Deutscher Zahnärztetag 2020

Die Vision der Zukunft heißt „Orale Medizin“

Pandemiebedingt konnte der wissenschaftliche Kongress des Deutschen Zahnärztetages in diesem Jahr nur als Onlineveranstaltung mit einem stark reduzierten Angebot stattfinden. Dennoch setzte die Veranstaltung inhaltliche Akzente: Die Diskussion über den unterschiedlichen Status von Medizin und Zahnmedizin im Hinblick auf die Systemrelevanz hatte gravierende Defizite in der Wahrnehmung der Zahnmedizin im politischen Raum offengelegt. Zahnmedizin und Medizin sind jedoch heute enger als je zuvor miteinander verbunden – das unterstrichen die Veranstalter mit dem diesjährigen Kongressthema „Orale Medizin und Immunkompetenz“.

Der KZBV-Vorsitzende Dr. Wolfgang Eßer, Moderatorin Harriet Heise, BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel und DGZMK-Präsident Prof. Roland Frankenberger bei der Videoschalte (v.l.o.n.r.u.) zm_br

Krisen können Entwicklungen nicht nur hemmen, sondern auch beschleunigen. Die politische Diskussion um die Systemrelevanz der Zahnmedizin verstärkt nun einen Prozess der Neuausrichtung im Selbstverständnis des Berufsstands, der ohnehin bereits seit Jahren immer stärker sichtbar geworden war: Gestützt durch die in zunehmendem Tempo sich erweiternden wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Zusammenhänge oraler Erkrankungen mit denen des gesamten menschlichen Organismus rücken Zahnmedizin und Medizin immer enger zusammen. Das traditionelle Rollenbild des Zähne reparierenden Dentisten war ohnehin bereits seit einem halben Jahrhundert dem Selbstverständnis einer wissenschaftlich begründeten Zahnheilkunde gewichen, dennoch blieb das Wording „Zahnmedizin“ erhalten. Nun erscheint ein neuer Terminus technicus am Horizont: Die Vision der Zukunft heißt „Orale Medizin“.

Das Thema des Online-Kongresses „Orale Medizin und Immunkompetenz“ setzte in dieser Hinsicht ein Zeichen: „Wir sind die Gesunderhalter der Immunbarriere“ stellte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Prof. Dr. Roland Frankenberger, in seinem Referat fest. Damit strich er die Bedeutung der Mundhöhle als primäre Immunbarriere für den menschlichen Organismus heraus – eine gesunde Mundhöhle ist eine effektivere Immunbarriere als eine erkrankte. Die Voraussetzung dafür schaffen eine präventiv orientierte Zahnmedizin und die Mundhygiene des Patienten.

Grußwort von Jens Spahn

In einem vorab eingespielten Grußwort dankte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) den Zahnärzten „für die hohe Einsatzbereitschaft“ und die Sicherstellung der zahnärztlichen Versorgung in der Corona-Pandemie. Zu möglichen finanziellen Hilfen für die Zahnärzteschaft bei einer weiter anhaltenden Pandemie äußerte er sich jedoch nicht. Dennoch versprach er Unterstützung für den Berufsstand: „Es gibt noch viele weitere Themen, auch über diese Pandemie hinaus, die wir gemeinsam anpacken wollen und werden.“

Politisches Gespräch

Im Anschluss an die wissenschaftlichen Vorträge diskutierten Dr. Peter Engel, Präsident der Bundeszahnärztekammer (BZÄK), und Dr. Wolfgang Eßer, Vorsitzender des Vorstands der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV), im Beisein von Prof. Dr. Roland Frankenberger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK), die aktuelle Situation der Zahnmedizin.

Zahnmedizin ist systemrelevant

Eßer stellte zunächst heraus, dass die bisherige Entwicklung in der Pandemie die wichtige Rolle der Zahnmedizin gezeigt habe. „Wir sind nicht nur Dentalkosmetiker, sondern wir sind ganz entscheidend wichtig für die Primärversorgung in der ambulanten Medizin.“ Engel bekräftigte diese Einschätzung: „Für mich ist ganz klar: Zahnmedizin ist orale Medizin. Und damit ist die Zahnmedizin integraler Bestandteil der Medizin. Das wird leider im politischen Bereich nicht so gesehen.“ Deshalb warne die Bundeszahnärztekammer auch vor „Irrwegen“, wie sie teilweise – auch international – beschritten würden, bei denen zahnärztliche Leistungen zunehmend von Nichtzahnärzten erbracht werden sollen. Eine solche „Trivialisierung“ der Zahnmedizin sei ausgesprochen gefährlich.

