionelle Mundsprechstunde mit dem Wrigley-Prophylaxe-Preis in der Kategorie „Praxis und Gesellschaft“ ausgezeichnet. Der Posterpreis beim iADH-Kongress unterstreicht nun auch international, dass der Ansatz fachlich relevant ist. Auszeichnungen ersetzen keine Versorgungsstruktur. Sie zeigen aber, dass ein Bedarf erkannt wurde und dass nun ein tragfähiges Modell existiert.

Chancengleichheit mitdenken

„Die Mundsprechstunde macht sehr konkret sichtbar, was die WHO inzwischen gesundheitspolitisch ausdrücklich fordert“, ordnet Hillebrecht ein. Der 2026 veröffentlichte WHO-Policy-Brief „Oral health equity for persons with disabilities“ liefert dafür einen wichtigen gesundheitspolitischen Rahmen. Er fordert, Chancengleichheit für Menschen mit Behinderungen konsequent in allen gesundheitsbezogenen Maßnahmen mitzudenken und Versorgung an den Kommunikationsbedarf, die medizinische Komplexität, die körperliche Zugänglichkeit, die Einwilligungsfähigkeit, die Autonomie und den individuellen Unterstützungsbedarf anzupassen.

Besonders relevant ist dabei die Verbindung von wohnortnaher Primärversorgung und verlässlichen Überweisungswegen. Nicht jede Patientin und nicht jeder Patient benötigt eine hochspezialisierte universitäre Struktur. Entscheidend sind vielmehr erreichbare regionale Ansprechpersonen, abgestimmte Versorgungspfade und Einrichtungen, die erkennen, wann eine interprofessionelle oder spezialisierte Einschätzung erforderlich ist. Genau solche gestuften und koordinierten Versorgungsstrukturen hebt die WHO ausdrücklich hervor.

Das Angebot braucht Strukturen

Genau hier liegt die zentrale Herausforderung in Deutschland. Interprofessionelle Angebote für Menschen mit komplexen Behinderungen entstehen häufig dort, wo einzelne Personen eine besondere Expertise, Ausdauer und Netzwerke mitbringen. Das ist wertvoll – aber strukturell fragil. Wenn solche Angebote an Einzelpersonen hängen, bleibt Versorgung abhängig vom Ort, vom Zufall und vom persönlichen Engagement.

Für die Patientinnen und Patienten ist das schwer vermittelbar. Komplexe Behinderungen, seltene Erkrankungen, orofaziale Funktionsstörungen, Schluckprobleme und Unterstützungsbedarf treten nicht nur in der Nähe einzelner Praxen oder Universitätsstandorte auf. Auch Angehörige und Betreuungspersonen brauchen wohnortnah eine erreichbare Beratung. Deshalb sollte die Interprofessionelle Mundsprechstunde nicht als Sonderleistung eines einzelnen Zentrums verstanden werden, sondern als Modell für regionale Versorgungsstrukturen.

Eine flächendeckende Umsetzung müsste allerdings nicht bedeuten, dass überall exakt dasselbe Angebot aufgebaut und vorgehalten wird. Denkbar wären regionale Netzwerke aus spezialisierten Zahnarztpraxen, Universitätszahnkliniken, Sozialpädiatrischen Zentren, logopädischen Praxen, Einrichtungen der Eingliederungshilfe und weiteren therapeutischen oder medizinischen Bereichen. Entscheidend wären klare Zuständigkeiten, einfache Überweisungswege, eine finanzierte Koordinationszeit und eine gemeinsame Dokumentation der relevanten Befunde und Ziele.

So muss es weitergehen

Aus dem ausgezeichneten Modell ergibt sich deshalb ein konkreter Auftrag: Menschen mit komplexen Behinderungen müssen in der zahnmedizinischen Versorgung, in der Aus- und Weiterbildung sowie in Gesundheitsdaten systematisch mitgedacht werden. Erforderlich sind zudem eine angemessene Vergütung und ausreichend Zeit für die interprofessionelle Abstimmung. Die Beratung von Angehörigen, eine gemeinsame Befundung und Koordination sind keine Nebentätigkeiten, sondern zentrale Bestandteile einer bedarfsgerechten Versorgung.

