Mit Planet Action im „Maison Centrale“

Unser Einsatz im Gefängnis auf Madagaskar

Ernst Peter Drescher
Mit Unterstützung der Organisation Planet Action fuhr Dr. Ernst Drescher, begleitet von Kolleginnen, Studierenden und ZFAs, für mehrere Wochen in den Süden von Madagaskar. Dort behandelte das Team unter anderem Patienten im örtlichen Gefängnis. „Das war eine Erfahrung, die uns noch einmal ganz besonders herausforderte“, erzählt der Zahnarzt rückblickend.

Ich habe schon einige schreckliche Gebisszustände gesehen, als ich zuvor mit anderen Organisationen auf Auslandseinsätzen war. Doch das, was uns im madagassischen Gefängnis erwartete, übertraf unsere bisherige Fantasie. Vornehmlich junge Menschen, die dort unter erbärmlichen Umständen untergebracht waren, hatten größtenteils stark zerstörte Gebisse. Nun ist man bei dieser Art von Einsatz üblicherweise angehalten, vor allem für Schmerzlinderung zu sorgen – auch wenn das in Form von Extraktionen passieren muss. Dabei sahen wir überhaupt kein Ende, der Bedarf war enorm!

Madagaskar liegt vor der Ostküste Afrikas und ist eines der ärmsten Länder der Welt. Die Bevölkerung leidet einerseits unter der zunehmenden Dürre in den westlichen Landesteilen, die sie zur Migration in Richtung Osten zwingt, und andererseits unter der Last der landeseigenen Korruption. Ein Sozialsystem, wie wir es kennen, existiert für die rund 31 Millionen Einwohner nicht.

An diesem „maison“ ist gar nichts heimelig

Aber von vorn: Wir reisten von Frankfurt aus über Addis Abeba in Äthiopien nach Antananarivo, der Hauptstadt Madagaskars. Von dort aus ging es mit einem Inlandsflug weiter in den Süden nach Fort Dauphin. Während unseres Aufenthalts erhielten wir freundliche Unterstützung von ortsansässigen Ordensschwestern. Eine von ihnen hielt Kontakt mit dem örtlichen Gefängnis und fragte uns, ob wir bereit wären, auch dort zu arbeiten. Nach unserer Zusage organisierte sie den ersten Zahnarztbesuch im „Maison Centrale“, wie sich das Gefängnis nennt. Die rund 500 Gefangenen erhalten dort keine Verpflegung, sondern müssen von ihren Angehörigen versorgt werden. Deshalb zieht täglich ein reger Strom von Einwohnern der Region in Richtung Gefängnis. Sie liefern an der Pforte Speis und Trank für den jeweiligen Gefangenen ab. Pech haben diejenigen, die keine Angehörigen vor Ort haben. Ihnen helfen nur die Ordensschwestern, die ihnen dreimal pro Woche Essen in begrenztem Umfang aus der Ordensküche mitbringen.

An einem Tag Ende August machten wir uns zusammen mit zwei Studierenden aus höheren Semestern, einer ZFA und einer Ordensschwester auf den Weg zum Maison Centrale. Nach einigem Hin und Her an der Pforte wurden wir hineingelassen und freundliche Helfer trugen unsere Ausrüstung. Nachdem wir zwei Türen passiert und einen übel riechenden Wasserablauf überschritten hatten, standen wir im Gefängnishof und wurden erwartungsvoll beäugt. Am Eingang gab es nur drei gelangweilt dreinblickende, bewaffnete Uniformierte. Die unter den Gefangenen selbst herrschende Hierarchie war für uns Außenstehende undurchschaubar. Offenbar gab es einige, die Aufgaben innerhalb der Gemeinschaft übernahmen, andere eher nicht. Einer von ihnen war der Sprecher der Gefangenen, unter ihnen vielleicht gerade einmal zehn Frauen. Er begrüßte mich überschwänglich und dankte uns für unser Kommen.

