Die Entwicklung des Zahnarztberufs (11)

Die Herausbildung der Spezialdisziplinen

Die ersten Porzellanzähne nach dem Italiener Giuseppangelo Fonzi © Dentalmuseum Zschadraß
Allererster Artikulator um 1860, Gebiss um 1863 © Dentalmuseum Zschadraß
Kinderzange/Wurzelspitzenzange in Form eines Vogelkopfes um 1750 © Dentalmuseum Zschadraß
Historische Implantate der 60er- und 70er-Jahre mit Einbringinstrument © Dentalmuseum Zschadraß

Die Kieferorthopädie

Die Kieferorthopädie (KFO) ist das Spezialgebiet der Zahnheilkunde, das sich mit der Prävention, Erkennung und Behandlung von Fehlstellungen der Kiefer und der Zähne beschäftigt. In der ehemaligen DDR etablierte sich hierfür auch die Bezeichnung „Orthopädische Stomatologie“.

Kieferorthopädische Themen tauchen bereits bei antiken Autoren – namentlich bei Aulus Cornelius Celsus – wie auch bei Autoren aus nachfolgenden Epochen auf, etwa im 18. Jahrhundert bei Pierre Fauchard und John Hunter. Dennoch wurde die Kieferorthopädie erst im 19. und insbesondere im 20. Jahrhundert auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt [Bernklau-Bertzbach, 1981; Groß, 1994: Hoffmann-Axthelm, 1973; Strübig, 1989].

Zu den neuzeitlichen Protagonisten des Faches gehörten in der ersten Hälfte des 19. Säkulums Georg Carabelli, der 1842 eine Klassifizierung der Okklusionsarten vorschlug, und Edward Maynard, der 1843 Gummizüge zur Zahnregulierung vorstellte. Wegweisende Publikationen über Kieferorthopädie wurden jedoch erst am Ende des 19. Jahrhunderts von Norman William Kingsley (1880) und von Edward H. Angle (1890) veröffentlicht – beide werden bis heute vielfach als „Väter der Kieferorthopädie“ genannt.

Kingsley vertrat u.a. das „jumping the bite“, worunter die Umstellung des Unterkiefers von einem Rückbiss in einen Normalbiss zu verstehen ist. Angle wiederum veröffentlichte 1898 ein Lehrbuch über  Okklusionsanomalien, das rasch zu einem Standardwerk avancierte. Zudem gründete er 1901 die American Society of Orthodontia, die in der Folgezeit auch der europäischen Kieferorthopädie wichtige wissenschaftliche und fachpolitische Impulse verlieh. Angle differenzierte und klassifizierte 1899 die nachweislichen Formen der Malokklusion. Bis heute spielt die Einteilung der Okklusion nach „Angle-Klassen“ in der kieferorthopädischen Diagnostik eine maßgebliche Rolle. Die Multibandtechnik wurde bereits 1868 durch W. Erie Magill eingeleitet. Er gehörte zu den ersten Zahnärzten, der orthodontische Bänder auf Zähnen aufbrachte und so einer künftigen Standardbehandlung den Weg bereitete. Das Konzept herausnehmbarer kieferorthopädischer Apparaturen geht demgegenüber auf den amerikanischen Zahnarzt George B. Crozat und seinem deutschen Kollegen Albert Wiebrecht zurück: Die als Crozat-Gerät in die Geschichte eingegangene Apparatur wurde 1919 eingeführt. Hier wurden die bei festsitzenden Band-Bogen-Apparaturen üblichen Befestigungsbänder durch Halteklammern, wie man sie aus der zahnärztlichen Prothetik kannte, ersetzt. Vorzüge dieser Methode waren aus Patientensicht eine erleichterte Mundhygiene und aus Behandlersicht die Möglichkeit, das Gerät nachzujustieren. Auch die Gefahr von Resorptionen im Bereich der Zahnwurzel war reduziert; andererseits kam hier der Mitarbeit und Therapietreue der Patienten eine besonders wichtige Rolle zu.

Maßgeblichen Anteil an der Etablierung und Verbreitung der festen Zahnspange hatte wiederum Angle, auf den der urspüngliche Standard der Edge-Wise Technik – der Eingliederung von Brackets zur Befestigung von Drahtbögen – zurückgeht. Eine Weiterentwicklung im Bereich der Band- Bogen-Apparaturen bedeutete der 1937 von Joseph E. Johnson auf Chrom-Nickel-Stahl-Basis entwickelte Zwillingsbogen (Twin Wire Arch). Verbesserte Materialien führten in den 1950er-Jahren zur „Light-Wire-Technik“ mit verringerten Drahtstärken. Elsdon Storey und Percy Raymond Begg gehörten zu den Protagonisten dieser Technik. Auch die Fernröntgenaufnahme wurde zu einem wichtigen Element der kieferorthopädischen Diagnostik und Therapieplanung.

Herbert Hofrath hatte bereits 1931 im ersten Jahrgang der Fachzeitschrift „Fortschritte der Orthodontie“ auf die Potenziale dieser Röntgenaufnahme hingeweisen. Der US-Amerikaner Birdsall Holly Broadbent machte sich in jener Zeit ebenfalls um die Weiterentwicklung der betreffenden Technik verdient.

In den 1920er- und 1930er-Jahren widmeten sich Karl Häupl und Viggo Andresen den Wechselwirkungen zwischen der oralen Muskulatur und dentalen Fehlstellungen. Besagtes Untersuchungsfeld ging als „Funktionskieferorthopädie“ in die Geschichte der KFO ein. Zum prototypischen Behandlungsmittel wurde der Aktivator, dem bis heute zahlreiche Varianten folgten. Ebenfalls in dieser Zeitphase (1920) entwickelte Charles  Hawley den Retainer, um Zähne am Therapieende in ihrer Position zu halten. 1945 etablierte der Kieferorthopäde Harold D. Kesling seinerseits ein Verfahren, bei dem Zahnfehlstellungen mit transparenten Kunststoffschienen korrigiert werden konnten (Aligner-Therapie).

In Deutschland hatte das Fach spätestens mit dem Jahr 1927 einen deutlichen Bedeutungszuwachs erfahren: In diesem Jahr war es Alfred Kantorowicz geglückt, die Kieferorthopädie in die Schulzahnklinik zu integrieren und das Fachgebiet so einer breiten Bevölkerungsgruppe zugänglich und damit auch bekannt zu machen. Weitere Etappen auf dem Weg zu einer Etablierung der Fachdisziplin in Deutschland wurden 1955 und 1972 vollzogen: 1955 wurde die Kieferorthopädie an deutschen medizinischen Fakultäten in die Gruppe der Prüfungsfächer und 1972 in den Leistungskatalog (BEMA) der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) aufgenommen.

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