„Es ist ein Vorteil, dass die Bundeswehr über einen Fachbereich Zahnmedizin verfügt“
Herr Dr. Rentschler, welche Aufgaben haben Zahnärztinnen und Zahnärzte bei der Bundeswehr?
Dr. Jürgen Rentschler: Der Kernauftrag des Fachbereichs Zahnmedizin ist die zahnärztliche Versorgung der Soldatinnen und Soldaten. Sanitätsoffiziere der Approbationsrichtung Zahnmedizin (SanOffz Zahnarzt) sorgen dafür, dass die Soldaten „dental fit“ und damit einsatzbereit sind. Alle Soldatinnen und Soldaten sind verpflichtet, sich einmal jährlich zahnärztlich im Hinblick auf ihre Mundgesundheit und Verwendungsfähigkeit begutachten zu lassen.
Ziel ist es, ungeplante Ausfälle zu vermeiden – daher spielt Prävention in der Militärzahnmedizin eine noch größere Rolle als in der zivilen Zahnmedizin. So haben Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr über das 18. Lebensjahr hinaus, bis zum Ende ihrer Dienstzeit, Anspruch auf individualprophylaktische Leistungen.
Die zahnärztliche Behandlungstätigkeit der SanOffz Zahnärzte unterscheidet sich nicht von der in niedergelassenen Praxen. Darüber hinaus müssen sie aber auch soldatische Fähigkeiten wie zum Beispiel Schießen oder ABC- und Selbstschutzmaßnahmen beherrschen und diese trainieren. Außerdem sind sie verpflichtet, regelmäßig Sport zu treiben, um körperlich fit zu bleiben.
Wie wird man Zahnärztin oder Zahnarzt bei der Bundeswehr?
In der Laufbahn der Sanitätsoffiziere (SanOffz) bietet die Bundeswehr für die Studienfachrichtungen Medizin, Zahnmedizin, Veterinärmedizin sowie Pharmazie/Lebensmittelchemie die Möglichkeit, nach dem Abitur als Sanitätsoffizieranwärter oder -anwärterin (SanOA) eingestellt zu werden.
Im Bereich Zahnmedizin kann die Bundeswehr pro Jahr über 20 Studienplätze an Bewerberinnen und Bewerber vergeben, die sich hierzu für mindestens 17 Jahre verpflichten müssen. Nach einer Vorauswahl nehmen Bewerberinnen und Bewerber an einem mehrtägigen Assessment teil. Wer ausgewählt wird, absolviert eine dreimonatige militärische Grundausbildung und studiert anschließend regulär an einer zivilen deutschen Universität.
Wie groß ist das Interesse und welche Voraussetzungen sollten die Bewerber mitbringen?
Das Interesse ist groß, die Studienplätze sind sehr begehrt. Bei der Vorauswahl spielen auch die Abiturnote beziehungsweise die schulischen Leistungen zum Bewerbungszeitpunkt eine Rolle. Im weiteren Auswahlverfahren wird neben der Studieneignung die Motivation erfragt, Soldatin oder Soldat zu werden, und die Eignung für den Offizierberuf ermittelt. Die Bewerberinnen und Bewerber müssen selbstverständlich auch zum Grundgesetz und zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen und über eine ausreichende körperliche Fitness verfügen. Ein weiteres entscheidendes Kriterium ist die gesundheitliche Eignung zum Wehrdienst.
Wie geht es dann weiter?
Schon während des Studiums erhalten die SanOA ein Gehalt, das ihrem Dienstgrad entspricht. Sie starten als Sanitätssoldat und werden in Abhängigkeit vom Fortschritt im Studium (bestandenes Physikum) und Absolvierung des Offizierlehrgangs Teil 1 nach drei Jahren zum Leutnant befördert. Das Studium der Zahnmedizin dauert rund elf Semester; wir erwarten einen regelhaften Studienfortschritt. In den Semesterferien gilt es unter anderem, mindestens einmal im Kalenderjahr die zuvor genannten individuellen militärischen Grundfertigkeiten zu trainieren und nachzuweisen.
