Dr. Wieland Schinnenburg wird Mitglied im Deutschen Bundestag

„Man braucht Mut. Und den hab ich.“

Am 24.10. traf sich erstmals der 19. Deutsche Bundestag zur konstituierenden Sitzung - mit dabei: Zahnarzt Dr. Wieland Schinnenburg. Im Interview wird er wehmütig, wenn er daran denkt, keine kaputten Zähne mehr reparieren zu können. Andererseits freut er sich darauf, die AfD im Bundestag auseinanderzunehmen und gegen die Budgetierung im Gesundheitswesen zu kämpfen.

18. Oktober, 15:50 Uhr – sechs Tage vor der konstituierenden Sitzung des 19. Deutschen Bundestags haben wir mit Dr. Wieland Schinneburg in der Bundeszahnärztekammer gesprochen. Morgen ist es dann soweit - der 19. Deutsche Bundestag trifft sich erstmals zur konstituierenden Sitzung. zm-mg

zm-online: Herr Dr. Schinnenburg, Sie sind vor 36 Jahren in die FDP eingetreten. Was hätte der damals 22-jährige Wieland gesagt, wenn man ihm prognostiziert hätte, dass er mal dem Deutschen Bundestag angehören würde?

Dr. Wieland Schinnenburg: Völlig ausgeschlossen! Wirklich undenkbar. Selbst die Hamburger Bürgerschaft war für mich schon eine große Ehre und es gab mir immer so ein Kribbeln, Abgeordneter in einem Landesparlament zu sein. Jetzt im Bundesparlament zu sitzen, ist natürlich noch einmal eine ganz andere Nummer.

Wie werden Ihre ersten Wochen als Abgeordneter aussehen?

Knapp drei Wochen werde ich ja auch noch als Zahnarzt tätig sein. Danach wird meine Praxis zurückgebaut, die Handwerker habe ich schon beauftragt. Und dann werde ich immer öfter in Berlin sein. Im Moment ist das nur tageweise der Fall. Morgen bin ich zum Beispiel wieder in der Praxis, übermorgen wieder in Berlin. Mein letzter Arbeitstag als Zahnarzt ist der 5. November, ein Sonntag. Ganz zum Schluss mache ich noch einmal Notdienst.

Werden Sie die Tätigkeit vermissen?

Die Behandlung selbst ja und auch viele meiner Patienten, die jetzt noch einmal vorbeikommen und mir Glück wünschen. Einen kaputten Zahn würde ich immer noch unheimlich gerne reparieren. Was ich wenig vermisse, ist die Bürokratie, also dass ich fast die Hälfte der Zeit in meiner Zahnarztpraxis nicht mit schönen Brücken und Kronen, sondern mit irgendwelchen Widrigkeiten verbracht habe. Einen Teil des Inventars habe ich schon verkauft, den Rest werde ich jetzt noch verkaufen und dann wird die Praxis geschlossen.

Haben Sie Ihr Abgeordnetenbüro schon bezogen und schon Mitarbeiter gefunden?

Teilweise. Ich habe ja zwei Büros, eins in Hamburg, eins in Berlin. Und ich hatte auch in der Bürgerschaft schon zwei Mitarbeiter, die jetzt mein Hamburger Wahlkreisbüro führen werden. Für Berlin habe ich gerade heute Mittag eine Büroleiterin eingestellt, eine sehr erfahrene Frau, die den ganzen Politikbetrieb in Berlin gut kennt. Da wird sicherlich noch jemand dazukommen.

Dr. Wieland Schinnenburg ist einer von elf Medizinern im 19. Deutschen Bundestag. | Copyright zm-mg

Sie haben eine ungewöhnliche Vita: Zwei Jahre nach der Gründung Ihrer Praxis haben Sie ein Jura-Studium begonnen, sind heute Volljurist mit eigener Kanzlei. Wie kam es dazu?

Aus Interesse. Ich habe das ursprünglich gemacht im Sinne eines Studium generale. Und da ich damals schon ein politisch interessierter Mensch war, habe mich für Verfassungsrecht interessiert und deshalb dann den kleinen Schein in „Öffentlichem Recht“ gemacht. So bin ich da reingerutscht. Dann habe ich von Semester zu Semester neu entschieden, noch ein bisschen was zu machen. Ich hatte also gar nicht das primäre Ziel, in Jura den Abschluss zu machen.

Am Ende benötigten Sie nur fünf Jahre bis zum ersten Staatsexamen.

Ja, ich war am Ende sogar ein Semester schneller fertig als die anderen, obwohl ich nebenbei noch eine Zahnarztpraxis hatte. Ich war immer schon gut organisiert, schon während des Zahnmedizinstudiums saß ich im Studentenparlament und im Bundesvorstand der Jungen Liberalen, damals zusammen mit Guido Westerwelle.

