Der zahnärztliche Preflight-Check
Diese Sätze stehen in einem aktuellen Programmheft für ein Ergonomie-Seminar [Westerburger Kontakte, 2018]. Wie unterschiedliche Studien weltweit zeigen, kann inzwischen als gesichert gelten, dass wir in unserem Berufsstand flächendeckend ein ergonomisches Problem haben: Wir vergessen schlicht, unsere Arbeitshaltung in der Behandlungssituation so zu trainieren, dass unsere Gesundheit nicht beeinträchtigt wird. Viele Kollegen sehen – und spüren – dieses Problem durchaus und sie suchen entsprechend Hilfestellung in Kursen. Hier kann man viel über gesundheitsförderliches Arbeiten lernen und gesunde Körperhaltungen in der Behandlungssituation trainieren. Aber wie geht es danach weiter?
Zurück in der gewohnten Umgebung stellen sich auch die gewohnten Routinen wieder ein – mitsamt der langjährig eingeübten ungesunden Arbeitshaltungen am Behandlungsstuhl. Was im Ergonomie-Seminar am Wochenende so sorgfältig trainiert wurde, ist am Montagmorgen plötzlich wieder verschwunden. Hinzu kommt, dass wir in einer dynamischen Zeit leben: mit einer Vielzahl von Faktoren, die uns herausfordern, unsere Praxisabläufe stets effektiver und effizienter zu gestalten. Wir wollen und müssen heute in allem schneller und besser sein: Patienten behandeln, Praxis führen, Fortbildungen besuchen und für die Familie Zeit haben. All diese Herausforderungen lassen uns ... wieder vergessen, unsere Arbeitshaltung zu trainieren.
Aber wie kann eine Lösung des Problems aussehen? Wir sind während unserer täglichen Arbeit so im Bann der schnell ablaufenden Routinen, dass wir eine Hilfe benötigen, um uns daran zu erinnern, dass eine gesunde Arbeitshaltung Garant für eine lebenslange gesunde Tätigkeit ist. Diese Hilfe ist der zahnärztliche „Preflight-Check“. Der Begriff Preflight-Check ist in der Luftfahrt und im Druckgewerbe verbreitet. So arbeitet der Pilot vor dem Abflug eine Reihe zu prüfender Punkte ab. Der Preflight-Check im Druckgewerbe prüft ebenfalls anhand einer Liste, ob eine vom Kunden angelieferte Datei überhaupt druckfähig ist.
Mithilfe des zahnärztlichen Preflight-Checks können wir prüfen, ob wir bereit sind, eine Behandlung ergonomisch korrekt vorbereitet zu beginnen. Der zahnärztliche Preflight-Check setzt sich aus sechs Punkten zusammen, die man sich als Akronym SLAKLEST gut merken und in Gedanken leicht abchecken kann (Sitzen/Lagerung/Kopf/Leuchte/Schatten/Tablett). Mit dieser Hilfe sollte es uns leichter fallen, eine ergonomische Arbeitshaltung einzuüben und möglichst dauerhaft in unseren Behandlungsalltag zu integrieren.
Die sechs Checkpoints
Checkpoint 1: Ich sitze richtig.
Foto 1a |
de Ruijter, 2016
Foto 1b |
de Ruijter, 2016
Foto 1c |
de Ruijter, 2018
Abbildungen 1a bis 1c: Die gesunde aufrecht sitzende Arbeitshaltung setzt sich zusammen aus angewinkelten Armen (10° bis 25°), einem leicht geneigten Kopf von 10° bis 15° (a), einer Symmetrie der Körperseiten und leicht gespreizten Oberschenkeln (b). Dabei sitzen die Zahnärztin und die ZFA im Reißverschluss (c).
Checkpoint 2: Der Patient ist richtig gelagert.
Abbildung 2: Richtige Lagerung des Patienten – mit genügend Freiraum für die Beine der Zahnärztin |
de Ruijter, 2018
Checkpoint 3: Der Kopf des Patienten ist mir richtig zugewendet.
Abbildung 3a |
Hokwerda et al., 2009
Abbildung 3b |
Hokwerda et al., 2009
Abbildung 3c |
Hokwerda et al., 2009
Abbildung 3d |
Hokwerda et al., 2009
Abbildung 3e |
Hokwerda et al., 2009
Abbildung 3f |
Hokwerda et al., 2009
Abbildungen 3a bis 3f: Übersicht über die sukzessive auszuführenden Bewegungsoptionen zur optimalen Lagerung des Patientenkopfes in drei Richtungen: Erste Bewegung: vorwärts (a) mit der Okklusalfläche des Unterkiefers horizontal, ca. 0° oder rückwärts (b) mit der Okklusalfläche des Oberkiefers ca. 20–25° rückwärts. Zweite Bewegung: Lateroflexion nach links (c) oder nach rechts (d), jeweils ca. 30˚. Dritte Bewegung: über die Längsachse des Patienten nach links (e) oder nach rechts, maximal 45˚ (f)
Checkpoint 4: Der Lichtstrahl der OP-Leuchte ist richtig eingestellt.
Abbildung 4: Das Lichtbündel der OP-Leuchte verläuft fast parallel mit der Blickrichtung des Behandlers und trifft senkrecht auf das Arbeitsfeld oder (bei indirekter Sicht) den Mundspiegel: „Lichtstrahl parallel zum Sichtstrahl“ |
de Ruijter, 2018
Checkpoint 5: Das Arbeitsfeld ist ohne Wurfschatten einsehbar.
Abbildung 5: Eine korrekte Position der OP-Leuchte stellt kein Stoßhindernis dar, realisiert eine freie Sicht ohne Wurfschatten und erlaubt eine gute Arbeits haltung. |
Hokwerda und Wouters, 2004
Checkpoint 6: Das Tablett befindet sich im kleinen Greifbereich.
Abbildung 6a: Das Tablett befindet sich auf optimaler Arbeitshöhe im kleinen Greifbereich und innerhalb des direkten Gesichtsfelds, um – ohne den Blick vom Arbeitsfeld abzuwenden und damit ohne Konzentrationsverlust – Instrumente greifen und wieder zurücklegen zu können. |
Hokwerda et al., 2009
Abbildung 6b: Tablett in optimaler Höhe bei fast horizontaler Lagerung der Patientin mit genügend Freiraum für die Beine des Behandlers |
de Ruijter, 2018
Dental-Preflight-Checkliste:
Wir sitzen richtig.
Der Patient ist richtig gelagert.
Der Kopf des Patienten ist mir richtig zugewendet.
Das Lichtbündel der OP-Leuchte verläuft parallel zu meiner Blickrichtung.
Das Arbeitsfeld ist ohne Wurfschatten einsehbar.
Das Tablett befindet sich im kleinen Greifbereich.
Prof. Dr. drs. drs. Jerome Rotgans
Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft „Ergonomie in der Zahnheilkunde“ (AGEZ) in der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK)
Bleichestr. 17,
58452 Witten
agez-vorsitzender@dgzmk.de



