Nach erfolgreichem Studienabschluss erhalten angehende Zahnärzte ihre Approbation und werden damit automatisch zum Stabsarzt befördert. Danach folgt eine 18-monatige Professionalisierungsphase, die der Assistenzzeit in niedergelassenen Praxen entspricht. Anschließend arbeiten die SanOffz Zahnärzte in einer von 150 Behandlungseinrichtungen der Bundeswehr, die bundesweit in den meisten Kasernen sowie an den fünf Bundeswehrkrankenhäusern stationiert sind.
Wie lange sind Zahnärzte im Schnitt bei der Bundeswehr tätig?
Nach dem Studium sind die SanOffz Zahnärzte mindestens bis zum Ende ihrer Verpflichtungszeit und somit etwa 11,5 Jahre bei der Bundeswehr tätig. Etwa zwei Drittel verlassen die Bundeswehr nach Ablauf ihrer Verpflichtungszeit von 17 Jahren. In Abhängigkeit von freien Dienstposten ist es möglich, die Verpflichtungszeit zu verlängern. Außerdem übernimmt die Bundeswehr jährlich bis zu sieben SanOffz Zahnärzte als Berufssoldaten, die dann in der Regel bis zur Vollendung des 62. Lebensjahres dienen.
Warum benötigt die Bundeswehr eigene Zahnärztinnen und Zahnärzte?
Die Soldaten haben Anspruch auf eine unentgeltliche truppenärztliche Versorgung (UTV) und sind daher verpflichtet, zu Truppenärzten und -zahnärzten zu gehen. Deutschland hat sich entschieden, die Streitkräfte vollumfänglich von einem eigenen Sanitätsdienst versorgen zu lassen. Dafür benötigt die Bundeswehr auch Zahnärzte, die fachlich und militärisch ausgebildet sind und für den Auftrag der Bundeswehr uneingeschränkt zur Verfügung stehen.
Der Fachbereich Zahnmedizin stellt die truppenzahnärztliche Versorgung der Streitkräfte im Inland sowie im Auslandseinsatz und im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung sicher. Bei der Behandlung von Soldatinnen und Soldaten sind dabei auch individuelle Bedürfnisse zu berücksichtigen. So gibt es zum Beispiel besondere Anforderungen an die militärzahnärztliche Begutachtung zum Beispiel von fliegerischem Personal bei der Luftwaffe oder seegehenden beziehungsweise spezialisierten Einheiten der Marine.
Um die Versorgung im Einsatz oder Verteidigungsfall sicherstellen zu können, müssen SanOffz Zahnärzte nicht nur fachliche, sondern auch soldatische Fähigkeiten beherrschen. Nur so können sie ihren Auftrag unter den unterschiedlichsten Bedingungen erfüllen und den erforderlichen Beitrag für die Streitkräfte leisten.
Aufgrund der weltpolitischen Veränderungen der letzten Jahre spielen Auslandseinsätze im Zusammenhang mit internationalem Krisenmanagement (IKM), wie in Afghanistan und Mali, nicht mehr die vorrangige Rolle. Seit Beginn des Ukrainekriegs liegt der Fokus jetzt primär auf der Fähigkeit zur Landes- und Bündnisverteidigung. Es ist entscheidend, dass die Bundeswehr über genügend eigene Zahnärzte verfügt, um die Streitkräfte vollumfänglich zahnmedizinisch versorgen zu können. Denn gerade im Bündnisfall wäre ein Rückgriff auf Kapazitäten des deutschen Gesundheitssystems nicht mehr möglich.
Haben auch andere NATO-Länder einen eigenen Fachbereich Zahnärzte?
Unter allen NATO-Partnern verfügen nur die Vereinigten Staaten und die Bundeswehr über ausreichende autarke zahnärztliche Kapazitäten, um die eigenen Streitkräfte vollumfänglich zahnmedizinisch zu versorgen. Dies spielt im Rahmen der Bündnisverteidigung eine entscheidende Rolle, da ein Rückgriff auf Kapazitäten des deutschen Gesundheitssystems hier nicht möglich ist und darüber hinaus gegebenenfalls alliierte Kameradinnen und Kameraden mitversorgt werden müssen.