Auszeichnungen für die Mundsprechstunde

Die Arbeitsgruppe um Oberärztin Dr. Gisela Goedicke-Padligur wurde auf dem diesjährigen Kongress der „International Association for Disability and Oral Health (IADH)“ in Dublin ausgezeichnet. Das Team erhielt den Posterpreis in der Kategorie „Non-clinical research“ für seine Präsentation „Interprofessional Oral Consultation – A Collaborative Concept of Dentistry and Speech Therapy for People with Complex Disabilities“. Im Fokus stand dabei das Konzept der Mundsprechstunde nach Castillo Morales®, das die interdisziplinäre Kooperation von Zahnmedizin und Logopädie beleuchtet.

Die IADH setzt sich weltweit als Netzwerk für die Mundgesundheit von Menschen mit Behinderungen und vulnerablen Gruppen ein. Sie ver­netzt Fachleute aus den Bereichen Medizin, Pflege, Forschung und Behinderten­hilfe, um die Wissenschaft und die inklusive Versorgung voranzubringen.

An der Universität Witten/Herdecke wird dieser interprofessionelle Ansatz bereits seit 2019 gelebt: In der Mundsprechstunde arbeitet die Zahnmedizin eng mit der Logopädin Ute Lehnert zusammen. Das Angebot richtet sich an Menschen mit schweren Behinderungen, die Unterstützung bei der Nahrungsaufnahme oder anderen Funktionen im Mund- und Gesichts­bereich benötigen. Ein wesentlicher Teil ist zudem die Beratung des Pflegeumfelds.

Die Erfahrung der Spezialabteilung an der Universität Witten/Herdecke zeigt, dass Patienten mit Behinderungen aller Altersstufen besonders häufig unter anatomischen oder motorischen Störungen im Mund- und Gesichtsbereich leiden. Dazu zählen eine verringerte Muskelspannung sowie Probleme beim Schlucken und Essen – Faktoren, die in der präventiven Zahnmedizin bisher oft zu wenig berücksichtigt werden. Eine schwache Gesichtsmuskulatur führt häufig zu einer dauerhaften Mundatmung, was wiederum Entzündungen, eine starke Zahnsteinbildung, einen verstärkten Speichelfluss und Einschränkungen beim Kauen nach sich ziehen kann.

Seit der Einführung 2019 können Patienten aller Altersgruppen mit komplexen Behinderungen wie Cerebralparese, frühkindliche Hirnschädigung oder auch genetischen (wie Trisomie 21) oder anderen seltenen Erkrankungen (wie dem Angelman-Syndrom oder dem Rett-Syndrom) in dieser „Mundsprechstunde“ betreut werden. Ziel ist es, dass die zahnärztlichen Kolleginnen und Kollegen aufgrund der einfach gehaltenen Konzeption der Sprechstunde die Behandlungen in der eigenen Praxis oder aufsuchend in einer logopädischen oder pädiatrischen Praxis fortführen. Dieser Ansatz des Teams um Dr. Goedicke-Padligur wurde 2025 mit dem mit 3.000 Euro dotierten Wrigley-Prophylaxe-Preis im Bereich „Praxis & Gesellschaft" ausgezeichnet.

Die von Goedicke-Padligur und ihrem Team entwickelte Mundsprechstunde zeigt, wie solch eine Zusammenarbeit praktisch funktionieren kann. Für die Zahnmedizin liegt die nächste Aufgabe darin, aus einzelnen erfolgreichen Modellen verlässliche Netzwerke zu entwickeln – damit die Behandlerinnen und Behandler wissen, wen sie einbeziehen können, und die Patientinnen und Patienten unabhängig vom Wohnort Zugang zu einer bedarfsgerechten Versorgung erhalten.

Die Autorinnen sind über die Deutsche Gesellschaft für Zahnmedizin für Menschen mit Behinderung oder besonderem medizinischen Unterstützungsbedarf (DGZMB) fachlich vernetzt. Diese setzt sich für die Weiterentwicklung bedarfsgerechter und verlässlicher Versorgungsstrukturen für Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf ein.

Dr. med. dent. Gisela Goedicke-Padligur

Oberärztin
Lehrstuhl und Abteilung für Behinderten-
orientierte Zahnmedizin,
Kom. Ltg.: Univ.-Prof. Dr. J. Jackowski,
Fakultät für Gesundheit | Department für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde,
Universität Witten/Herdecke

Jun.-Prof. Dr. Anna-Lena Hillebrecht

Juniorprofessur für Gero- und
Maxillofazialprothetik
Klinik für Zahnärztliche Prothetik,
Universitätsklinikum Freiburg
Hugstetter Str. 55,
79106 Freiburg

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