Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen in zehn Jahren um 42 Prozent gestiegen
Die stetige Zunahme von Krankmeldungen aufgrund psychischer Erkrankungen und die damit verbundenen langen Ausfallzeiten sind wesentliche Treiber für den Anstieg der Fehlzeiten in den vergangenen Jahren, schreibt das WIdO. Wurden 2016 noch 284 Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) je 100 Mitglieder verzeichnet, lag dieser Wert 2025 bei 403 Tagen je 100 Mitglieder.
Im Schnitt Ausfall von 28,5 Tagen je Fall durch Psyche
Psychische Erkrankungen stehen dem Fehlzeiten-Report zufolge bei der durchschnittlichen Dauer der Krankschreibung je Fall mit 28,5 Tagen an der Spitze. Bei den Atemwegserkrankungen waren es beispielsweise zum Vergleich 2025 nur 5,7 Tage je Fall. Ein überdurchschnittlicher Anstieg von 77 Prozent war demnach auch bei der Zusatzdiagnose Burnout zu verzeichnen: Während 2016 noch elf Ausfalltage je 100 AOK-Mitglieder mit der Diagnose Burnout erfasst wurden, waren es 2025 bereits 19,5 Tage.
Über alle Erkrankungen hinweg gab es bei den Fehlzeiten jedoch einen leicht rückläufigen Trend. So waren demnach 2025 je AOK-Mitglied 23,3 AU-Tage zu verzeichnen.
Damit liege der Wert leicht unter dem Spitzenwert aus dem Jahr 2022 (24,5 Tage) und der Jahre 2023 und 2024 (jeweils 23,9 Tage), aber immer noch deutlich über dem Niveau vor der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU).
„Die eAU hat neben dem Anstieg der Atemwegserkrankungen infolge der Coronapandemie und dem stetigen Zuwachs bei den psychischen Erkrankungen zu einer vollständigeren Erfassung der Krankmeldungen und zu einem Niveau-Shift nach oben geführt“, sagte Helmut Schröder, WIdO-Geschäftsführer und Mitherausgeber der Fehlzeiten-Reports. Im ersten Halbjahr 2026 lagen die erfassten AU-Tage unter dem Niveau des ersten Halbjahres 2025, sodass in diesem Jahr mit einem weiter sinkenden Krankenstand zu rechnen sei.
Deutliche Unterschiede zwischen Berufsgruppen
Bei den Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen zeigten sich dem Report zufolge deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Berufsgruppen: Weit vorne lagen 2025 Berufe im Dialogmarketing mit 39 AU-Fällen je 100 Mitglieder, gefolgt von Berufen in der Haus- und Familienpflege (25,6 Fälle) und in der Altenpflege (24,9 Fälle). Danach folgten Berufe in der Heilerziehungspflege und Sonderpädagogik (24,6 Fälle) und Berufe in der Kinderbetreuung und -erziehung (23,0 Fälle).
„In diesen Berufen wirken mehrere psychosoziale Belastungsfaktoren, die sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirken“, sagte Prof. Dr. Steffi Riedel-Heller, Leiterin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health an der Universität Leipzig und Autorin im Fehlzeiten-Report. „Hohe emotionale Anforderungen, Verantwortung für andere Menschen und ein hohes Arbeitspensum in Kombination mit begrenzter Kontrolle über Arbeitsabläufe und oftmals unzureichende soziale Unterstützung wirken sich in häufigeren und längeren Fehlzeiten aus.“
Die längsten Ausfallzeiten bei den psychischen Erkrankungen entfielen laut dem Report auf die Diagnose „Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen“, gefolgt von depressiven Episoden und wiederkehrenden depressiven Störungen.
In einer aktuellen Beschäftigten-Befragung für den Fehlzeiten-Report zeigte sich nach Worten von WIdO-Geschäftsführer Helmut Schröder, dass Sorgen um die eigene wirtschaftliche Situation oder die Angst vor Arbeitslosigkeit bei den Beschäftigten mit mehr Belastungen wie Niedergeschlagenheit, Wut oder Erschöpfung einhergehen.
Unterstützende Angebote sind wichtig
„Angesichts einer zunehmend angespannten wirtschaftlichen Situation in Deutschland ist davon auszugehen, dass sich sowohl die Sorgen wie auch die psychischen Belastungen und kognitiven Irritationen verstärken werden. Dies könnte sich perspektivisch auch negativ auf die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen auswirken“, sagte Schröder. Es gelte daher, im betrieblichen Setting unterstützende Angebote zu entwickeln, die helfen, die Situation für Unternehmen, Führungskräfte und Beschäftigte gleichermaßen zu entlasten.
Arbeit könne nicht nur ein Risiko, sondern auch eine Ressource für psychische Gesundheit sein, betonte Riedel-Heller. „Gute Arbeit bietet Sicherheit, Zugehörigkeit, Struktur und Selbstwirksamkeit.“ Wenn man psychisch bedingte Fehlzeiten reduzieren wolle, sei die Gestaltung der Arbeitsbedingungen entscheidend.
Der Fehlzeiten-Report wird seit 1998 vom WIdO in Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld und der Berliner Hochschule für Technik herausgegeben. Für die Analyse mit dem Schwerpunkt „Mentale Gesundheit in der Arbeitswelt stärken“ wurden Daten von 14,9 Millionen erwerbstätigen AOK-Versicherten ausgewertet.




