„Zahnärzte werden künftig MRT-Kompetenzen benötigen“
Herr Prof. Haßfeld, als Siemens Healthineers im Juni 2024 mit Dentsply Sirona als dentalem Vertriebspartner das weltweit erste Dental-MRT vorstellte, endete eine fast zwei Jahrzehnte dauernde Debatte, ob die MRT-Technologie irgendwann einmal den Sprung in die Zahnmedizin schaffen würde. Was hat schließlich den Ausschlag gegeben, dass die Industrie jetzt investiert hat?
Prof. Dr. Dr. Stefan Haßfeld: Da kamen sicher mehrere Entwicklungen zusammen: Zum einen gibt es in der Zahnmedizin traditionell und tendenziell steigend einen hohen Bedarf an radiologischer Bildgebung für die Diagnostik. Röntgen (und die sofortige Verfügbarkeit der Aufnahmen) gehört für Zahnmediziner zum täglichen Geschäft – im Gegensatz etwa zu den Allgemeinmedizinern. Hinzu kommt, dass die Zahnmedizin die Bildgebung noch viel intensiver nutzbringend einsetzen könnte, wenn sie – wie beim MRT – frei von Röntgenstrahlung ist. Ich denke da nur an die Kieferorthopädie.
Das Potenzial der MRT-Technologie war also schon immer interessant für unser Fach. Einzelne Arbeitsgruppen an Universitätskliniken haben in den letzten zwei Dekaden auch daran geforscht. Aber es war natürlich offensichtlich, dass allein die schiere Größe der Geräte den Einsatz in einer Zahnarztpraxis unmöglich macht – ganz zu schweigen von den Kosten.
Das neue Dental-MRT füllt immer noch problemlos ein Behandlungszimmer.
Ja, das ist richtig, aber der Fortschritt spielt sich unter der Haube ab. Innovationen bei der Sensorik und eine Software mit KI-Algorithmen machen es heute möglich, schwächere Signale zu verarbeiten und daraus mit KI-Hilfe bessere Bilder zu generieren – aus weniger wird mehr. Das Dental-MRT gehört zur neuen Generation von Niederfeld-MRT-Geräten, die statt mit Feldstärken von 1,5 oder 3 Tesla nur noch mit einer Feldstärke von 0,55 Tesla arbeiten. Das hat zu einer drastischen Senkung des apparativen Aufwands und der Betriebskosten geführt und ebnet jetzt den Weg der MRT-Bildgebung in die Zahnmedizin.
Warum ist das Gerät eigentlich so groß, wenn doch nur der Kopf hineinpassen muss?
Das Magnetom FreeMax ist ursprünglich als Niederfeld-MRT für die Radiologie entwickelt worden. Die Dental Edition hat zusätzlich eine spezielle Spule erhalten, in die der Kopf des Patienten positioniert wird. Das dentale System besteht, grob gesagt, aus drei Teilen: Mit den sogenannten Sequenzen wird dem Gerät ein Ablaufplan übermittelt, wann das Gewebe in welcher Weise elektromagnetisch angeregt werden soll. Die Sensorik in der dentalen Spule empfängt die Signale und gibt sie an die Software weiter, die schließlich die Bilddarstellungen generiert.
Welchen Nutzen kann das dentale MRT in der Praxis bieten?
Zunächst einmal ist die Technik frei von Röntgenstrahlung – ein Riesenvorteil, weil das, zumindest theoretisch, eine unbegrenzte Zahl von Aufnahmen ermöglicht. Daneben bringt das MRT einen ganz neuen Blick in die oralen Gewebe mit, sowohl beim Knochen als auch bei den Weichgeweben. Besonders herauszuheben ist, dass wir mit dem MRT versteckte Entzündungen diagnostizieren können. Im Unterschied zur Röntgenbildgebung können wir die Durchblutung, Ödeme und auch Entzündungen im Knochen darstellen. Das ist ein wichtiger Informationsmehrwert des MRT allgemein.
