Premiere der Wissenschaft in Wernigerode
Wir haben in Wernigerode etwas Neues gewagt und unsere etablierten Fortbildungstage erstmals für eine enge Zusammenarbeit mit der DGZMK und der APW geöffnet. Das war ein mutiger Schritt, der sich aus meiner Sicht sehr gelohnt hat“, sagte Prof. Dr. Christian Gernhardt, Präsident der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt und Vorsitzender der Akademie für Praxis und Wissenschaft (APW). „Gemeinsam konnten wir die ganze Bandbreite der Zahnmedizin aus Wissenschaft und Praxis abbilden.“
Die Weichen für die Kooperation hatte der vorherige Vorstand zusammen mit Gernhardt gestellt. Als wissenschaftlicher Leiter gestaltete er dann das Programm gemeinsam mit der DGZMK/APW. Zahlreiche Expertinnen und Experten kamen dafür nach Wernigerode. So wurde das Motto „Die ganze Zahnmedizin aus Wissenschaft und Praxis“ zum Programm.
Wissenschaft und Praxis gehen zusammen
„Mit der Kooperation haben wir zwei starke Partner zusammengebracht: die etablierten Fortbildungstage der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt und die wissenschaftliche Kompetenz und das bundesweite Netzwerk der DGZMK und der APW. Daraus ist ein Programm entstanden, das das gesamte Spektrum der Zahnmedizin abbildet und Wissenschaft und Praxis unmittelbar miteinander verbindet“, sagte Prof. Dr. Dr. Peter Proff, Präsident der DGZMK.
Das Grußwort überbrachte BZÄK-Vizepräsidentin Dr. Doris Seiz. „Wir sind in herausfordernden Zeiten unterwegs und es ist anstrengend: Man hat gute Argumente, geht zur Politik und wird zwar gehört, aber es passiert nichts“, stellte sie fest. Bürokratieabbau werde zwar überall als wichtiges Thema genannt: „Aber wenn es dann soweit ist, dass man wirklich etwas umsetzen möchte, dann tut sich nichts.“ Um dennoch voranzukommen, müsse man sich möglichst auf wenige Themen konzentrieren.
Erstes Ziel sei, die Praxen finanziell und organisatorisch zu entlasten. Sie werde sich daher „mit Vehemenz“ für die Abschaffung der „völlig überflüssigen“ externen Validierung von Thermodesinfektoren und Autoklaven stark machen. Dort sei man bereits unter Nina Warken in vielen Gesprächen gut vorangekommen, das müsse nach dem Wechsel in der Führung des Bundesgesundheitsministeriums fortgesetzt werden.
Die Zähne bestätigten Ottos Alter
Für einen Blick über das klassische Spektrum der Zahnmedizin hinaus sorgte der Festvortrag von Prof. Dr. Rüdiger Lessig, seit 2010 Leiter des Instituts für Rechtsmedizin in Halle. Unter dem Titel „Was macht ein Zahnmediziner in der Rechtsmedizin?" gab er zahlreiche Beispiele, welche Rolle zahnmedizinisches Wissen in der forensischen Medizin spielen kann. Neben der Identifizierung Verstorbener beschäftigt er sich mit seinem Team mit forensischer Molekulargenetik, forensischer Bildgebung und toxikologischen Fragestellungen. Ein außergewöhnliches Beispiel seiner Arbeit war die Untersuchung der sterblichen Überreste Ottos des Großen im Zuge der Sanierung seiner Grablege im Magdeburger Dom. Mithilfe forensischer Methoden konnten die Wissenschaftler das überlieferte Lebensalter des Kaisers bestätigen.
Echtzeit-MRT macht dynamische Bewegungen beim Kauen sichtbar
Die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) hat den Deutschen Millerpreis 2026 an PD Dr. Eva Paddenberg-Schubert, Dr. Sebastian Krohn und ihr Team aus Zahnmedizinern, Physikern und Radiologen verliehen. Ausgezeichnet wurde eine Forschungsarbeit, die mit einer innovativen Multi-Slice-Echtzeit-MRT erstmals dynamische Bewegungen beider Kiefergelenke unter kaufunktioneller Belastung mit hoher zeitlicher und räumlicher Auflösung sichtbar macht. Die Preisverleihung fand am 18. September in Wernigerode statt.
Der Unterkiefer ist ein muskulo-ligamentär, elastisch aufgehängter, starrer Körper mit sechs Freiheitsgraden, die komplexe Dreh- und Gleitbewegungen ermöglichen. Diese werden durch die bilateral koordinierte, intraartikuläre Verschiebung von Condylus mandibulae und Discus articularis gewährleistet. Technische Einschränkungen und die damit verbundene limitierte Verfügbarkeit von In-vivo-Bewegungsanalysen der Mandibula haben zu Einschränkungen des biomechanischen Verständnisses der Kiefergelenk-Kinematik geführt. Was genau beim Öffnen und Schließen des Mundes und beim Kauen im Kiefergelenk geschieht, lässt sich mit herkömmlichen bildgebenden Verfahren nur eingeschränkt untersuchen.
