Gute Grundversorgung und teils hohe Zuzahlungen
Ausgaben für das Gesundheitssystem
Nach Angaben der OECD gab Tschechien im vergangenen Jahr pro Kopf kaufkraftbereinigt 5.014 US-Dollar (rund 4.485 Euro) für Gesundheit aus – und damit etwas weniger als der Durchschnitt der OECD-Länder (5.967 US-Dollar beziehungsweise rund 5.337 Euro). Die Gesamtausgaben entsprachen 8,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), verglichen mit durchschnittlich 9,3 Prozent in den OECD-Ländern.
„Einer der größten Vorteile ist der deutlich geringere Verwaltungsaufwand“
Wie ist die Situation der Zahnmedizin in Tschechien? Was ist positiv?
PD Dr. Roman Šmucler: Ich würde die tschechische Zahnmedizin als dynamisch und zunehmend wettbewerbsfähig beschreiben. Meiner Ansicht nach ist einer ihrer größten Vorteile im Vergleich zu Deutschland der deutlich geringere Verwaltungsaufwand. Unser Erstattungssystem verwendet relativ wenige, weit gefasste Leistungscodes. Das geht zwar zulasten der Genauigkeit, vereinfacht aber den Praxisalltag. Routinemäßige prothetische Behandlungen erfordern nicht generell eine Vorabgenehmigung durch einen Heil- und Kostenplan wie in Deutschland.
Die Praxen verfügen zudem über einen erheblichen Ermessensspielraum bei der Preisgestaltung für privat bezahlte oder teilweise erstattete Behandlungen, wobei dies jedoch im Rahmen der tschechischen kostenorientierten Preisbildungsregeln erfolgt und nicht außerhalb der Regulierung.
Meiner Erfahrung nach beschränkt sich der Wettbewerb nicht mehr auf Prag und die Großstädte, er macht sich zunehmend auch in kleineren regionalen Zentren bemerkbar. Ich sehe darin einen Anreiz, die Qualität zu verbessern, in Technologie zu investieren und sich weiterzubilden. Bei Veranstaltungen wie den „Prague Dental Days“ sehe ich Kollegen, die gerne ihre Errungenschaften präsentieren, wie auch jüngere Zahnärzte, die entschlossen sind, dazuzulernen. Das ist ein sehr gesundes Umfeld.
Was kann Deutschland bei der zahnmedizinischen Versorgung von Tschechien lernen?
Vor allem lohnt es sich zu betrachten, was mit weniger Verwaltungsaufwand erreicht werden kann. Ich bewundere die Präzision der deutschen Gebührenermittlung, die detaillierte Klassifizierung der Behandlungen und die daraus resultierenden statistischen Informationen sehr. Davon könnte Tschechien sicherlich lernen. Allerdings verursacht eine detailliertere Aufschlüsselung auch mehr Arbeit, und ich möchte nicht, dass wir jede administrative Finesse eins zu eins übernehmen.
Umgekehrt habe ich aus der Praxis und im Austausch mit Kollegen den Eindruck gewonnen, dass die tschechische Zahnmedizin bei der alltäglichen Nutzung elektronischer Patientenakten und der Praxisverwaltung oft weiter fortgeschritten ist. Ich spreche hier von routinemäßigen Arbeitsabläufen und behaupte nicht, dass in jedem Bereich eine technologische Überlegenheit besteht.
Die ideale Kombination wäre deutsche analytische Präzision gepaart mit tschechischer administrativer Einfachheit. Die Zeit, die man bei der Papierarbeit spart, kann man für die Patientinnen und Patienten, für die berufliche Weiterbildung oder einfach für ein nachhaltigeres Arbeitsleben nutzen.
Was ist schwierig und sollte verbessert werden?
Aus meiner Sicht liegt die zentrale Herausforderung in der regionalen Verteilung der zahnärztlichen Versorgung und nicht einfach in der Gesamtzahl der Zahnärzte im Land. Ich beobachte, dass sich Zahnärzte zunehmend für größere Praxen und Städte entscheiden, in denen sie Geräte, Fachwissen und Personal gemeinsam nutzen können. Meiner Einschätzung nach spielen große Zahnarztketten hier noch eine geringere Rolle als in Deutschland, aber der Trend zu Gemeinschaftspraxen ist eindeutig vorhanden.
Zudem besteht ein Spannungsfeld zwischen einem weitgehend marktorientierten Berufsstand und der Erwartung, dass der Staat jeder kleinen Gemeinde einen Zahnarzt zuweisen sollte. Ich halte eine Rückkehr zu zentral zugewiesenen Praxen nicht für realistisch.
Unser Ziel sollte eine gut zugängliche, qualitativ hochwertige Versorgung in angemessener Entfernung sein – nicht unbedingt eine eigene Praxis in jedem Dorf. Gleichzeitig müssen wir praktische Vorkehrungen für Kinder, ältere Menschen und für Patienten treffen, bei denen eine eingeschränkte Mobilität oder bestimmte Lebensumstände den Zugang zur Versorgung tatsächlich erschweren.