Das speziell entwickelte dentale Subsystem zum MRT-Gerät transformiert die Fähigkeiten der Technologie in die Darstellung der zahnmedizinisch interessanten Gewebe. Hier wird noch intensiv geforscht und entwickelt. Eine Arbeitsgruppe im dänischen Aarhus arbeitet gerade an der Optimierung des Zusammenspiels von Sequenzen, Sensorik und Software – das wird die Möglichkeiten für uns sukzessive erweitern. Wir haben aktuell gerade neue Sequenzen für dentale Darstellungen erhalten. Damit kann man beispielsweise frühe Stadien von Knochenentzündungen im Kieferbereich identifizieren.
Gibt es Abstriche, die bei der MRT gegenüber dem Röntgen gemacht werden müssen?
Das MRT ist im Handling immer noch zeitaufwendiger und damit viel teurer. Und technisch gesehen gibt es noch Abstriche bei der Ortsauflösung. Während wir bei Zahnaufnahmen bei einer Auflösung von bis zu 0,05 Millimetern sind und beim Panoramabild und beim DVT bei rund 0,2 bis 0,3 Millimetern stehen, liegt die Auflösung beim Dental-MRT konservativ betrachtet bei etwa 0,5 Millimetern. Dünne Wurzelkanäle lassen sich also nicht sinnvoll darstellen. Hier erwarten wir allerdings im Zuge der Produktentwicklung weitere Verbesserungen.
Ein großes Problem des MRT im Allgemeinen sind Metallartefakte. Der Effekt ist aber von der Feldstärke abhängig, so dass Niederfeld-MRTs wie das Dental-MRT kleinere Artefaktvolumina zeigen als Geräte mit 1,5 oder 3 Tesla Feldstärke. Dennoch stören beispielsweise Retainer die MRT-Bilddarstellung deutlich – im Unterschied zu Zahnfilmen.
Wofür setzen Sie in der MKG-Chirurgie die MRT ein?
Wir machen klassischerweise schon seit vielen Jahren die ganze Weichgewebsdiagnostik, also beispielsweise Speicheldrüsen, muskuläre Darstellungen oder Kiefergelenksdarstellungen, im MRT.
Bei uns geht es also weniger um einen Technologiewechsel in der Bildgebung, sondern um einen anderen Vorteil: Das Dental-MRT gibt uns die Möglichkeit, die Patientensituation synoptisch zu beurteilen – von der Anamnese über den Befund bis zur Therapie. Es ist der klassische Vorteil des Zahnarztes als Teilradiologe, die Bildgebung im Kontext seiner klinischen Diagnostik und Therapie interpretieren zu können. Der Radiologe kennt nur die Bilder und muss in seinem Urteil immer vorsichtig bleiben. Der zahnärztliche Teilradiologe kennt dagegen den ganzen Patienten.
Wo genau entsteht in der Arbeitsteilung zwischen Arzt und Radiologe so ein feingliedriger Informationsverlust?
Nehmen Sie nur die Frage, ob ein Zahn ursächlich für Veränderungen im Weichgewebe ist. Da gibt es die sonnenklaren Fälle, wenn ein Radiologe sagt: „Da ist nichts“, oder wenn er sagt: „Da ist eine ausgedehnte Entzündung“. Diese Fälle sind unproblematisch, aber es gibt eben auch die anderen Fälle, in denen der Radiologe rein aus den Bildern heraus nur sagen kann: „Vielleicht ursächlich“, der Zahnarzt sich aber aus der Kenntnis der Gesamtsituation festlegen kann.
Der Radiologe hat die Klinik nicht.
Genau. In großen Häusern wie bei uns in der Universitätsmedizin kann ich in Einzelfällen noch mit dem Radiologen sprechen – aus einer Zahnarztpraxis heraus geht das aber nicht so einfach.
Die Zahnärzte in den Praxen werden aber auf absehbare Zeit gar nicht die Möglichkeit haben, sich ein MRT-Gerät in die Praxis zu stellen.
Das müssen sie auch gar nicht. Um die Vorteile der synoptischen Beurteilung zu bekommen, brauchen Sie kein eigenes Dental-MRT, denn die Erstellung der Bilder funktioniert dank der verwendeten Sequenzen vollautomatisch standardisiert – das kann also an Dienstleister ausgelagert werden. Wichtig ist, dass Zahnärzte die Bilder selbst befunden können, so wie sie es heute mit der Röntgenbildgebung auch tun.