Der Fachbereich Zahnmedizin der Bundeswehr ist seit vielen Jahrzehnten auch im Ausland im Einsatz. Insgesamt werden derzeit jedes Jahr bis zu 30 SanOffz Zahnärzte bei Missionen, Einsätzen und Übungen im Ausland eingesetzt. So unterstützt der Fachbereich unter anderem die Marine bei der Erfüllung ihres Auftrags auch fernab heimischer Gewässer. Im Einsatz und bei internationalen Übungen sind Zahnärzte für eine begrenzte Zeit an Bord größerer Schiffe dabei.
Hinzu kommen dauerhaft im Ausland stationierte Kräfte, beispielsweise im NATO-Hauptquartier nahe der belgischen Stadt Mons, im französischen Illkirch (Deutsch-Französische Brigade) und in Litauen (Brigade Litauen). Bis 2027 sollen rund 5.000 Soldaten und zivile Mitarbeiter sowie deren Familien in Litauen stationiert werden. Für die jetzt schon in Litauen stationierten deutschen Soldaten wurde bereits eine „einstühlige“ Zahnarztgruppe in Betrieb genommen. Im Zielbetrieb wird es an zwei Standorten jeweils „mehrstühlige“ Einrichtungen mit truppenzahnärztlichen und oralchirurgischen Ambulanzen geben.
Welche Szenarien werden trainiert?
Seit Beginn des Krieges in der Ukraine steht die Bündnisverteidigung im Vordergrund. Um dafür richtig ausgerüstet zu sein, benötigt der Fachbereich Zahnmedizin weitere mobile und schnell verlegbare zahnärztliche Behandlungsgeräte und -einheiten.
Die Bundeswehr hat in den vergangenen Jahren viel Erfahrung in der Bekämpfung asymmetrischer Bedrohungen gesammelt. Die zahnärztliche Versorgung der Truppe erfolgte dabei in der Regel in festen oder containergestützten Behandlungseinheiten in Feldlagern. Diese Erfahrungen sind jedoch nur bedingt auf die Bündnisverteidigung auf europäischem Boden übertragbar.
Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden vorhandene Strukturen, Fähigkeiten und Ausrüstung mit Blick auf die damals veränderte sicherheitspolitische Lage in Teilen, nicht zuletzt im Umfang, deutlich reduziert oder teilweise gänzlich abgeschafft. Nun gilt es, die entstandene Fähigkeitslücke auf dem Stand der aktuellen fachlichen Vorgaben und angepasst an die neuerlichen Bedingungen einer hochtechnisierten, symmetrischen Bedrohungslage zu schließen.
Arbeiten Zahnärzte bei der Bundeswehr mit zivilen Zahnärzten zusammen?
Ja. Bei Fortbildungsveranstaltungen treffen sich regelmäßig auch militärische und zivile Vertreter der Zahnmedizin zum fachlichen Austausch. Viele niedergelassene Kollegen sind zudem Sanitätsoffiziere der Reserve und verstärken die Bundeswehr bei „Wehrübungen“ vor Ort.
Auch bei der Behandlung von Soldatinnen und Soldaten unterstützt die zivile Kollegenschaft. So sind zahnärztliche Behandlungseinrichtungen der Bundeswehr zum Beispiel auf die enge Zusammenarbeit unter anderem mit zivilen Kieferorthopäden angewiesen, da die Bundeswehr derzeit über keine eigenen Fähigkeiten auf diesem Gebiet verfügt. Außerdem werden Soldaten bei vorübergehend eingeschränkten Kapazitäten im eigenen Bereich an zivile Kollegen überwiesen.
Wie können niedergelassene Zahnärzte die Bundeswehr im Fall einer Krise unterstützen?
Im Bündnisfall wäre das Bundesgebiet mit hoher Wahrscheinlichkeit Aufmarschgebiet alliierter Truppen und würde als „Drehscheibe“ fungieren. Auf die Bundesrepublik kämen dann möglicherweise zusätzliche Aufgaben zu. Alliierte Streitkräfte müssten sich dabei gegebenenfalls vorübergehend auf das zivile Gesundheitssystem in Deutschland abstützen. Dies wird jedoch von der Kapazität her kein wirkliches Problem darstellen. Erwartet werden im Bündnisfall aber auch große, weitgehend ungerichtete Flüchtlingsströme. Bei ihrer Versorgung würden die niedergelassenen Zahnärztinnen und Zahnärzte vermutlich erheblich gefordert werden.
