Die klinisch-ethische Falldiskussion

Im Konflikt zwischen Chef und Patient

Der Patient ist zum ersten Mal in der Praxis: Seine UK-Totalprothese sitzt nicht, trotz mehrfacher Unterfütterung 
und Neuanfertigung. Assistenzzahnarzt Dr. S., der seinen Chef Dr. H. gerade vertritt, rät ihm zu einem mittigen Einzelimplantat. Davon ist der Mann – auch wegen seiner kleinen Rente – sehr angetan. Als H. davon erfährt, reagiert er im Beisein des Patienten ausgesprochen ungehalten: Diese Therapie sei „blanker Unsinn“. Was kann beziehungsweise sollte S. antworten?

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Dr. S. ist 30 Jahre alt. Nach fünfjähriger Tätigkeit an einer süddeutschen Universitätszahnklinik hat er den Entschluss gefasst, sich in eigener Praxis niederzulassen. Seit Kurzem absolviert er die hierzu erforderliche Vorbereitungszeit in der Vertragszahnarztpraxis des 62-jährigen Zahnarztes Dr. H. 

An einem Montagmorgen ruft H. in der Praxis an, um Bescheid zu geben, dass er sich um eine halbe Stunde verspäten werde. Er bittet S., der stets 
eine Stunde vor ihm mit dem Dienst beginnt, seine ersten Patienten – soweit zeitlich möglich – mitzubetreuen. 

Unterfüttert und neu, aber trotzdem Kein Halt

Tatsächlich kann S. einen eigentlich H. zugeordneten Patienten „einschieben“: Der 78-jährige W. stellt sich erstmals in der Praxis vor. Er streckt S. sogleich 
seine UK-Totalprothese entgegen und beklagt sich über deren mangelnden Halt. Er erzählt, dass sein bisheriger Zahnarzt in den vergangenen Jahren schon zwei Neuanfertigungen und mehrere Unterfütterungen durchgeführt und hierbei erhebliche Mühen investiert habe – doch die Prothese sei weiterhin kaum kautauglich, was seine Lebensqualität sehr stark einschränke. Er habe leider nur eine kleine Rente und könne sich keine teure Versorgung leisten. Nun möchte er es mal mit 
einem anderen Zahnarzt versuchen.

hier Bietet sich doch das mittige Einzelimplantat an

S. erkennt sofort die ausgeprägte 
Alveolarkammatrophie des Unterkiefers und hält den Leidensdruck des Patienten für absolut glaubhaft. Er erinnert sich umgehend an einen Fortbildungskurs, den er unlängst besucht hat: Dort wurden Ergebnisse klinischer Studien referiert, die zeigten, dass ein mittiges Einzelimplantat (mit Kugelkopfanker) im zahnlosen Unterkiefer bei älteren Patienten gute Ergebnisse lieferte. In jener Fortbildung wurden neben der Funktionalität der Versorgung die vergleichsweise geringen finanziellen Aufwendungen herausgestellt, so dass sich diese gerade bei wenig zahlungskräftigen Personen anbiete. 

Mittiges Einzelimplantat mit Kugelkopfverankerung im zahnlosen Unterkiefer. 
Auf YouTube (https://www.youtube.com/c/ProfMatthiasKernOnline-D) zeigt Prof. 
Matthias Kern aus Kiel Filme zu prothetischen und implantologischen Fragestellungen. | Copyright

S. klärt W. über diese Therapieoption und die damit verbundenen mutmaßlichen Kosten auf und weckt bei dem Patienten auf Anhieb großes Interesse. Er hat gerade das Beratungsgespräch beendet, als H. das Sprechzimmer betritt. Er entschuldigt sich für seine Verspätung und bittet S. freundlich, den Gesprächsverlauf zu rekapitulieren. Der Patient berichtet daraufhin von den großen Problemen mit seiner Prothese und von seinen begrenzten finanziellen Mitteln, S. ergänzt, dass er vor ebendiesem Hintergrund zu einem mittigen Einzelzahnimplantat geraten habe. 

Allerdings lehnt der Chef die Therapie brüsk ab

H. reagiert unerwartet erregt und barsch: Besagte Empfehlung sei „blanker Unsinn“ und seine Praxis kein „Experimentierfeld“. Das Minimum bei einer Implantatversorgung des Unterkiefers liege bei zwei Implantaten, besser seien vier. Dass dies Kosten verursache, sei nicht weg-
zudiskutieren – doch eine gute Versorgung nach den Regeln der Kunst habe eben ihren Preis. 

Der Patient verlässt betreten die 
Praxis und die beiden Zahnärzte 
verschwinden in ihren jeweiligen 
Behandlungszimmern, ohne das Thema nochmals nachzubereiten.

Aufruf

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Kontakt:
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vollmuth@ak-ethik.de

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S. ist zwar durch das Auftreten seines älteren Kollegen eingeschüchtert, aber in der Sache nicht überzeugt. Am nächsten Morgen stellt ihm die zahnmedizinische Verwaltungsangestellte noch vor der Behandlung des ersten Patienten einen Anruf durch. Am anderen Ende der Leitung meldet sich zu seiner Überraschung W., der mit belegter Stimme angibt, Nachfragen zum gestrigen Gespräch und der angesprochen Therapieoption zu haben.

S. zögert: Was kann beziehungsweise sollte er antworten? Was schuldet er dem Patienten, was seinem Vorgesetzten? 

Prof. Dr. Dr. Dr. Dominik Groß
Institut für Geschichte, Theorie und
Ethik der Medizin der RWTH Aachen
Klinisches Ethik-Komitee des
Universitätsklinikums Aachen MTI 2,
Wendlingweg 2, 52074 Aachen
dgross@ukaachen.de

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