Praxisinhaber sollten also zunächst einmal weniger auf die Hardware schielen, sondern die MRT-Fortbildung in den Blick nehmen?
Ja, richtig. Je mehr Geräte perspektivisch in Betrieb genommen werden, desto mehr MRT-Bilder werden von den Patienten gemacht und in Umlauf kommen, wenn der Patient einmal den Behandler wechselt. Das wird nach und nach den Druck aufbauen, sich mit der Befundung zu beschäftigen. Ich bin der festen Überzeugung, dass der zahnärztliche Teilradiologe in fünf bis zehn Jahren eine MRT-Kompetenz erworben haben sollte.
Werden die Hersteller diese Entwicklung mitgehen?
Siemens ist zwar Weltmarktführer bei den MRT-Installationen, aber sie sind nicht allein auf dem Markt. In einem von teuren Großgeräten dominierten Markt gibt es ganz natürlich einen Druck in Richtung Kostensenkung, Verkleinerung und Spezialisierung – das spricht dann strategisch neue Kundengruppen an und ist eine Chance für alle Akteure. Es gibt ja schon Kleingeräte für die Extremitäten, etwa fürs Knie oder fürs Handgelenk. Die passen locker in einen Praxisraum …
Der italienische Hersteller Esaote bietet solche Geräte für Orthopäden an. Platzbedarf: neun Quadratmeter, Strombedarf: ein Kilowatt Leistung aus der normalen Steckdose – das ist weniger als ein handelsüblicher Elektroheizer. Und Spulen für Handgelenk, Knie und Knöchel. Ist das eine Blaupause für die Zahnmedizin?
Ja natürlich – der Trend ist da und diese Entwicklung wird sich auch nicht aufhalten lassen. Das MRT wird das Röntgen zwar nicht ersetzen, aber in der Zukunft eine sehr starke Rolle in der Bildgebung spielen.
Gibt es denn bereits eine Vorstellung davon, was in der Zukunft mit dem MRT in der Zahnmedizin alles möglich sein wird?
Mit dem MRT haben Sie durch theoretisch beliebig viele Kombinationen aus elektromagnetischer Anregung und Signalverarbeitung in Sensoren und Software eine unglaubliche Vielfalt an Möglichkeiten, unterschiedliche Gewebeeigenschaften durch Kontraste herauszuarbeiten. Da steckt ein enormes Potenzial in der Technologie, das im Detail noch gar nicht in Gänze absehbar ist.
Haben Sie ein Beispiel?
Das MRT ist ja bekanntlich stark in der Weichgewebsdiagnostik. Was dabei oft noch unter dem Radar bleibt ist, dass wir perspektivisch auch eine Hartgewebsdiagnostik machen können. Im Röntgen erscheinen Dentin und Schmelz unifarben hell. Aber die Gewebe unterscheiden sich chemisch und physikalisch, und so werden wir in Zukunft differenzierend ins Gewebe hineinschauen können. Welche klinische Relevanz das entwickeln wird, bleibt abzuwarten, auf jeden Fall könnte es für die Forschung interessant sein.
Ein anderes Beispiel wären Frontzahntraumata. Da gibt es Fälle, in denen ein Zahn desensibel, aber nicht devital ist. Desensible Zähne werden normalerweise Wurzelkanal-behandelt, aber möglicherweise ist das gar nicht nötig, weil der Zahn doch noch vital ist. Im Röntgen sehen Sie nichts, aber im MRT können Sie sehen, ob in der Pulpa Blut fließt oder nicht. Sie bekommen also Informationen, die vorher nicht zugänglich waren. Wenn das die Leute erst einmal verstanden haben, dann kann es beispielsweise in der Traumaversorgung und in der Endodontie noch sehr spannend werden.
Generell zeigt das MRT Informationen zum Stoffwechsel im Hartgewebe – nicht nur im Zahn, auch im Knochen, was in der Chirurgie beispielsweise beim Beurteilen von Schmerzen hilfreich ist.
Kann das MRT auch Relevanz für die Parodontologie entwickeln?