Zahnmedizin in der Pandemie

Zur aktuellen Situation in der zahnärztlichen Versorgung sagte Engel, dass sich die zahnärztlichen Hygienemaßnahmen bislang bewährt hätten. „Die Zahnarztpraxis ist ein sicherer Ort für Zahnärztinnen und Zahnärzte, Mitarbeiter und Patienten.“ Die Zahnarztpraxen hätten auch bereits vor der Corona-Krise mit rund 70.000 Euro pro Jahr wesentlich mehr in Hygiene investiert als andere Arztgruppen. Hygieneaufwendungen in der Corona-Pandemie erschöpften sich jedoch nicht nur in Mehrkosten für Mund-Nasen-Schutz und Desinfektionsmittel, sondern kosteten durch verlängerte Rüstzeiten und das Patientenmanagement vor allem Zeit, so dass der Patientendurchfluss erheblich geringer ausfalle.

Eßer bezeichnete es als einen Skandal, dass die gesetzlichen Kassen den pandemiebedingten Mehraufwand für Hygiene in den Praxen – mit Ausnahme der Corona-Patienten behandelnden Schwerpunktzentren – nicht finanzieren.

Erwartungen an die Politik

Eßer sieht insgesamt eine „krasse Schlechtbehandlung“ der Zahnärzteschaft in der Krise, die es auf der politischen Ebene zu korrigieren gelte. In den Gesprächen stoße man jedoch bei der SPD in der Regierungskoalition auf einen „ganz entschiedenen Gegner in dieser Frage“. Trotz allem verständlichen Unmut aus der Kollegenschaft müsse man weiter das politische Gespräch und Unterstützer suchen, „damit wir ein Stück weiter kommen“. Aufgabe der Standesvertretungen sei es, in die kommende Gesetzgebung Parameter für wirtschaftliche Hilfen hineinzubringen. Krisenbedingt in Not geratenen Praxen müsse geholfen werden – da stünden die Krankenkassen in der Verantwortung. Mit Blick auf die exorbitant gestiegenen Hygienekosten forderte Eßer einen „fallbezogenen Pandemiezuschlag“. Insgesamt zeigte er sich vorsichtig optimistisch: Die Chancen auf Hilfen seitens der Politik sähen aktuell„etwas besser aus als im März oder April“.

Engel erwartet von der Politik neben wirtschaftlichen Hilfen auch Entlastungen bei den Bürokratieaufwendungen, die inzwischen ein enormes Ausmaß angenommen hätten.

Investoren-MVZ

Besorgt äußerten sich Engel und Eßer über die steigenden Zahlen der Investoren-MVZ. Eßer berichtete, bundesweit gebe es bereits über 200 solcher MVZ mit einem Marktanteil von inzwischen rund 20 Prozent. Hier sei „ganz klar ein renditeorientiertes Behandlungsverhalten“ festzustellen – das zeigten die Zahlen der KZBV. Die Investoren-MVZ beteiligten sich „nahezu nicht“ an der aufsuchenden Betreuung Pflegebedürftiger und der Betreuung der Jüngsten. Sie lösten auch keine Probleme in der Fläche.

Beide warnen bereits seit Jahren vor der zunehmenden Vergewerblichung des Berufsstands. Leider gebe es in der Politik jedoch eine große „wirtschaftsliberale Lobby, die das alles ganz toll findet“, stellte Eßer fest. Das sei eine „dramatische Entwicklung für das Gesundheitswesen in Deutschland insgesamt“, denn im ärztlichen Bereich sei die Entwicklung noch weiter vorangeschritten.