Das Team hat deshalb eine Multi-Slice-Echtzeit-MRT eingesetzt, mit der sich die Bewegungen beider Kiefergelenke während des Kauvorgangs und bei lastfreien Unterkieferbewegungen direkt verfolgen und quantitativ beschreiben lassen. Auf diese Weise können Abweichungen in der Kinematik zwischen verschiedenen Diskuslagebeziehungen objektiv visualisiert werden. Dank einer optimierten Bildrekonstruktion umgeht diese Technik die Limitationen der bisherigen Verfahren und kann so viele Bilder pro Sekunde ohne weitere Hilfsmittel anfertigen. Durch diese neuartige Diagnostik können strukturelle Abweichungen im Kiefergelenk präzise beurteilt und deren klinische Bedeutung direkt analysiert werden. Die Erkenntnisse stellen eine Pionierarbeit zur präzisen Abgrenzung gesunder und pathologischer Diskuspositionen dar, um Funktionseinschränkungen in Abhängigkeit von der Kaubelastung zu visualisieren.
„Unsere Untersuchungen zeigen, dass Rotation und Translation bereits bei kraftfreien Öffnungs- und Schließbewegungen des Mundes stets miteinander gekoppelt sind“, sagt Paddenberg-Schubert. Die häufig beschriebene Vorstellung, dass zunächst eine reine Drehbewegung und anschließend eine Gleitbewegung bei der Mundöffnung erfolgt, bestätigte sich in den Untersuchungen nicht.
Auch die Härte der Nahrung hatte insgesamt keinen signifikanten Einfluss auf die Kiefergelenkkinematik. Untersucht wurden Kaubewegungen mit Boli von Brot, Käse, Karotte und Karamell. Beim unilateralen Kauen bestätigte sich zudem eine bereits bekannte funktionelle Asymmetrie: Auf der Balanceseite traten generell größere Vorwärtsbewegungen auf als auf der Arbeitsseite.
Bei pathologischen Veränderungen, insbesondere einer Diskusverlagerung ohne Reposition, ging das Kauen mit deutlichen Veränderungen der Kiefergelenkbewegung einher, die vor allem auf der Balanceseite beobachtet wurden. „Wir würden im nächsten Schritt gerne einen biomechanischen Korridor definieren, in dem physiologische Kieferbewegungen stattfinden, um davon abweichende Pathologien aufzeigen zu können“, erläutert Krohn, Fachzahnarzt für Kieferorthopädie.
Für Paddenberg-Schubert ist die Auszeichnung eine Anerkennung der interdisziplinären Forschungsarbeit: „Wir haben uns riesig über den Deutschen Millerpreis gefreut. Für unser gesamtes Team ist diese Auszeichnung eine große Ehre und eine besondere Anerkennung der Arbeit, die über viele Jahre in dieses Forschungsprojekt geflossen ist. Sie zeigt uns auch, dass es sich lohnt, grundlegenden Fragen der Kiefergelenkfunktion mit neuen Methoden nachzugehen.“
Der ausgezeichneten Arbeit gingen zahlreiche Voruntersuchungen voraus. Die entwickelte Methode trägt zum Verständnis der komplexen mandibulären Biomechanik bei, könnte künftig die dynamische Kiefergelenkdiagnostik ergänzen und insbesondere bei therapieresistenten oder -refraktären klinischen Situationen zusätzliche Informationen liefern.
Prof. Dr. Edgar Schäfer thematisierte die Medikamentengabe in der Endodontie. Antibiotika stellten grundsätzlich keine Alternative zur kausalen endodontischen Therapie dar. Auch seien Schmerzen keine Indikation für eine systemische Antibiotikagabe. Indiziert seien Antibiotika nur bei dentogenen Abszessen mit Ausbreitungstendenz oder bei Logenabszessen, bei solchen im Zusammenhang mit einem reduzierten Allgemeinzustand wie Fieber oder Lymphadenopathie sowie bei rasanter Ausbreitung oder der Gefahr einer Osteomyelitis.
Zur Vermeidung von postoperativen Schmerzen nach einer endodontischen Behandlung empfahl er, ein Analgetikum direkt nach der Behandlung zu geben und danach regelmäßig alle sechs Stunden über die nächsten zwei Tage. Bei leichten bis moderaten Schmerzen komme Ibuprofen (200 bis 400 mg) in Betracht. Wenn NSAPs (nicht-steroidale Antiphlogistika) nicht indiziert sind, solle Paracetamol (600 bis 1.000 mg) oder bei moderaten Schmerzen Paracetamol (1.000 mg) plus Codein (60 mg) gegeben werden.
