27 Jahre nach der Wiedervereinigung

Zwei Zahnärzte erinnern sich

Wissen Sie noch, wie das damals war – die Vereinigung in blühende Zahnarztlandschaften? Zwei Zeitzeugen, Dr. Frank Dreihaupt und Dr. Karl Horst Schirbort, blicken zurück – und nach vorn.

27 Jahre nach der Wiedervereinigung - Zwei Zeitzeugen erinnern sich. Fotos picture alliance_dpa

Dr. Frank Dreihaupt: „Zinslos ins kalte Wasser“

Wie war es damals? Dreihaupt erinnert sich, wie 1991 die Zahnärztekammergründung in Sachsen-Anhalt gelang, welche Rolle die Patenschaft durch die Kammer Niedersachsen spielte und wo man Lehrgeld zahlen musste. | Foto: ZÄK SA

Ich weiß noch, als wäre es gestern gewesen, wie wir uns gefühlt haben, als wir im Mai 1990 in einem Kreis engagierter Kollegen beschlossen hatten, eine Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt e. V. beim Kreisgericht Stendal eintragen zu lassen, um einer Kammergründung durch „gewendete“ führende Leute aus den alten Strukturen zuvorzukommen. Die Urkunde ist auf den 11. Mai 1990 datiert. Die Eintragung trug die Nummer 16. Wir hatten damals nur höchst unvollkommene Vorstellungen davon, was eine Zahnärztekammer ausmacht, welche Rolle sie spielen würde und welche Aufgaben auf uns warten würden. Aber wir wussten sehr wohl, was wir wollten: nämlich unseren Patienten in freier Berufsausübung eine Zahnheilkunde auf dem modernsten Stand der Wissenschaft angedeihen lassen.

Neulich habe ich eine nette Internet-Notiz gelesen: „Christoph Kolumbus – er wusste nicht, wohin die Reise ging, er wusste nicht, wo er war, als er angekommen war. Und als er zurückkam, wusste er nicht, wo er gewesen war – und das alles mit geborgtem Geld.“ – So ungefähr kann man auch die Kammergründung in Sachsen-Anhalt beschreiben. 

Mit Überzeugung und Enthusiasmus sind wir ans Werk gegangen, und der Erfolg hat uns Recht gegeben. Ich erinnere mich noch gut: Bei der ersten Vorstandssitzung der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt e. V. in Dessau sprach mich der damalige niedersächsische Kammerpräsident Dr. Erich Bunke an, ob wir denn überhaupt Geld hätten. Auf mein etwas betretenes Kopfschütteln hin sicherte er mir eine Sofort-Unterstützung von 40.000 D-Mark zu, mit dem Hinweis: „Wenn Sie mal Geld haben, geben Sie es uns zinslos zurück.“ Heute nennt man so etwas Konjunkturprogramm, denn ich glaube, neben dieser freundlichen Geste stand auch ein nachvollziehbarer und durchaus verständlicher Selbsterhaltungstrieb dahinter: Stellen Sie sich vor, wir wären alle nach Niedersachsen gegangen …

Kollegen aus Niedersachsen waren zur Stelle, um unsere ersten Schritte zu begleiten – sie halfen den frisch gekürten Standesvertretern, zu verstehen, was Berufspolitik ist, aber sie halfen auch den wissbegierigen Zahnärzten, sich in dem bis dahin unbekannten Gesundheitssystem zurechtzufinden. Viele Hospitationen in niedersächsischen Praxen, aber auch in Zahnarztpraxen in anderen Bundesländern boten damals Orientierungshilfen und trugen dazu bei, dass sich in Sachsen-Anhalt so schnell wie in keinem anderen neuen Bundesland Zahnärzte in das kalte Wasser der eigenen Niederlassung stürzten: Ende 1990 hatten von den rund 2.000 Kollegen im Land schon 550 ihre eigene Praxis eröffnet! 

Am 13. August 1990 erhielten wir vom damaligen DDR-Gesundheitsminister ein Schreiben, das unsere Zahnärztekammer e. V. mit den Aufgaben einer Körperschaft des öffentlichen Rechts betraute. Wir gingen daran, von der Basis her mit 40 Kreisstellen unsere Körperschaft aufzubauen und demokratische Wahlen durchzuführen, so dass wir fristgemäß am 29. Juni 1991 die konstituierende Sitzung der Kammerversammlung durchführen konnten. Diesen Tag sehen wir als das offizielle Gründungsdatum der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt an.

Wir legten los – und zahlten auch Lehrgeld. Sehr zügig installierten wir damals beispielsweise ein Fortbildungsprogramm für die Kollegenschaft. Der erste Zahnärztetag in der Magdeburger Stadthalle (Fassungsvermögen circa 1.500 Personen) hatte am Vormittag zum wissenschaftlichen Programm allerdings ganze 40 Teilnehmer – ein Fiasko, das uns einen schlechten Ruf bescherte. „In Sachsen-Anhalt kommt keiner, wenn Fortbildungstage sind“, hieß es. Dass das keineswegs stimmte, konnten wir schon ein Jahr später beweisen. Der Unterschied: Die nächsten Fortbildungstage veranstalteten wir nicht kurz vor Weihnachten, sondern Mitte September. Inzwischen platzen unsere Fortbildungstage in Wernigerode aus allen Nähten, und wer sich nicht rechtzeitig anmeldet, findet keinen Platz mehr. 

Den Optimismus und die Aufbruchstimmung von vor 27 Jahren haben wir in solide Arbeit umsetzen können – diese Einschätzung kann man wohl treffen, ohne der Selbstgefälligkeit verdächtigt zu werden. Wir haben allerdings auch beides gebraucht, um so manche harte Landung auf dem Boden der Gesundheitspolitik zu verwinden. Dass alles einfach werden würde, hatten wir 1990 realistischerweise nicht erwartet, wir hatten aber mit Schwierigkeiten anderer Art gerechnet.

Dr. Frank Dreihaupt
Ehemaliger Präsident der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt

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