Studie zu Parodontitis und Körperkraft

Korrelation oder Kausalität?

Ein Expertenteam der Universitätszahnklinik Greifswald hat untersucht, inwieweit Parodontalerkrankungen, sprich Attachmentverlust, Einfluss auf nachlassende Körperfunktionen haben können, wie sie zunehmend im Alterungsprozess des Menschen auftreten.

Abbildung 1: Untersuchungs-Situation zur Messung der Greifkraft (Insert zeigt das Gerät, Digital Hand Dynamometer Jamar®Plus) © Meisel et al.

Abbildung 2: Greifkraft der dominanten Hand in Relation zum Attachmentverlust der Probanden: Jeder Punkt repräsentiert einen Teilnehmer, die Linien die Regressionsgeraden. © Meisel et al.
Abbildung 3: Relative Greifkraft der dominanten Hand in Relation zur Anzahl der aktuell vorhandenen Zähne jeweils bei Männern und Frauen mit normalen und erhöhten Werten von HbA1c als Zeichen einer schlechteren Glukosestoffwechsel-Einstellung (kontrolliert für Alter und Relation Bauch- zu Hüftumfang) © Meisel et al.

Es ist eine unausweichliche Erfahrung aller Menschen, dass mit zunehmendem Alter viele Körperfunktionen nachlassen. Bemerkt wird dies besonders durch eine eingeschränkte Sehfähigkeit, eine eingeschränkte Hörfähigkeit und die Abnahme der Körperkraft. Ebenso mit dem Altern verbunden  ist das Zurückweichen des Zahnfleischs, also die Zunahme des parodontalen Attachmentverlusts. Dieser Attachmentverlust reflektiert die lebenslange Summation aller Risikoeinflüsse, die auf parodontale Erkrankungen einwirken.

Betrachtet man alle diese altersbedingten Erscheinungen, so liegt es auf der Hand, dass sie miteinander korreliert sein müssen. Man kann also leicht einen statistischen Zusammenhang zwischen nachlassender Körperkraft und parodontalem Attachmentverlust herstellen. Die Frage dabei ist jedoch, ob ein solcher Zusammenhang lediglich parallel mit dem Alter eine statistisch nachweisbare Korrelation ist, oder ob es eine kausale, pathogenetisch begründete Beziehung zwischen Körperkraft und Parodontitis gibt.

Einführung

Da sind zunächst gemeinsame Risikofaktoren für nachlassende Muskelkraft (im schlimmeren Fall Sarkopenie) und Parodontitis zu nennen. Bekannt sind hierfür vor allem Diabetes, Adipositas und chronische Entzündungen [Abbatecola AM, Ferrucci L, Ceda G et al., 2005; Genco RJ, Grossi SG, Ho A, Nishimura F, Murayama YA, 2005]. Beziehungen existieren einerseits zwischen Fettleibigkeit und Muskelkraft und andererseits zwischen Fettleibigkeit und Fitness, Zahnzahl und Kaufähigkeit [Stenholm S, Rantanen T, Heliövaara M, Koskinen S, 2008; Miura H, Kariyasu M, Yamasaki K, Arai Y, Sumi Y., 2005; Okada K, Enoki H, Izawa S, Iguchi A, Kuzuya M, 2010]. Auch wenn bislang ungeklärt ist, wodurch ein pathogenetischer Kausalzusammenhang zu erklären wäre, sind doch Hinweise vorhanden, dass systemische und/oder lokale Entzündungen als Bindeglieder fungieren könnten [Stenholm S, Rantanen T, Heliövaara M, Koskinen S, 2008; Hämäläinen P, Rantanen T, Keskinen M, Meurman JH, 2004; Stenholm S, Sallinen J, Koster A et al., 2011].

Die altersbedingte Abnahme der Körperkraft lässt sich teilweise auf den Ersatz von Muskelzellen durch Fettgewebe erklären. Handelt es sich dabei um stoffwechselaktive Fettzellen, etwa im viszeralen Fett, ist damit die Bildung von Entzündungsmediatoren beziehungsweise -markern verbunden, wie zum Beispiel Interleukin IL-6 oder Tumornekrosefaktor TNF-α. So erklärt sich der enge Zusammenhang zwischen Adipositas und schwindender Muskelkraft einerseits, andererseits ist hier auch eine mögliche Beziehung zur Parodontitis zu finden. So wird ja auch die Adipositas als Risikofaktor für parodontale Erkrankungen angesehen [Keller A, Rohde JF, Raymond K, Heitmann BL, 2015]. Hierbei treffen zwei Mechanismen aufeinander, die entzündlichen Charakters sind und die beide zu chronischen (eventuell subklinischen) systemischen Entzündungen führen. Im Übrigen kann man sich auch gut vorstellen, dass Zahnverlust im Gefolge einer Parodontitis zu veränderten Essgewohnheiten führt und damit unter Umständen zu einer veränderten Darmflora und somit einen Einfluss auf die Entwicklung von Fettgewebe nimmt. Und schließlich ist nicht zu vernachlässigen, dass die Muskelkraft auch die Kaumuskeln betrifft (M. masseter) und damit die Nahrungsaufnahme und -zerkleinerung beeinflussen kann.

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