S3-Leitlinie „Fissuren- und Grübchenversiegelung“

Präventiv verschließen

Im Kindes- und Jugendalter konzentriert sich der Kariesbefall auf die bleibenden Molaren beziehungsweise deren Fissuren und Grübchen. Mit einer Versiegelung kann eine Kariesinitiation und -progression verhindert werden. Darauf haben sich die Deutsche Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (DGKiZ) und die Deutsche Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ) in der überarbeiteten S3-Leitlinie „Fissuren- und Grübchenversiegelung“ geeinigt.

Abbildung1: Erster bleibender Molar vor (a) ... © J. Kühnisch

... und nach der Applikation einer Fissuren- und Grübchenversiegelung (b) ... © J. Kühnisch
... und nach einem Jahr Liegedauer (c) © J. Kühnisch
Abbildung 2: Diagnostischer Entscheidungsprozess zur Fissuren- und Grübchenversiegelung Quelle: Leitlinie

Der kariespräventive Nutzen der Fissuren- und Grübchenversiegelung an Zähnen beziehungsweise Molaren mit gesunden Fissuren und nicht kavitierten kariösen Läsionen ist belegt. Anhand der vorliegenden Meta-Analysen kann außerdem geschlussfolgert werden, dass mit der Fissuren- und Grübchenversiegelung eine Kariesinitiation und -progression verhindert werden kann.

Definition: Unter einer Versiegelung wird der präventive Verschluss der kariesanfälligen Fissuren und Grübchen verstanden, um einer Kariesinitiation vorzubeugen und/oder kariöse Frühstadien zu arretieren. Die Fissuren- und Grübchenversiegelung ist damit eine Zahnflächen-spezifische Präventionsmaßnahme (Abbildung 1). Präventive Effekte an anderen Zahnflächen können nicht erwartet werden. Neben der Fissuren- und Grübchenversiegelung sind eine zahngesunde Ernährung, adäquate häusliche Mundhygienemaßnahmen sowie eine indikationsgerechte häusliche und professionelle Fluoridapplikation als wirksame und evidenzbasierte Bestandteile der Präventivbetreuung zu betrachten.

Zielgruppe: Patienten sind primär Kinder und Jugendliche, da sie von dieser präventiven Maßnahme unmittelbar nach dem Durchbruch der bleibenden Molaren am meisten profitieren. Die Leitlinie gilt sowohl für Kinder ohne wie auch für Kinder mit Komorbiditäten. Geschlechtsspezifische Unterschiede sind nicht bekannt und werden daher nicht betrachtet.

Anwendungsort: Die Versiegelung kann prinzipiell an allen Zähnen mit Fissuren oder Grübchen in der primären und in der bleibenden Dentition angewendet werden. Da der größte präventive Nutzen im Vergleich zu anderen Zahngruppen – Milchzähnen, bleibenden Front- und Eckzähnen und Prämolaren – an bleibenden Molaren zu erwarten ist, wurden vielfältige Fragestellungen vorrangig an den ersten und an den zweiten bleibenden Molaren untersucht.

Diagnostische Voruntersuchungen:
• Vor der Fissuren- und Grübchenversiegelung soll eine sorgfältige, diagnostische Untersuchung dieser Areale erfolgen. Dabei soll als primäre Methode die visuelle Untersuchung an den gereinigten und getrockneten Zahnflächen eingesetzt werden.

• An nicht kavitierten kariösen Läsionen sollten ergänzende diagnostische Verfahren, zum Beispiel die Röntgendiagnostik mit Bissflügelaufnahmen oder lichtoptische Verfahren, indikationsgerecht genutzt werden, um versteckte Dentinläsionen zu erkennen (Kontraindikation für Fissuren- und Grübchenversiegelung).

• Eine Kariesaktivitäts- und Kariesrisiko- einschätzung sollte durchgeführt werden.

• Bei Kindern und Jugendlichen mit einem erhöhten Kariesrisiko und bestehender Kariesaktivität sollte die Fissuren- und Grübchenversiegelung prioritär eingesetzt werden.

• Die Indikationsstellung zur Fissuren- und Grübchenversiegelung erfolgt auf Grundlage der Karies- und Kariesrisiko-Diagnostik (Abbildung 2).

• Bei karies(risiko)freien Patienten kann aus heutiger Sicht auf die Fissuren- und Grübchenversiegelung verzichtet werden, da die Wahrscheinlichkeit einer okklusalen Kariesentwicklung bei sichergestellter präventiver Betreuung als gering eingeschätzt wird. Nichtsdestotrotz wird an Zähnen mit einem erhöhten Zahnflächen-spezifischen Risiko die Fissuren- und Grübchenversiegelung auch bei Nicht-Kariesrisiko-Patienten empfohlen.

• Für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit einem erhöhten Kariesrisiko ist die Fissuren- und Grübchenversiegelung an gesunden und nicht kavitierten kariösen Läsionen wesentlicher Bestandteil der kariespräventiven Betreuungsstrategie.

• Bei Erwachsenen und älteren Patienten kann die Indikation zur Versiegelung restriktiver gestellt werden.