Alignertherapie ohne KFO-Wissen?
„Alignertherapie – geht das ohne kieferorthopädische Kenntnisse?“, fragte Proff provokant in seinem Vortrag. Seine Antwort: Aligner-Behandlungen empfiehlt er ausschließlich gut ausgebildeten Zahnärztinnen und Zahnärzten, die in Diagnostik und Therapie das gesamte kieferorthopädische Spektrum beherrschen. Und dafür brauche man Skelettalparameter (Röntgenbilder). Die Alignertherapie bedürfe einer umfangreichen, zeitaufwendigen Planung und einer sehr genauen und realistischen Definition des virtuellen Behandlungsziels.
Prof. Dr. Dr. Eik Schiegnitz aus Mainz zeichnete in seinem Vortrag zu knöchernen Augmentationsverfahren den Weg von der klassischen Blockaugmentation hin zu partikulären Schalentechniken nach. Während dickere Knochenblöcke häufig weniger gut durchblutet würden, lasse sich mit dünnen Knochenschalen ein dreidimensionaler Raum für die Aufnahme partikulären Knochenmaterials schaffen. Die Schalentechniken werden laut Schiegnitz daher heute bevorzugt eingesetzt. Insbesondere bei der horizontalen Augmentation ließen sich damit gute Ergebnisse erzielen, doch wie überall seien auch dort Lernkurven nötig.
Ehrennadel der DGZMK für Dr. Guido Wucherpfennig
Die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) würdigt damit sein langjähriges Engagement für Wissenschaft, Fortbildung, Wissenstransfer, Patienteninformationen und den zahnmedizinischen Nachwuchs. Die Ehrung fand am 18. September in Wernigerode statt.
Wucherpfennig gehörte von 2009 bis 2021 dem DGZMK-Vorstand an. Nach acht Jahren als Beisitzer übernahm er 2017 das Amt des Generalsekretärs, das er bis 2021 ausübte. Als praktizierender Zahnarzt und Fortbildungsreferent der Zahnärztekammer Thüringen brachte er dabei die Perspektive der Zahnmedizin aus der Praxis in die Vorstandsarbeit ein, hieß es in der Laudatio. Sein besonderes Anliegen war demnach, „Verständnisbarrieren“ zwischen Wissenschaft, Praxis und Standespolitik zu überwinden und den Austausch zwischen den verschiedenen Bereichen zu fördern. Bei den Deutschen Zahnärztetagen setzte er sich für die Etablierung des Studententags ein und schuf damit eine Möglichkeit, Studierende frühzeitig mit der wissenschaftlichen Zahnmedizin und der DGZMK vertraut zu machen.
„Mein Beruf hat mir immer Spaß gemacht und ich behandle noch heute gern, wenn auch in geringem Umfang“, sagte Wucherpfennig, der sich selbst scherzhaft als „Teilzeitrentner“ bezeichnet. Sein Verständnis von der Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und Praxis brachte er mit einem Augenzwinkern auf den Punkt: „Das Motto der DGZMK ist ‚Wissen schafft Praxis‘, aber Praxis schafft auch Wissen.“
Prof. Dr. Florian Beuer aus Berlin stellte eine Studie zur Implantatprothetik vor, nach der die Art der prothetischen Versorgung über einen Zeitraum von durchschnittlich 18 Jahren einen unabhängigen Risikofaktor für die Entwicklung von Periimplantitis darstellt. Implantate mit herausnehmbarem Zahnersatz wiesen häufiger Periimplantitis (31,3 Prozent) auf als solche mit festsitzendem Zahnersatz, bei denen sich sich häufiger eine Mukositis (42,8 Prozent) zeigte [Kesar et al., 2023].
Prof. Dr. Roland Frankenberger aus Marburg schaute gemeinsam mit dem Auditorium auf das Jahr zwei nach dem Amalgamverbot. Amalgam „hätte sich auch ohne Verbot von selbst ausgeschlichen“, denn bekanntlich sinke seit vielen Jahren die Nachfrage, sagte Frankenberger. Glasionomerzement (GIZ) funktioniere bis zu einer gewissen Kastenbreite gut. Ist der Defekt in vestibulo-bukkaler Ausdehnung zu breit, könne es aufgrund seiner schlechteren Biegefestigkeit gegenüber Komposit leicht brechen. Für Milchzähne sei lichthärtender GIZ allerdings eine gute (zuzahlungsfreie) Versorgung.
Literaturliste
Kesar N, Weigl P, Nentwig GH, Krebs M. Prevalence and risk of peri-implant diseases based on the type of prosthetic restoration: A retrospective study after 17 to 23 years. J Prosthet Dent. 2023 Nov;130(5):690-697. doi: 10.1016/j.prosdent.2021.11.030.