Wir erfuhren Dankbarkeit wie selten zuvor

Man wies uns einen Raum zu, in dem die im Gefängnis angestellte Krankenschwester wartete. Neben einer Liege, einem Schreibtisch und einem Schrank, in dem sich einige Tablettenschachteln und Verbandszeug befanden, war nichts weiter vorhanden. Aber eine Patientenliste gab es bereits. Die Häftlinge reihten sich nun vor dem Eingang auf. Anfangs hatten wir Sorge, dass jemand unsere Instrumente als Waffe gegen uns gebrauchen könnte, da diese ja offen neben den Behandlungsplätzen lagen. Weit gefehlt – wir erfuhren Dankbarkeit wie selten zuvor.

In einer Behandlungspause trauten wir uns aus unserer Kammer heraus und sahen, dass für alle Gefangenen nur ein einziger Wasserhahn zur Verfügung stand. Davor hatte sich eine Warteschlange gebildet, in der jeder und jede einen kleinen Schöpfeimer bereithielt, um Wasch- oder Trinkwasser aufzufangen. Im Lager herrschte große Stille, denn es war nicht nur für uns eine besondere Situation, sondern auch für die Gefangenen. Es war sehr warm und wir behalfen uns jeweils mit Kopfhauben und breiten Schweißbändern wie beim Tennisspielen, damit der Schweiß nicht aus den Handschuhen lief. Nach wenigen Tagen gewöhnten wir uns an den Geruch vor Ort, der aus einer Mischung aus Feuer, Erde, Menschen und Zahnstein bestand.

Selten sind Tage so sinnhaltig wie diese

Tagsüber standen die Gittertüren der Behausungen offen, sodass sich alle frei bewegen konnten. Nachts wurden sie verschlossen und alle schliefen auf ihren Pritschen. Es gab keinerlei Beschäftigungsmöglichkeiten für die Gefangenen. Dementsprechend groß war die Freude, als ich einen Fußball mitbrachte, mit dem anschließend fröhlich gespielt wurde.

Die Behandlungen bestanden tatsächlich allein aus einer vorsichtigen Anästhesie, wodurch sich das Angstlevel erheblich reduzierte, und der anschließenden Extraktion. Osteotomien konnten wir mangels Bohrer und Absaugvorrichtung nicht durchführen. Wir schrieben jedoch eine Liste der betroffenen Patienten und kehrten am Folgetag in neuer Besetzung ins Gefängnis zurück. Diesmal waren wir mit einer Chirurgiemaschine und einer Absaugung ausgestattet. Beides wird über das Jahr hinweg von der Organisation in einem verschlossenen Raum eingelagert und zu Beginn des jeweiligen Einsatzes mit allen anderen Instrumenten hervorgeholt. In der Folgewoche unternahmen wir diesen Dienst ein weiteres Mal und konnten zumindest einigen Patienten zu einer besseren Verfassung verhelfen.

Diese Tage haben bei uns bleibende Eindrücke hinterlassen. Ich hoffe, meine Zeilen motivieren vielleicht die eine Kollegin oder den anderen Kollegen, es mir gleichzutun. Madagaskar ist ein faszinierendes Land mit einzigartiger Flora und Fauna sowie vielen hilfsbedürftigen Menschen. Auch nachfolgende Teams haben das Gefängnis betreut, ich würde das zukünftigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern ebenfalls empfehlen. Selten sind die Tage so sinnhaltig wie die, die ich dort erlebt habe.

Gesucht werden tatkräftige Zahnärztinnen und Zahnärzte, sowohl erfahrene als auch Young Professionals. Und natürlich auch ZFAs und Studierende der letzten Semester. Die Vorbereitung dauert mindestens ein halbes Jahr und umfasst Teambildung per Videoaustausch, Aufgabenverteilung sowie das Sammeln von Geld- und Sachspenden, da jedes Team seine Ausgaben selbst tragen muss. Darüber hinaus ist eine eigene medizinische Vorbereitung erforderlich. Dazu ist eine Beratung bei Tropenärzten oder Reisemedizinern empfehlenswert.

Der gemeinnützige Verein Planet Action unterstützt Helfende im Bereich der zahnmedizinischen Entwicklungszusammenarbeit. Interessierte finden Informationen und Einsatzberichte auf planet-action.de. Spenden sind sehr willkommen, auch Sachspenden. Diese müssen allerdings im Voraus abgesprochen werden, damit nur tatsächlich benötigte Spenden getätigt werden.

Dr. med. dent. Ernst Peter Drescher

Zahnarzt in eigener Praxis
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