Für die Parodontologie ist das MRT – zumindest aktuell noch – kein Topthema, weil die Klinik sowohl in der Diagnostik als auch bei der Therapie sehr mit der Bildgebung korreliert und ich aktuell keinen echten Zusatznutzen erkennen kann. Natürlich sehen wir die Entzündung und das Knochenmarködem im MRT und nach der parodontologischen Behandlung sehen wir, wie beides zurückgeht. Aber das korreliert mit den klinischen Parametern – wenn es auf Sondierung nicht mehr blutet, war der Parodontologe erfolgreich. Da braucht es kein Bestätigungssiegel durch das MRT.
Gesetzt den Fall, das MRT wäre eines Tages allzeit günstig verfügbar. Wäre es sinnvoll, es als Screeninginstrument, als eine Art Eingangsuntersuchung zur jährlichen Kontrolle einzusetzen?
Prinzipiell könnte man das durchaus ins Auge fassen, wenngleich sich eine klinische Untersuchung dadurch natürlich nicht ersetzen lässt. Aber das MRT gilt als nebenwirkungsfrei und so ist es natürlich spannend, über ein Screeningszenario nachzudenken. Mit dem Röntgen ist das ja nicht möglich. In puncto Parodontitis könnte man Entzündungen frühzeitig erkennen. Karies unter Kunststofffüllungen könnte man wahrscheinlich identifizieren, aber wenn irgendwo Metall in der Nähe ist, haben wir Artefakte. Nützlich wäre das Screening zweifellos, um etwaige, noch nicht bekannte Befunde im Kieferknochen, in den Weichteilen und im Nebenhöhlenbereich zu erkennen.
Die Möglichkeit, strahlenfrei in den Körper zu schauen, dürfte doch auch für die zahnmedizinische Forschung interessant werden?
Ja, das ist ja das Tolle an der MRT: Niemand genehmigt heute Studien mit Röntgenverlaufsaufnahmen – wegen der Dosis. Beim MRT gibt es diese Limits nicht. Das heißt, wir können jetzt Verlaufsstudien mit der Bildgebung machen, die bisher gar nicht möglich waren. Und das bietet uns die Möglichkeit, bestimmte Befunde oder bestimmte Erkrankungen im Kieferbereich viel enger nachzuverfolgen.
Wie kommt das MRT nun in die Zahnmedizin? Stichwort Geschäftsmodell MRT-Diagnostik: Ist es denkbar, dass das Dental-MRT in zwei, drei Jahren auch in Diagnostikzentren betrieben wird und Praxen Patienten dorthin schicken können.
Genau das ist das Szenario, das früher oder später kommen wird. Solche Zentren können den Bedarf vieler Praxen in einem Ballungsraum gut bündeln und im Routinebetrieb kostendeckend arbeiten. Das funktioniert ja mit anderen Großgeräten auch schon heute.
Die Frage ist dann nur noch, ob die Aufnahme im Zentrum befundet werden soll oder ob der Zahnarzt das selbst tun will. Letzteres wäre optimal, weil die Vorteile des Teilradiologen – die synoptische Beurteilung von Klinik und Bildgebung in einer Hand – zum Tragen kommen könnten. Wichtig ist natürlich, dass Zahnärzte sich vorher entsprechend die Kompetenz dazu aneignen.
Damit sind wir beim Thema Fortbildung. Sie haben in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft Bildgebung in der Zahnmedizin (AGBiZ) und der Bundeszahnärztekammer ein Fortbildungscurriculum entwickelt und mit zahnärztlichen Röntgenexperten getestet.
Wir haben den Kurs auf insgesamt 40 Stunden konzipiert, fünf Tage à acht Stunden. Zwei Tage finden online statt, drei in Präsenz. Da sind die Gerätetechnik, die Software, die Kontraindikationen und viele, viele Bildbeispiele dabei. Analog zu den Fortbildungen zum DVT, die ja als Mischung aus Technik und konkreter Anwendung konzipiert sind. Der Kurs wurde im Kreis der AGBiZ der DGZMK (www.agbiz.org) in 2025 als Pilotkurs erprobt und wird in diesem Jahr noch unter dem Titel „Curriculum Fachkunde dentale MRT-Bildgebung“ gemeinsam mit der APW der DGZMK angeboten.
Das Gespräch führte Benn Roolf.