Mit welchen Herausforderungen sind Zahnärzte in Tschechien konfrontiert?
Eine wichtige Herausforderung ist die Gewährleistung einheitlicher Qualifikationsstandards und fairer Bedingungen für die Berufsausübung. Das tschechische Recht erlaubt Zahnärzten, deren Qualifikationen noch nicht vollständig anerkannt sind, befristete Praktika unter fachlicher Aufsicht; manche dauern bis zu drei Jahre. Aus meiner Sicht darf eine solche Trainingskonstellation kein kostengünstiger Schnellzugang zu einer faktisch eigenverantwortlichen Tätigkeit ohne vollständige Zulassung werden. In diesen Konstellationen ist eine echte Betreuung notwendig, und die Patienten dürfen hinsichtlich der Qualifikationen eines Behandlers nicht irregeführt werden. Die Bekämpfung einer rechtswidrigen Ausübung des Zahnarztberufs ist daher ein zentrales Anliegen.
Wir heißen ordnungsgemäß qualifizierte Kollegen aus Ost und West willkommen. Entscheidend ist nicht die Nationalität, sondern das sind vielmehr Kompetenz, Zulassung und Verantwortungsbewusstsein.
Mit welchen Themen befasst sich die Tschechische Zahnärztekammer?
Ein wichtiges Thema ist der rechtliche Rahmen, in dem das zahnärztliche Team arbeiten darf. Zahnhygieniker dürfen in Tschechien per Gesetz bestimmte Tätigkeiten selbstständig ausführen, während andere auf Grundlage der Diagnose und des individuellen Behandlungsplans eines Zahnarztes erfolgen müssen.
Wir vertreten den Standpunkt, dass umfassendere Kompetenzen des Teams die zahnärztliche Versorgung insgesamt stärken. Wir setzen uns für eine auf die jeweiligen Qualifikationen abgestimmte Aufgabenübertragung ein, wobei die Diagnose, die Behandlungsindikationen und die gesamte Behandlungsplanung Aufgabe des Zahnarztes bleiben müssen. Ein zahnärztliches Team unter der Leitung eines Zahnarztes ist unser Leitprinzip.
Die Finanzierung ist ein weiterer wichtiger Schwerpunkt. Im Zuge der diesjährigen Reformen wurden neue Leistungen für moderne Füllungen und endodontische Behandlungen eingeführt. Wir setzen uns weiterhin für eine bessere Kostenerstattung ein, insbesondere bei anspruchsvollen Behandlungen und bei der Versorgung von Kindern. Ich bin optimistisch: Unsere Aufgabe ist es, für weitere Verbesserungen zu sorgen, ohne dabei die berufliche Unabhängigkeit zu opfern oder unnötige Bürokratie zu schaffen.
Das Interview führte Anne Orth.
Zugang zur Gesundheitsversorgung
Das tschechische Gesundheitswesen basiert auf dem Grundsatz der Solidarität. Die Mitgliedschaft in einer gesetzlichen Krankenkasse ist für alle tschechischen Staatsbürger mit ständigem Wohnsitz, berechtigte EU-Bürger und ausländische Beschäftigte tschechischer Arbeitgeber Pflicht. Auch Selbstständige zahlen Beiträge. Für bestimmte Personengruppen übernimmt der Staat die Beiträge, dazu gehören etwa unterhaltsberechtigte Kinder, Studierende bis zum Alter von 26 Jahren, Frauen im Mutterschafts- oder Elternurlaub, Bezieher von Elterngeld, Rentner, Soldaten und Arbeitslose. Auch alle, die sich in Vollzeit um mindestens ein Kind im Alter von bis zu sieben Jahren oder zwei Kinder im Alter von bis zu 15 Jahren kümmern, werden vom Staat versichert.
Der formale Zugang ist insgesamt sehr gut: Laut OECD meldeten nur 0,5 Prozent der Bevölkerung einen ungedeckten medizinischen Bedarf. Fast die gesamte Bevölkerung konnte 2023 innerhalb von 35 Minuten eine Hausärztin oder einen Hausarzt erreichen. Dennoch bestehen Engpässe, besonders in ländlichen Gebieten, Grenzregionen und Teilen Mittelböhmens. Hinzu kommen regionale Unterschiede, ein Ärztemangel in bestimmten Fachgebieten sowie Wartezeiten bei planbaren Behandlungen.
Finanzierung
Die Finanzierung erfolgt überwiegend über die gesetzliche Krankenversicherung. Sieben gesetzliche Krankenkassen ziehen Beiträge ein und schließen Verträge mit den öffentlichen und privaten Leistungserbringern. Die Bürgerinnen und Bürger können ihre Krankenkasse frei wählen. Die größte Kasse versichert mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Das Gesundheitsministerium reguliert das System, während ein Risikostrukturausgleich finanzielle Unterschiede zwischen den Kassen ausgleichen soll.