Der Verteidigungsfall würde alle Bereiche sogenannter „Kritischer Infrastruktur“ in Deutschland und damit auch das Gesundheitssystem betreffen. Eine solche Situation wird hoffentlich nie eintreten. Dennoch ist es zur Vorbereitung in jedem Falle sinnvoll, die Resilienz von medizinischen Einrichtungen zu stärken – auch die von Zahnarztpraxen.
Die Bundeszahnärztekammer beabsichtigt zeitnah zusammen mit der Bundeswehr einen Leitfaden zur Krisenresilienz zu erarbeiten. Dieser soll Zahnärzten Empfehlungen geben, wie sich Praxen auf mögliche Krisen vorbereiten können. Den gesetzlichen Rahmen hierzu muss das Gesundheitssicherstellungsgesetz schaffen, das derzeit erarbeitet wird. Das Bundesgesundheitsministerium will dazu im Sommer einen Entwurf vorlegen.
So viele Menschen arbeiten im Fachbereich Zahnmedizin der Bundeswehr
Die Bundeswehr beschäftigt derzeit insgesamt etwa 400 Sanitätsoffiziere der Approbationsrichtung Zahnmedizin (SanOffz Zahnärzte). 320 von ihnen stellen in 150 Behandlungseinrichtungen die truppenzahnärztliche Versorgung der Soldatinnen und Soldaten sicher. Etwa 80 nehmen sanitätsdienstliche und fachliche Stabsaufgaben im Bundesverteidigungsministerium und in Kommandobehörden der Bundeswehr wahr.
Im Bereich der ZFA und Fachassistenten gibt es (zivil und militärisch) 700 Dienstposten beziehungsweise Stellen, wobei Zivilangestellte häufig halbtags tätig sind und sich die Stellen entsprechend teilen. Dazu kommen knapp 150 Mannschaftssoldaten, über 200 Studierende der Zahnmedizin sowie etwa 200 Auszubildende zur beziehungsweise zum Zahnmedizinischen Fachangestellten.
SanOffz Zahnärzte sind vergleichsweise jung: Etwa zwei Drittel verlassen die Bundeswehr nach Ablauf ihrer Verpflichtungszeit von 17 Jahren im Alter von 35 bis 40 Jahren. Mehr als die Hälfte (etwa 57 Prozent) aller SanOffz Zahnärzte ist weiblich. Einige arbeiten dabei vorübergehend in Teilzeit, um Dienst und Familie vereinbaren zu können.
Insgesamt beschäftigt der Fachbereich Zahnmedizin der Bundeswehr somit etwa 1.700 Menschen. Der Fachbereich ist Teil des neuen Unterstützungsbereiches der Bundeswehr mit insgesamt rund 55.000 Beschäftigten.
Fast alle Soldaten sind aus zahnärztlicher Sicht einsatzfähig
Die Mundgesundheit in der Bundeswehr hat sich in den vergangenen Jahrzehnten analog zur gesamtdeutschen Mundgesundheit stark verbessert. Dies ist auf die insgesamt gute zahnärztliche Versorgung in Deutschland zurückzuführen.
Bei der verpflichtenden jährlichen Begutachtung wird jedem Soldaten und jeder Soldatin eine Dental-Fitness-Class (DFC) zugeordnet. Die DFC-Klassifikation reicht von DFC 1 (einsatzbereit, kein Behandlungsbedarf und niedrige Wahrscheinlichkeit eines zahnärztlichen Notfalls innerhalb der nächsten zwölf Monate) bis DFC 4 (nicht einsatzbereit, unbekannter Gesundheitszustand).
Das Ergebnis der aktuellen Erhebung: Insgesamt sind laut der Klassifikation über 92 Prozent des militärischen Personals aus zahnärztlicher Sicht einsatzfähig (DFC 1 und 2). Bei knapp der Hälfte (47 Prozent) aller Soldatinnen und Soldaten besteht demnach dennoch Behandlungsbedarf. Der Anteil der Soldaten in DFC 3 (nicht einsatzbereit, dringender Behandlungsbedarf und hohe Wahrscheinlichkeit eines zahnärztlichen Notfalls innerhalb der nächsten zwölf Monate) lag im vergangenen Berichtsjahr bei nur knapp acht Prozent und ist weiter rückläufig.
Das Gespräch führte Anne Orth.