In einer Jamaika-Koalition wären Sie in der Regierungsverantwortung und gleichzeitig Teil eines politischen Experiments. Was kommt da auf Sie zu?

Es wird nicht einfach sein. Mit den Grünen und der CSU – mit der Betonung auf „S“ – haben wir ganz gewaltig Probleme. Wir sind eine Partei, die auf individuelle Selbstgestaltung des Lebens setzt und die Grünen machen das genaue Gegenteil, nämlich mithilfe des Staates dafür sorgen, dass die Welt gut wird. Es wird sehr harte Verhandlungen geben, die auch scheitern können. Es gibt keine Garantie.


Dem 19. Deutschen Bundestag werden - neben Zahnarzt Dr. Wieland Schinnenburg - zehn Ärzte angehören. Vier gehören der Union an, drei der SPD sowie jeweils einer der FDP-, der Grünen und der AfD-Fraktion:

  • Prof. Dr. Helge Braun, Arzt und Staatsminister bei der Bundeskanzlerin, gewann den Wahlkreis 173 (Gießen) mit 35,1 Prozent direkt. Der unterlegene SPD-Kandidat kam auf 28,2 Prozent.
  • Die Hausärztin Sabine Dittmar (SPD) schaffte den Wiedereinzug in das Parlament über Platz 10 der Landesliste Bayern.
  • Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, zieht über Listenplatz 1 der Landesliste Bremen für Bündnis90/Die Grünen ein.
  • Prof. Dr. Axel Gehrke (AfD), Facharzt für Innere Medizin, zieht über Listenplatz 2 (Schleswig-Holstein) in den Reichstag ein.
  • Rudolf Henke (CDU), Internist und stellvertretender Vorsitzender des Gesundheitsausschusses, gewinnt den Wahlkreis 087 (Aachen I) knapp mit 33,7 Prozent gegen die vormalige SPD-Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (32,5 Prozent).
  • Mit einem aussichtlosen Listenplatz 58 in Nordrhein-Westfalen von vielen bereits abgeschrieben, meldet sich Prof. Dr. Karl Lauterbach (SPD), Universitätsprofessor und Arzt, zurück: Der Wahlkreis 101 (Leverkusen – Köln IV) geht mit 38,7 Prozent an ihn. Sein CDU-Konkurrent konnte 30,8 Prozent der Stimmen erzielen.
  • Dr. Ursula von der Leyen (CDU), Ärztin und Bundesverteidigungsministerin hat mit Listenplatz 1 der Landesliste Niedersachsen ein nahezu sicheres Mandat. Ihren Wahlkreis 042 (Stadt Hannover II) verlor sie mit 28,9 Prozent gegen die ehemalige SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi (33,7 Prozent).
  • Der Münchner Mediziner Stefan Pilsinger, CSU, (Facharzt für Innere Medizin) gewann mit 33,4 Prozent den Wahlkreis 220 (München-West/Mitte).
  • Prof. Dr. Claudia Schmidtke (CDU), Fachärztin für Herzchirurgie, gewann mit 35,3 Prozent der Stimmen den Wahlkreis 11 (Lübeck).
  • Prof. Dr. Andrew Ullmann (FDP), Universitätsprofessor und Facharzt für Innere Medizin, rutschte als Nummer 12 der Landesliste Bayern gerade noch in den Bundestag.

Quelle: NAV Virchow-Bund


Mit dem Einzug der AfD wird allgemein der Verfall der Debattenkultur gefürchtet. Wie bewerten Sie diese Sorge vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrungen aus der Hamburger Bürgerschaft, in der seit 2015 sieben Abgeordnete der AfD sitzen?

Ich habe in der Tat in den letzten 2,5 Jahren meine Erfahrungen mit der AfD gesammelt – und die sind katastrophal. Die AfD macht ab und zu mal Showdebatten, meistens zum Thema Ausländer, gleichzeitig wird die Ausschussarbeit, also die eigentliche Arbeit eines Parlaments, oft verweigert. Im Gesundheitsausschuss der Hamburger Bürgerschaft ist die AfD in einem Drittel der Sitzungen überhaupt nicht präsent, geschweige denn, dass sie etwas sagt. Ich hoffe, dass wird im Bundestag besser.

Zum Glück wird das Wort ja nach Fraktionsstärke vergeben, und da die AfD die drittstärkste und wir die viertstärkste sind, reden wir – und das heißt auch ich – immer direkt nach den AfD-Kandidaten. Die können sich warm anziehen, ich kann ganz gut reden und werde zur Not alles auseinandernehmen, was die da erzählen.

In welchem Ausschuss würden Sie gern arbeiten?