„Schicken Sie eine Mail an die Politiker“

Abschließend forderte Eßer die Zahnärzte auf, selbst politisch aktiv zu werden und ihre Meinung kundzutun – die Vertreter der Standespolitik würden in der Politik „immer nur als Funktionäre behandelt“: „Schicken Sie eine Mail an die Politiker. Schreiben Sie einen Brief. Posten Sie etwas. Und machen Sie auf die Missstände aufmerksam. [..] Machen Sie sich Luft.“

Zukunftskongress auf dem Deutschen Zahnärztetag 2020

Dr. Peter Engel, Präsident der Bundeszahnärztekammer (BZÄK), benannte die Probleme, die die Pandemie im Berufsstand auslöst. „Junge Kolleginnen und Kollegen überlegen sich zweimal, ob sie jetzt in die Niederlassung gehen. Frisch Niedergelassene kämpfen mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten und teilweise sogar um ihre Existenz. Ältere Kollegen geben ihre Praxen früher als geplant ab.“ Wenn sich diese Trends verstetigen sollten, erwachse ein „echtes Problem in der Fläche“, so Engel.

Corona-Krise setzt dem Berufsstand zu

Die BZÄK hat Engel zufolge alles in ihrer Macht stehende getan, um die negativen Auswirkungen der Pandemie zu begrenzen. „Wir haben für eine Klarstellung gesorgt, dass Kurzarbeitergeld grundsätzlich auch Zahnarztpraxen zusteht. Und wir haben eine abrechenbare Hygienepauschale ausgehandelt, die schon mehrmals verlängert wurde.“ Diese Maßnahmen alleine könnten jedoch die wirtschaftlichen Probleme nicht lösen – gemeinsam mit der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) arbeite man an geeigneten Maßnahmen.

Zahnmedizin ist systemrelevant

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK), Prof. Dr. Roland Frankenberger, bestritt den ersten Vortrag des Tages zum Thema „Orale Medizin in Zeiten der Pandemie und ihre Systemrelevanz“. Die Systemrelevanz der Zahnmedizin zeige sich sehr eindrücklich beim internationalen Vergleich der Mortalität von COVID-19 mit der Leistungsfähigkeit der zahnmedizinischen Versorgungssysteme. In Ländern mit „nachgewiesen schlechterem zahnärztlichem Versorgungsprinzip und Individualprophylaxelevel“ (Belgien, Spanien, Italien) sei die Sterblichkeit wesentlich höher gewesen als in Ländern mit besserer Versorgung (Deutschland, Österreich, Norwegen).

Frankenberger betonte, wie wichtig die Aufrechterhaltung der zahnmedizinischen Versorgung in der Krise sei: „Wir brauchen die Patienten in den Praxen, damit wir keine stillen Opfer bekommen.“ Die ausgefallene Kontrolluntersuchung oder die Zurückhaltung beim Zahnarztbesuch kann für Patienten auch lebensgefährlich werden, wenn beispielsweise Plattenepithelkarzinome erst in fortgeschrittenen Stadien entdeckt werden.

Prävention und Alterszahnmedizin

Die Prävention müsse auch in der Corona-Krise weiter gelebt werden – dafür sprach sich Dr. Klaus-Dieter Bastendorf, Eislingen, aus. In seinem Vortrag beleuchtete er die klinischen Protokolle von Professioneller Zahnreinigung (PZR), Unterstützender Parodontaltherapie (UPT) und der Guided Biofilm Therapy (GBT).
Prof. Dr. Sebastian Hahnel, Leipzig, referierte abschließend zum Thema „Mundgesundheit im demografischen Wandel“ und ging auf die demografiebedingt zunehmende Bedeutung der Alterszahnmedizin ein. Trotz der vielfältigen Verschränkung von Allgemeinerkrankungen, Polypharmazie und Mundgesundheitsproblemen werden die älteren Menschen seltener von der Zahnmedizin erreicht. Nach einem Peak in der Altersgruppe 75–79 Jahre gehen die Zahnarztkontakte der folgenden Altersgruppen rapide zurück. Hier sei eine zunehmend individualisiertere Betreuung notwendig, gute Mundgesundheit sei „essenziell für ‚gutes Altern‘“, so Hahnel.

Alle Beiträge des Hauptprogramms, des Programms für das Praxisteam und des Zukunftskongresses „Beruf und Familie“ können noch bis Mitte Dezember auf www.dtzt.de im Kongressblog kostenfrei abgerufen werden.

Das Begleitheft mit umfangreichen Beiträgen zum diesjährigen Kongressthema „Orale Medizin und Immunkompetenz“ kann unter www.quintessenz.de für 39 Euro bestellt werden.

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