„Wir profitieren vom Wissenstransfer aus der europäischen Dental Community“
Frau Dr. Seiz, wie haben Sie sich inzwischen in das Amt der ERO-Generalsekretärin eingefunden?
Dr. Doris Seiz: Gut! Anfang Juli hat sich der neue ERO-Vorstand offiziell konstituiert und wir haben erste Gespräche über die Arbeit der kommenden Jahre geführt. Ein Vorteil für mich war sicherlich, dass mein Vorgänger im Amt als Präsident der Landeszahnärztekammer Hessen, Michael Frank, auch international und in der ERO aktiv war. Dadurch hatte ich einen realistischen Eindruck davon, welche Arbeit und Pflichten auf mich zukommen.
Wissen Sie schon, auf welche Themen Sie sich in Ihrer Amtszeit fokussieren wollen?
Es sind vor allem drei Themen, die ich gerne angehen möchte: Erstens möchte ich einen wirksamen Bürokratieabbau erreichen, um die Praxen in ihrem Arbeitsalltag zu entlasten. Ich weiß als Oralchirurgin aus erster Hand, wie durch Bürokratie viel Zeit verloren geht, die für unsere Patientinnen und Patienten viel besser investiert wäre. Zweitens möchte ich dabei helfen, die Qualität der Zahnmedizin auf dem gewohnt hohen Niveau zu halten. Alle Patientinnen und Patienten haben das Recht auf eine gute Versorgung, und Qualität muss einer der Eckpfeiler unseres Berufs bleiben. Drittens möchte ich die Zusammenarbeit mit anderen Dentalverbänden und -organisationen fortführen und vertiefen. Durch Kooperationen können wir Best Practices teilen, gemeinsame Herausforderungen angehen und die Interessen unseres Berufsstands stärker vertreten. Unser primäres Ziel muss es sein, den spezifisch europäischen Blick auf diese Themen auf die Weltbühne zu heben.
Wie bringen Sie den neuen Posten mit Ihrer Arbeit als Oralchirurgin und dem Amt als Präsidentin der Landeszahnärztekammer Hessen unter einen Hut?
Ich möchte mich für die Standespolitik engagieren, deshalb empfinde ich diese Arbeit grundsätzlich nicht als Belastung. Das ist, denke ich, eine ganz entscheidende Voraussetzung. Auf praktischer Ebene kommt hinzu, dass ich immer sehr gut vorbereitet in Termine gehe. Es spielt für mich keine Rolle, ob ich im Vorstand sitze oder Delegierte bin – ich schaue mir die Sachlage vorher an und mache mir meine Gedanken dazu. Trotzdem ist mir natürlich klar, dass durch das Amt als Generalsekretärin mehr Arbeit auf mich zukommen wird. Aus meiner Sicht ist das aber absolut machbar und lässt sich gut in meinen Alltag integrieren.
Die Entscheidung, ob Sie kandidieren möchten, fiel also schnell?
Als die Wahlen anstanden, wurde ich von etlichen Kolleginnen und Kollegen, nicht nur aus dem Vorstand der ERO, sondern auch von Delegierten angesprochen, ob ich nicht kandidieren möchte. Das hat mich zunächst erstaunt, weil ich noch neu in diesem Bereich war. Aber ich habe mich spontan mit der Idee wohlgefühlt und dann nach einer Beratung mit der Bundeszahnärztekammer meinen Hut in den Ring geworfen.
Wie würden Sie die Bedeutung der ERO beschreiben?

Was hat Sie an diesem Amt gereizt?
Ich wurde vor einem Jahr von der Bundeszahnärztekammer als Delegierte für unseren Weltverband der Zahnärzte, die FDI, und in deren europäische Regionalorganisation, die ERO, ernannt und habe im Zuge dessen an den Generalversammlungen teilgenommen. Bei diesen Events unterhält man sich mit vielen Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Ländern. Das hat mir interessante Einblicke ermöglicht. Ich konnte ein Gefühl dafür entwickeln, wie die europäische und die internationale Arbeit funktionieren und welche Chancen sie bieten. Ich wusste, dass ich das als Teil des ERO-Führungsgremiums noch intensivieren und vor allen Dingen stärker mitgestalten kann.
Die Entscheidung, ob Sie kandidieren möchten, fiel also schnell?
Als die Wahlen anstanden, wurde ich von etlichen Kolleginnen und Kollegen, nicht nur aus dem Vorstand der ERO, sondern auch von Delegierten angesprochen, ob ich nicht kandidieren möchte. Das hat mich zunächst erstaunt, weil ich noch neu in diesem Bereich war. Aber ich habe mich spontan mit der Idee wohlgefühlt und dann nach einer Beratung mit der Bundeszahnärztekammer meinen Hut in den Ring geworfen.
Wie würden Sie die Bedeutung der ERO beschreiben?