Da bin ich offen. Das wird meine Fraktion mit 80 Personen entscheiden. Das kann ich also noch nicht sagen.

In der Fraktion sind sie einer von 80, im Bundestag einer von 700 Abgeordneten. Da kam man schnell untergehen. Sind Sie ein bisschen aufgeregt?

Auf jeden Fall bin ich aufgeregt. Wenn ich am nächsten Dienstag in der konstituierenden Sitzung sitze, werde ich eine Gänsehaut bekommen, weil ich eine große Verantwortung spüre. Das deutsche Volk hat mich ja beauftragt, es vier Jahre zu vertreten. Auch wenn ich in der Bundespolitik noch nicht groß hervorgetreten bin, verstehe das als Anforderung an mich. Man muss gute Arbeit leisten, dann wird man irgendwann auch anerkannt und kann mehr Einfluss nehmen. Das ist einfach die Frage, was man persönlich bringt.

In Hamburg haben Sie sich immer für den Abbau unnötiger Bürokratie stark gemacht, deren Auswüchse auch in der Zahnärzteschaft beklagt werden. Was können Sie als Politiker mit Praxishintergrund künftig dagegen tun?

Es ist ja so, dass alle Gesetze auf Bundesebene im Deutschen Bundestag beschlossen werden – da kann man sicher mitreden. Ich sehe genau das als meine Aufgabe an. Aber am Ende brauche ich auch die Unterstützung der Bürger, denn Bürokratie ist immer eine Reaktion auf Misstrauen. Nach jeder Meldung im Stil von „die Ärzte oder Zahnärzte haben wieder Mist gemacht“ warte ich schon drauf, dass ein Jahr später eine neue Regelung kommt, um diejenigen mehr zu kontrollieren.

Dass ich gegen Bürokratie bin, sagt nicht viel. Dass ich für eine Vertrauenskultur bin schon eher. Leider haben wir in Deutschland zunehmend eine Misstrauenskultur, nicht nur gegenüber Zahnärzten. Wenn ich in meinen Berufsleben vielleicht 30.000 Zahnfüllungen gemacht habe und zehn davon schlecht waren, kann die Folge doch nicht sein, dass jede Füllung künftig von einem Beamten kontrolliert werden muss.

Wie kann man diese Vertrauenskultur in der Gesellschaft wieder stärken?

Das ist schwer. Ich hatte in Hamburg eine Diskussion, nachdem ein Kind angefahren worden war. Sofort sollte dort eine Ampel hin, obwohl zuvor 30 Jahre nichts passiert war. Da muss man den Mut haben zu sagen: „Das ist ganz traurig, dass dein Kind schwer verletzt wurde, aber wir werden hier keine Ampel aufstellen – es sei denn, es gibt wissenschaftliche Analysen, die bescheinigen, dass es ein gefährliche Stelle ist.“ Man braucht Mut, der öffentlichen Meinung auch mal zu widersprechen. Und den habe ich

Wo sind Ihrer Meinung nach die Baustellen im Gesundheitswesen, für deren Beseitigung es Mut bräuchte?

In unserem Wahlprogramm steht, dass wir die Budgetierung aufheben wollen. Ich kann mir auch nicht erklären, warum ausgerechnet in einem Bereich, wo es um menschliche Gesundheit geht, budgetiert wird. Die Bürokraten, vor allem bei den Kassen, werden sagen, dass wir uns das nicht leisten können. Fakt ist aber, dass die mehr als zehn Milliarden Euro für ihre eigene Verwaltung ausgeben. Wenn man diese Ausgaben halbieren könnte, wäre fünf Milliarden frei und man könnte zumindest bei Ärzten und Zahnärzten das Budget locker aufheben.

Sie sind verheiratet und haben drei Kinder. Was sagen Sie dazu, dass überall, also auch bei den Zahnärzten, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf gefordert wird?

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Wenn wir erreichen wollen, das fähige, erfolgreiche Menschen auch Kinder kriegen, müssen wir etwas tun. Die armen Schichten haben ja nach wie vor keinen Mangel an Kindern, aber die Hälfte der Akademiker-Frauen bekommt keine. Wenn wir das ändern wollen, müssen wir die Voraussetzungen dafür schaffen.

Für Zahnärzte liegt eine mögliche Lösung sicher in Praxen mit mehreren Behandlern, was aber auch nicht immer einfach ist. In meiner Tätigkeit als Mediator erlebe ich immer wieder, dass es in diesen Konstruktionen Streit gibt. Der Staat kann hier nur wenig machen, vor allem müssen die Leute selbst etwas tun – indem sie sich entscheiden „Ja, ich will berufstätig sein und trotzdem Kinder haben“.

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