Darf man Donald Trump für geisteskrank erklären?
Am 30. April 2026 haben in den USA 36 renommierte Medizinerinnen und Mediziner – darunter Neurologen, forensische Psychiater, allgemeine Psychiater und Psychologen – eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sie „medizinische Bedenken hinsichtlich Präsident Donald J. Trump und seiner Amtsfähigkeit“ äußern. Dabei weisen sie ausdrücklich darauf hin, dass es sich nicht um ein politisches, sondern um ein medizinisches Statement handelt, dessen Verfasser Republikaner als auch als Demokraten sind.
Schon vor der Präsidentschaftswahl im Herbst 2024 hatten sie in einer Stellungnahme Trumps geistige Eignung für das Präsidentenamt bewertet und bei ihm „ernsthafte Anzeichen eines kognitiven Verfalls“ festgestellt, die nach ihrer fachlichen Expertise eine Amtsenthebung rechtfertigten. Jetzt schreiben sie: „Es ist unsere fachliche Einschätzung, basierend auf früheren und laufenden Untersuchungen, dass sich Donald Trumps geistiger Zustand seitdem noch weiter verschlechtert hat.“
Trump stelle eine zunehmende Gefahr für die Öffentlichkeit dar
Im Einklang mit ihrer Berufsethik sähen sie sich gezwungen, vor einem Präsidenten der Vereinigten Staaten zu warnen, der eine zunehmende Gefahr für die Öffentlichkeit darstellt. Trumps Verhalten sei tragischerweise weder ein vorübergehender Ausrutscher noch politisches Theater, sondern zeige einen sich rasch verschlimmernden, realitätsfernen und zunehmend gefährlichen Verfall, bilanzieren die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner.
Ihr Fazit: „Unsere fachliche Einschätzung ist, dass Donald J. Trump geistig nicht in der Lage ist, das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten auszuüben, und dass Schritte zu seiner Amtsenthebung mit größter Dringlichkeit unternommen werden müssen, wobei die entscheidende Verantwortung auf den Schultern derjenigen ruht, die in Führungspositionen sind.“
Dabei räumen die Mediziner allerdings ein, dass Trump von ihnen nicht persönlich untersucht wurde und ihr Befund rein auf der Basis seines Verhaltens und seiner Äußerungen erfolgte.
Doch darf man eine Person des öffentlichen Lebens – noch dazu den Präsidenten der Vereinigten Staaten – per Ferndiagnose für psychisch krank erklären? Genau diese Frage hat in medizinischen US-Fachkreisen einen Streit entfacht.
Diese Krankheiten attestieren die Fachleute Donald Trump
Deutliche Verschlechterung der kognitiven Funktionen, erkennbar an wirren Exkursen, Verwechslungen von Fakten, unerklärlichen plötzlichen Kurswechseln in strategischen Fragen sowie Phasen offensichtlicher Schläfrigkeit während wichtiger öffentlicher Anlässe.
Größenwahn und wahnhafte Überzeugungen, darunter Behauptungen der Unfehlbarkeit, Selbstdarstellungen als Papst, die auf eine göttliche Mission hindeuten, als mythischer Kriegsheld, als Kampfpilot, der Fäkalien auf Zivilisten abwirft, sowie Behauptungen, seine Entscheidungsgewalt sei unbegrenzt – ohne Rücksicht auf nationale und internationale Gesetze und nur durch seine „eigene Moral“ eingeschränkt.
Stark beeinträchtigtes Urteilsvermögen und mangelnde Impulskontrolle, was sich in rücksichtslosen Gewaltdrohungen, der Befürwortung tödlicher Gewalt gegen Zivilisten, der Anstiftung zu außergerichtlichen Maßnahmen durch bewaffnete Anhänger sowie wiederholten Drohungen und oft auch Taten – durch Justiz, Staatsanwaltschaft, Polizei, Militär und unter Berufung auf Notstandsbefugnisse – gegen politische Gegner und andere, die mit ihm nicht einer Meinung sind, äußert.
Erheblicher Verlust der Selbstbeherrschung (Enthemmung) und Verharren in denselben Gedanken oder Handlungen, Unfähigkeit, loszulassen oder weiterzumachen (Perseveration), einschließlich zwanghafter, manischer nächtlicher Mitteilungen – 150 Social-Media-Beiträge in einer Nacht –, Fixierung auf vermeintliche Feinde, Verfolgungswahn und anhaltende, unverhältnismäßige Angriffe auf bestimmte Personen und Institutionen.
Eskalierende Gewalt, die die nationale und globale Stabilität bedroht. Als Oberbefehlshaber unserer Streitkräfte – mehr als 5.000 Atomsprengköpfe in Silos für Interkontinentalraketen, auf U-Booten und in Bombern rund um die Welt sind bereit, allein auf seinen Befehl hin abgefeuert zu werden, und niemand hat derzeit die Befugnis, seinen Befehl zu widerrufen.
