Sofortversorgung bei drohender oder vorhandener Zahnlosigkeit

Feste Zähne über Nacht

Kann dieser Traum Realität werden? Priv.-Doz. Dr. Michael Korsch, Leiter der Oralchirurgie der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe, diskutierte diese Frage in seiner Antrittsvorlesung in Homburg. Der Referent befasste sich mit der Sofortversorgung bei drohender oder vorhandener Zahnlosigkeit. Im Folgenden beschreibt er diese Versorgungsmöglichkeit anhand des All-on-4 Konzeptes. Darüber hinaus wird der Einsatz von Zygoma-Implantaten bei der Sofortversorgung dargestellt.

Abbildung 1: All-on-4 Konzept a) Ausgangssituation mit nicht erhaltungsfähigen Restzähnen aufgrund ausgeprägter parodontaler Einbrüche. © Korsch

Abbildung 1b) Intraoperative Situation nach Kieferkammresektion und Insertion von vier Nobel Biocare Implantaten. © Korsch
Abbildung 1c) Basalansicht: Eingliederung eines festsitzenden Zahnersatzes am Folgetag nach dem operativen Eingriff. Der Zahnersatz ist okklusal mit den Implantaten verschraubt. © Korsch
Abbildung 1d) Frontalansicht: Inkorporierter Zahnersatz am Folgetag. © Korsch
Abbildung 2: Röntgenkontrolle ein Jahr nach Implantation. Die Implantate sind vollständig osseointegriert. © Korsch
Abbildung 3: Röntgenkontrolle ein Jahr nach Implantation. Die Implantate erscheinen unauffällig. © Korsch
Abbildung 4: All-on-4 Konzept unter Verwendung von Zygoma-Implantaten a) Ausgangssituation © Korsch
Abbildung 4 b) Intraoperative Situation nach Insertion von zwei Zygoma-Implantaten. Die laterale Kieferhöhlenwand wurde im Rahmen eines externen Sinuslifts hierbei zur palatinalen Kieferhöhlenwand verlagert. Die Implantate stehen vestibulär dieses Knochendeckels. © Korsch
Abbildung 4 c) Basalansicht: Intraoperative Situation nach Insertion von vier Zygoma-Implantaten. © Korsch
Abbildung 4 d) Basalansicht: Inkorporierter Zahnersatz. © Korsch

Drohende oder vorhandene Zahnlosigkeit ist für viele Patienten ein Zustand, der mit einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität verbunden ist. Meist durchläuft der Patient einen schleichenden Übergang zwischen der vertrauten funktionsgerechten Versorgung und einer unbefriedigenden Situation, die für den Patienten mit bislang unbekannten Problemen verbunden ist. Durch den Verlust wichtiger Pfeilerzähne wird die Kaufunktion maßgeblich beeinträchtigt. Festsitzender Zahnersatz wird hinfällig oder der Halt einer bestehenden Prothese verschlechtert sich. Die Kaufunktion wird als stark eingeschränkt empfunden. Zusätzliche ungünstige Auswirkungen können durch ein unzureichendes Prothesenlager hervorgerufen werden, das mit einer zunehmenden Kieferkammatrophie einhergeht.

Die Kieferkammatrophie ist ein ganz entscheidendes Merkmal bei der Einschätzung von Behandlungsfällen mit Zahnlosigkeit beziehungsweise drohendem Zahnverlust. Sie hat verschiedene Ausprägungen. Durch Inaktivitätsatrophie nach Zahnverlust tritt zunächst eine vertikale Resorption ein. Diese ist gekennzeichnet durch eine Abnahme der Kieferkammbreite und wird durch schleimhautgetragene Prothesen verstärkt. Durch muskulären Druck von Lippe, Wange und Zunge entsteht in der Folge die horizontale Resorption. Sie ist mit einer Abnahme der Kieferkammhöhe verbunden. In fortgeschrittenen Stadien kann bei Zahnlosigkeit ein stabiler Prothesenhalt nur noch durch den Einsatz von Implantaten gewährt werden. Da in vielen Fällen das Knochenlager durch Kieferkammatrophie für eine Implantation unzureichend ist, gelten aufwändige augmentative Maßnahmen als unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Implantation.

Die konventionelle Therapie des zahnlosen Patienten ist die Totalprothese. Sie stellt eine Therapieoption dar, die seit mehreren Jahrhunderten Anwendung findet. Schon George Washington war froh, durch eine Totalprothese dem Schicksal einer allen Mitmenschen offenkundigen Zahnlosigkeit zu entrinnen. Wenngleich die Technik der Totalprothese seit Washington viele wichtige Fortschritte, insbesondere hinsichtlich der Abdrucktechnik und der Basisgestaltung, erfahren hat, ist ihr klinischer Erfolg – vor allem in Fällen mit Kieferkammatrophie – kaum vorhersagbar.

Es ist deswegen nur folgerichtig, dass am Anfang der wissenschaftlichen Implantologie die Versorgung des zahnlosen Patienten stand. Seit den Veröffentlichungen der Branemårk-Gruppe weiß die zahnmedizinische Öffentlichkeit, dass zahnlose Patienten durch enossale Implantate mit festsitzendem Zahnersatz versorgt werden können. Die erste Veröffentlichung aus dem Jahr 1983 dokumentierte bereits 400 Behandlungsfälle. In der Folge entstanden eine ganze Reihe von technischen Modifikationen, so auch der Einsatz von herausnehmbaren prothetischen Konstruktionen, retiniert durch Kugelkopfattachments, Lokatoren, Stegreiter oder Teleskope.

Trotz der dokumentierten, eindrucksvollen Bewährung von prothetischen Konstruktionen auf Implantaten hatte das initial propagierte Konzept des implantatgetragenen Zahnersatzes eine Reihe von Einschränkungen.

Für einen festsitzenden Zahnersatz werden in der Regel sechs bis acht Implantate benötigt. Um diese Therapieoption zu realisieren, sind häufig aufwändige Rekonstruktionen des Kieferkamms, zum Teil unter Nutzung extraoraler Spenderregionen, notwendig.

Komplexe Kieferkammrekonstruktionen führen jedoch zu vermehrten postoperativen Beschwerden und einer langen Behandlungszeit. Bis zum Einsetzen des Zahnersatzes vergehen deswegen häufig mehr als zwölf Monate. Patienten wünschen jedoch eine kurze Behandlungszeit, und die meisten von ihnen stehen aufwändigen augmentativen Maßnahmen sehr skeptisch gegenüber. Gerade bei Patienten im fortgeschrittenen Lebensalter ist die zu erwartende Behandlungszeit ein äußerst wichtiges Entscheidungskriterium. Die Beschleunigung von prinzipiell erprobten Therapie- verfahren ist somit eine Anforderung, die eine erhebliche Verbesserung der realen Versorgung zum Ziel hat. Sofortversorgungen nach dem All-on-4 Konzept mit und ohne Einsatz von Zygoma-Implantaten können diese erwünschte Minimierung der Behandlungszeit leisten.

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