Sie bietet uns die Möglichkeit, Entwicklungen bei den Heilberufen europaweit früh zu erkennen. Ferner erlaubt es die ERO, die Interessen der Zahnarztverbände aus Europa für die Arbeit im Weltverband der Zahnärzte, der FDI, zu bündeln und Europa eine starke Stimme in der FDI zu geben. Ein Beispiel: In allen ERO-Ländern macht sich der demografische Wandel bemerkbar. In der ERO haben wir daher eine Arbeitsgruppe gegründet, die sich mit Fragen der zahnärztlichen Versorgung einer alternden Gesellschaft befasst. In diese Arbeitsgruppe kann jeder seine nationalen Erfahrungen einbringen. Der internationale und europäische Austausch ermöglicht es uns in diesem Sinne, politische Entwicklungen zu antizipieren und uns darauf vorzubereiten.
Welche Perspektiven erschließen sich Ihnen konkret, wenn Sie die Zahnärzteschaft von der europäischen Ebene aus betrachten?
Nehmen wir das Beispiel Bürokratie beziehungsweise Bürokratieabbau. Mein Eindruck ist, dass Deutschland EU-Vorgaben wesentlich strenger umsetzt als viele unserer Nachbarländer. Wir neigen im Vergleich zur Überregulierung. Ich denke, hier können wir Best Practices aus dem EU-Ausland sammeln und bei den deutschen Behörden dafür werben. Mein Ziel ist es, praktikable Ideen kennenzulernen, mit denen man Bürokratie abbauen oder von vorneherein verhindern kann. Von diesem Wissenstransfer aus der europäischen Dental Community werden die deutschen Zahnarztpraxen profitieren. Idealerweise funktioniert das auch bei anderen Themen wie etwa dem Fachkräftemangel oder der Digitalisierung.
Wie unterscheidet sich die ERO von der FDI und vom CED (Council of European Dentists) – und wie greifen die Organisationen auf der anderen Seite ineinander?
Über die FDI sind wir an die WHO angebunden und können uns dort Gehör verschaffen. Die ERO wiederum ist eine der Regionalgruppen der FDI. Die ERO stärkt somit die europäische Stimme in der internationalen Zahnärzteschaft. Das sehe ich als die Hauptaufgabe der ERO. Auf EU-Ebene ist außerdem das CED aktiv. Es arbeitet in Brüssel mit den EU-Gremien zusammen, zum Beispiel mit Vertreterinnen und Vertretern aus der Kommission oder mit Mitgliedern relevanter Ausschüsse. So versucht die Zahnärzteschaft, sich direkt in die EU-Gesetzgebung einzubringen.
Interessant zu wissen ist auch, dass ERO und CED unterschiedliche Gebiete abdecken. Während sich das CED tatsächlich auf die EU-Staaten begrenzt, orientiert sich die ERO an den Mitgliedern der WHO. Das heißt, es sind nicht nur die EU-Staaten, sondern darüber hinaus auch Länder wie Kasachstan oder Israel vertreten. So schließt sich ein bisschen der Kreis. Jede Organisation hat also eine andere Ausrichtung, aber wir arbeiten zusammen, vernetzen uns und haben dadurch die Chance, unsere Themen besser in den entscheidenden Gremien zu platzieren und voranzutreiben.
Welche Themen werden in Ihrer Legislatur zu diskutieren sein?
Unter anderem droht ein Verbot von Ethanol. Es soll als kanzerogen, mutagen und reproduktionstoxisch eingestuft werden. Die zahnärztlichen Organisationen stufen das Gesundheitsrisiko beim Einsatz in den Praxen jedoch als sehr gering ein. Ein Verbot von Ethanol zum Beispiel als Desinfektionsmittel hätte erhebliche Folgen. Denken wir nur an die Corona-Pandemie zurück, in der wir für jedes erhältliche Desinfektionsmittel dankbar sein konnten. Gegen den Vorschlag, diese große Stoffgruppe komplett zu verbieten, werden wir europaweit zusammenarbeiten. Solche Kooperationen sind auch für viele andere Dinge wie etwa die Regulierung von investorenbetriebenen Medizinischen Versorgungszentren wichtig.
Auch andere Standespolitikerinnen aus Deutschland engagieren sich international. Stefanie Tiede ist in der FDI aktiv, Romy Ermler im CED. Tauschen Sie drei sich regelmäßig aus?
Ja, unbedingt. Die BZÄK hat zwei Ausschüsse, die sich einerseits mit unserem Weltverband FDI und der ERO als dessen europäischer Regionalorganisation sowie andererseits mit dem CED und den Fragen der EU-Gesetzgebung befassen. Darüber hinaus gibt es noch einige andere Gesprächsformate, in denen wir drei in ständigem Austausch stehen. Das empfinde ich als sehr wichtig und hilfreich.
Das Gespräch führte Susanne Theisen.