Die gesetzliche Krankenversicherung finanziert sich über Pflichtbeiträge von Arbeitnehmern, Arbeitgebern und Selbstständigen sowie über staatliche Beiträge für bestimmte Personengruppen. Die Beiträge zur Krankenversicherung betragen grundsätzlich 13,5 Prozent der jeweiligen Bemessungsgrundlage. Bei Angestellten tragen Arbeitnehmer und Arbeitgeber sie gemeinsam (ein Drittel Arbeitnehmer, zwei Drittel Arbeitgeber). Selbstständige zahlen ihre Beiträge selbst; für staatlich Versicherte überweist der Staat festgelegte Beträge.
Die öffentliche und die verpflichtende Finanzierung deckten nach Angabe der Europäischen Beobachtungsstelle für Gesundheitssysteme und -initiativen im Jahr 2024 ungefähr 85 Prozent der Ausgaben. Ergänzende Mittel stammen aus staatlichen, regionalen und kommunalen Haushalten, privaten Direktzahlungen der Haushalte sowie aus EU-Fördermitteln, etwa für Infrastruktur und Digitalisierung. Dazu kommen Mittel aus freiwilligen Zusatzversicherungen, die allerdings nur eine geringe Rolle spielen.
Zahnmedizin in Tschechien
Bevölkerung: 10,75 bis 10,9 Millionen (2026)
8.882 aktive Zahnärztinnen und Zahnärzte verzeichnete die Tschechische Zahnärztekammer Ende 2025. Davon betreuten 790 ein Kind unter vier Jahren. Im Jahr 2015 waren 8.117 aktive Zahnärzte registriert.
Die Zahl der eigenständigen allgemeinen Zahnarztpraxen ging in den vergangenen Jahren leicht zurück: von 6.210 im Jahr 2017 auf 5.593 im Jahr 2024.
Leistungen der Krankenversicherung
Die gesetzliche Krankenversicherung in Tschechien deckt einen großen Teil der medizinisch notwendigen Gesundheitsversorgung ab. Das Grundprinzip: Bei Ärzten und Krankenhäusern, die mit der jeweiligen Krankenkasse einen Vertrag haben, ist die medizinisch notwendige, gesetzlich gedeckte Behandlung grundsätzlich ohne zusätzliche Zahlung erhältlich.
Der Leistungskatalog umfasst unter anderem die haus- und fachärztliche Versorgung, Krankenhausbehandlungen einschließlich notwendiger Arznei- und Hilfsmittel, Vorsorgeuntersuchungen, Schwangerschafts- und Mutterschaftsleistungen sowie die Notfallversorgung. Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt auch zahnmedizinische Grundleistungen, bestimmte medizinische Hilfsmittel sowie die medizinisch verordnete Rehabilitation und Physiotherapie. Arzneimittel werden vollständig oder teilweise erstattet.
Kostenbeteiligung
Eigenanteile fallen vor allem bei nicht oder nur teilweise erstatteten Arzneimitteln, Zahnbehandlungen und Zahnersatz, Medizinprodukten und Hilfsmitteln sowie Zusatzleistungen an. Wer einen Arzt ohne Vertrag mit der eigenen Krankenkasse aufsucht, muss die Kosten selbst tragen. Die Eigenanteile machten im Jahr 2021 etwa 12,7 Prozent der Gesundheitsausgaben aus, wobei 21 Prozent auf die zahnärztliche Versorgung entfielen.
Nach Angaben der WHO waren im Jahr 2023 21 Prozent der Haushalte im ärmsten Fünftel der Bevölkerung durch sehr hohe Gesundheitsausgaben belastet; im Jahr 2018 betraf das lediglich 14 Prozent. Verantwortlich dafür waren hauptsächlich Zuzahlungen für Medikamente. In den anderen Einkommensgruppen sind zahnärztliche Behandlungen der Hauptkostenfaktor, gefolgt von Zuzahlungen für Medikamente.
Zahnärztliche Leistungen
Die zahnärztliche Versorgung erbringen hauptsächlich niedergelassene Zahnärzte. Nur ein geringer Teil der Versorgung erfolgt in öffentlichen Krankenhäusern. Ein Viertel der aktiven Zahnärztinnen und Zahnärzte ist über 60 Jahre alt. Die Leistungen im Rahmen des öffentlichen Gesundheitssystems umfassen die routinemäßige und präventive zahnärztliche Versorgung, bestimmte grundlegende kurative zahnärztliche Behandlungen sowie einige fortgeschrittene kurative Behandlungen.
Freie Arztwahl
Patientinnen und Patienten können ihren Hausarzt und grundsätzlich auch Fachärzte frei wählen. Eine hausärztliche Überweisung ist für viele Facharztbesuche nicht zwingend erforderlich.