„Berufsstandards verbieten es Ärzten, sich zum Gesundheitszustand von Personen des öffentlichen Lebens zu äußern. Doch die jüngsten Ereignisse weltweit werfen die Frage auf: Sollte dieses Verbot absolut sein?“, erörtern David Nicholl, klinischer Leiter für Neurologie am Sandwell Health Campus in West Bromwich, und Trish Greenhalgh, Professorin für Primärversorgungswissenschaften an der Universität Oxford, in einem aktuellen Essay im British Medical Journal (BMJ).
Sie erinnern an das Jahr 2017: Schon während Trumps erster Amtszeit hatte ihm eine Gruppe von Psychiatern und Psychologen unter der Leitung des klinischen Psychologen John Gartner attestiert, „paranoid und wahnhaft“ zu sein und an „malignem Narzissmus“ zu leiden. Die Experten hatten damals gefordert, den 25. Zusatzartikel zur US-Verfassung anzuwenden, um Trump seines Amtes zu entheben.
Kann man frontotemporale Demenz per Video diagnostizieren?
Kürzlich legte Gartner nach: Er sei zu dem Schluss gekommen, dass Trump Anzeichen einer Demenz zeigt, wahrscheinlich frontotemporaler Demenz (bvFTD). Alle diagnostischen Kriterien bis auf ein formales neuropsychologisches Profil illustrierte er mit Zitaten und Videoclips.
Greenhalgh hatte Gartners Ausführungen bereits damals mit Blick auf die ärztliche Berufsethik kritisiert, nicht zuletzt, weil die Argumentation bezüglich der geistigen Unzurechnungsfähigkeit von Psychiatern zur Ausschaltung politischer Gegner eine lange und beschämende Geschichte habe.
Was Gartners neue Diagnose betrifft, bleibe die Übereinstimmung eines qualitativen Kriteriensatzes mit öffentlich verfügbarem Material weit hinter einer rigorosen klinischen Bewertung zurück. „Die Diagnose einer neurodegenerativen Erkrankung, insbesondere bvFTD, ist schwierig, selbst in fachkundigen Händen“, urteilen Nicholl und Greenhalgh.
Kriterien wie „Verlust der Manieren“ oder „verminderte persönliche Wärme“ seien sehr subjektiv und kulturell variabel. bvFTD sei dafür bekannt, mit primären psychiatrischen Störungen verwechselt zu werden. Das typische Erkrankungsalter liege zwischen 45 und 65 Jahren, bvFTD könne aber auch noch im achten Jahrzehnt auftreten.
Anzeichen frontotemporaler Demenz
Eine Diagnose der Verhaltensvariante der frontotemporalen Demenz (bvFTD) kann in Betracht gezogen werden, wenn mindestens drei der folgenden Merkmale vorhanden sind:
Verhaltensdesinhibition zu Beginn der Krankheit
sozial unangemessenes Verhalten
Verlust von Manieren oder Anstand
impulsive, unüberlegte oder unachtsame Handlungen
frühe Apathie oder Trägheit
früher Verlust von Mitgefühl oder Empathie
verringerte Reaktion auf die Bedürfnisse und Gefühle anderer Menschen
vermindertes soziales Interesse, Verbundenheit oder persönliche Wärme
frühes perseveratives, stereotypisiertes oder zwanghaftes/ritualistisches Verhalten
Hyperoralität und Ernährungsumstellungen
ein formales neuropsychologisches Profil
Ethische Grundsätze verbieten eine Ferndiagnose
„Wir warnen nachdrücklich davor, eine definierte kognitive Erkrankung anhand von Medienausschnitten zu diagnostizieren, und geben keine klinischen Kommentare zu Aussagen von Ärzten, die dies versucht haben. Die Berufsstandards erlauben es uns nicht, eine Diagnose für eine Person des öffentlichen Lebens zu stellen, die wir nicht persönlich untersucht haben.“ Ihrer Ansicht nach wäre eine Diagnose eines wahrscheinlichen bvFTD ohne vollständige klinische Untersuchung und geeignete Bildgebung unmöglich.
Aber: Sie stellen auch klar, dass Trumps Erklärung im Dezember 2025, er habe „seine dritte kognitive Untersuchung mit Bravour bestanden“, obsolet sei, weil die Tests, die er angeblich hat durchführen lassen, die Anforderungen eines „vollständigen neuropsychologischen Profils“ gar nicht erfüllten.
Untersuchen lassen sollte sich der Präsident trotzdem
Weit verbreitete Persönlichkeitsmerkmale Trumps, wie etwa seine „offensichtliche Unfähigkeit, Fantasie und Realität zu unterscheiden“, deuteten zudem darauf hin, dass eine unparteiische medizinische Begutachtung dringend erforderlich sei. Ihre Schlussfolgerung: “Wir stimmen voll und ganz zu, sowohl hinsichtlich der Zurückhaltung dieser Ärzte, selbst eine klinische Stellungnahme abzugeben, als auch in Bezug auf ihren professionellen Rat, dass eine dringende klinische Untersuchung – gerade jetzt – notwendig ist."
Nicholl D, Greenhalgh T. Should doctors speak of their concerns about the mental health of a president? BMJ. 2026 Apr 22;393:s741. doi: 10.1136/bmj.s741. PMID: 42019985.