Die Indikation zur Fissuren- und Grübchenversiegelung an bleibenden Molaren sollte in folgenden klinischen Situationen gestellt werden:
• Kariesfreie Fissuren und Grübchen bei Patienten mit einem erhöhtem Kariesrisiko. Dazu zählen zum Beispiel Patienten mit Karieserfahrung im Milchgebiss sowie Patienten, die bereits einen kariösen bleibenden Molaren aufweisen.

• Kariesfreie Fissuren und Grübchen mit einem anatomisch kariesanfälligen Fissurenrelief unabhängig von der Kariesrisiko- Einschätzung.

• Fissuren und Grübchen mit nicht kavitierten kariösen Läsionen unabhängig von der Kariesrisiko-Einschätzung.

• Fissuren und Grübchen mit einem anatomisch kariesanfälligen Fissurenrelief an hypomineralisierten oder hypoplastischen Zähnen unabhängig von der Kariesrisiko-Einschätzung.

• Fissuren und Grübchen bei Patienten mit Allgemeinerkrankungen beziehungsweise körperlichen und/oder geistigen Behinderungen, die eine effektive tägliche Mund- hygiene nur begrenzt umsetzen können.

• Partiell oder vollständig verloren gegangene Fissurenversiegelungen sollten bei unverändertem Kariesrisiko repariert beziehungsweise erneuert werden.

• Die Indikation zur Fissuren- und Grübchenversiegelung an Milchmolaren oder anderen bleibenden Zähnen kann bei einem erhöhten individuellen oder Zahnflächen-spezifischen Risiko in Erwägung gezogen werden.

Relative Kontraindikationen zur Fissuren- und Grübchenversiegelung:
• Ist der betreffende Zahn noch nicht vollständig in die Mundhöhle durchgebrochen und sind die Okklusalflächen beziehungsweise die palatinalen/bukkalen Grübchen nicht oder nur begrenzt einer adäquaten Trockenlegung beziehungsweise Instrumentierung zugänglich, wäre auf die Versiegelung vorerst zu verzichten. Bis zum vollständigen Zahndurchbruch haben lokale präventive Maßnahmen – wie eine adäquate Plaqueentfernung und die Lokalapplikation von Fluorid(lack)en – Vorrang. Bei Kariesrisiko-Patienten kann die temporäre Fissurenversiegelung mit einem GIZ (Prä-Fissurenversiegelung) in Erwägung gezogen werden. Dies ist eine einfache, präventive, aber provisorische Interimslösung.


Zu Beginn der Achtzigerjahre wurde  erstmals über einen deutlichen Kariesrückgang (caries decline) in kindlichen und jugendlichen Populationen westlicher Industrienationen berichtet, der sich bis  in die Gegenwart fortgesetzt hat. Dieser Trend konnte in den beiden vergangenen Jahrzehnten auch in der Bundesrepublik Deutschland nachgewiesen werden. Bei den Zwölfjährigen reduzierte sich der  Kariesbefall bis heute regional unterschiedlich auf unter 1,0 DMFT.
Parallel zum beobachteten caries decline wurden ebenfalls Veränderungen im Kariesbefallsmuster offensichtlich. Bis etwa zum 13./14. Lebensjahr konzentriert sich der Kariesbefall mit 60 bis > 90 Prozent auf die Fissuren und Grübchen der Molaren. Damit wird deutlich, dass die bleibenden Molaren und deren Fissuren beziehungsweise Grübchen die Zähne beziehungsweise Zahnflächen mit der höchsten  Kariesgefährdung im Kindes- und Jugendalter sind.
Darüber hinaus verschob sich das klinische Erscheinungsbild kariöser Fissuren und Grübchen in den vergangenen Jahr zehnten von manifesten Läsionen zu gunsten von nicht kavitierten Karies vorstufen beziehungsweise wurde deren weitreichende Bedeutung in der Epidemiologie erkannt.
Mit dem Kariesrückgang zeigte sich weiterhin eine Ungleichverteilung der Erkrankung Karies bei Kindern und Jugendlichen zuungunsten von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen. Dieser Trend wurde im Rahmen der jüngsten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS V) eindeutig bestätigt (siehe zm 17/2016).
Karies ist damit nach wie vor eine prä valente Erkrankung im Kindes- und  Jugendalter, insbesondere dann, wenn nicht kavitierte kariöse Läsionen Berücksichtigung finden. Als Kariesrisikoflächen sind neben den Fissuren und Grübchen die Approximalflächen herauszustellen.
Die Fissuren- und Grübchenversiegelung wird in der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen der Individualprophylaxe genutzt. In nahezu allen epidemiologischen Erhebungen der zurückliegenden beiden Jahrzehnte waren durchschnittlich etwa zwei bis drei Molaren pro Kind beziehungs weise Jugendlichen versiegelt. Wurde das Retentionsverhalten mit berücksichtigt, so war ein Großteil der Versiegelungen oft nur partiell intakt.


• Bei Zähnen mit einer nachgewiesenen Dentinkaries im Bereich der Fissuren beziehungsweise Grübchen ist die Versiegelung aus heutiger Sicht kontraindiziert und die minimal-invasive Füllungstherapie angezeigt.

• Milchzähne, deren Exfoliation unmittelbar bevorsteht bedürfen keiner Versiegelung. Eine absolute Kontraindikation zur Fissuren- und Grübchenversiegelung besteht bei einer nachgewiesenen Allergie gegenüber Versiegelungsmaterialien oder einzelnen Materialbestandteilen.

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