Tacheles-Tage in Kassel
Ich möchte heute einmal Tacheles reden.“ – Mit diesen Worten leitete Dr. Jeannine Bonaventura, stellvertretende Vorsitzende des Freien Verbandes Deutscher Zahnärzte (FVDZ), ihr Statement bei der Hauptversammlung ein. Vor allem ging es darin um die Zukunftsperspektiven des FVDZ, zum Beispiel beim Thema Mitgliedergewinnung: „Ich höre immer wieder Geschichten von jungen Kolleginnen und Kollegen, die bei ihrem ersten Kontakt mit dem Verband erstmal gegen eine Wand laufen. Die das Gefühl bekommen, sie müssten erstmal den Hof fegen, bevor man überhaupt zuhört, was sie zu sagen haben.“
Früher war mehr Kampfverband
Der FVDZ steht aus Bonaventuras Sicht vor der „einfachen, aber unbequemen Frage“, was ihn in Zukunft noch relevant machen soll. Sie nahm vorweg: „Die Antwort kann nicht lauten, weil es uns schon immer gegeben hat. Unsere Geschichte ist wichtig. Aber sie ist kein Argument dafür, dass uns auch in Zukunft jemand braucht.“ Sie beendete ihre Rede mit dem Appell, weibliche Mitglieder im FVDZ stärker zu Wort kommen zu lassen, und pochte darauf, dass der Bundesvorstand die Zukunftsthemen rund um den Berufsnachwuchs festlegt und nicht Kollegen, „die ihre Praxen bereits abgegeben haben“. Dafür erntete Bonaventura Applaus von vielen Delegierten.
„Ich höre immer wieder Geschichten von jungen Kolleginnen und Kollegen, die bei ihrem ersten Kontakt mit dem FVDZ erstmal gegen eine Wand laufen.“
Dr. Jeannine Bonaventura, stellvertretende Vorsitzende des FVDZ
„Es gibt ältere Kolleginnen und Kollegen, die unsere jetzige Linie nicht favorisieren“, beschreibt auch der FVDZ-Vorsitzende Dr. Christian Öttl die Stimmung im Verband. „Wir sind kein Kampfverband mehr, das wird heute nicht mehr goutiert. Es geht darum, durch gute Argumente zu überzeugen.“ Deshalb steht für ihn vor allem auf der Agenda, gegenüber der Politik deutlich zu machen, „dass wir ein Berufsstand mit einer Approbation sind. Dafür müssen wir uns gemeinsam stark machen – egal, in welcher Organisation wir sind“, sagte er am Rande der diesjährigen Hauptversammlung den zm.
„Wir sind kein Kampfverband mehr.“
Dr. Christian Öttl, Vorsitzender des FVDZ
Für Bonaventura steht das Ziel im Mittelpunkt, den FVDZ so in die Zukunft zu führen, dass er die Rahmenbedingungen für Freiberuflichkeit weiterhin mitgestalten kann: „Wir müssen Missstände benennen, Reformen einfordern und auch unbequem sein. Aber wir brauchen realistische Lösungen, anschlussfähige Positionen und keine Fundamentalopposition um ihrer selbst willen. In einer Zeit, in der sich die Politik über andere Sündenböcke freut, ist wenig Platz für politisches Pokern.“
Nach innen kontrovers, nach außen geschlossen
In ihrem Grußwort am ersten Tag der Versammlung würdigte Dr. Romy Ermler, Präsidentin der Bundeszahnärztekammer (BZÄK), dass FVDZ und BZÄK nicht immer einer Meinung seien. Das sei gut so, innerhalb der Zahnärzteschaft brauche es genau diesen offenen Austausch. „Aber“, mahnte sie, „nach außen müssen wir geschlossen auftreten, um unsere Ziele durchzusetzen – denn der Ton im Gesundheitswesen ist rauer geworden.“
Dem stimmte Martin Hendges, Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV), zu. Mit Blick auf das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz sagte er, das Gesetz stelle einen Angriff auf die zahnärztliche Approbation dar, den es mit aller Kraft abzuwehren gelte. „Als Berufsstand Geschlossenheit zu demonstrieren, ist deshalb wichtiger denn je“, unterstrich Hendges.
Unter der Moderation von Jeannine Bonaventura ging es bei einer Podiumsdiskussion, an der neben Ermler und Hendges auch Öttl und die Gesundheitspolitikerin Christine Aschenberg-Dugnus (FDP) teilnahmen, um aktuelle Entwicklungen in der Gesundheitspolitik. „Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz stellt einen Paradigmenwechsel im Gesundheitssystem dar“, so Aschenberg-Dugnus. „Eigentlich sollte es in der Versorgung darum gehen, dass jeder Arzt und jede Ärztin entscheidet, welche notwendigen Behandlungsmaßnahmen ergriffen werden müssen.“ Die nun beschlossene einnahmenorientierte Ausgabenpolitik widerspricht aus ihrer Sicht diesem Grundsatz.
Ermler sprach die zunehmend große Verunsicherung an, die die aktuelle politische Debatte bei vielen jungen Kolleginnen und Kollegen auslöst. „Wenn ich mich niederlassen möchte, dann möchte ich eine gewisse Sicherheit. Das bietet die aktuelle politische Debatte allerdings nicht“, kritisierte die BZÄK-Präsidentin. „Morgens heißt es hü, abends hott: Einmal wird über die Ausgliederung der Zahnmedizin aus der GKV diskutiert, dann wird das duale System infrage gestellt.“ Als Vertreterin der Standespolitik müsse man bei Politikerinnen und Politikern viel Aufklärungsarbeit über die Auswirkungen politischer Entscheidungen in den Zahnarztpraxen leisten.
Im Zusammenhang mit dem Thema Planungssicherheit verwies Hendges erneut auf die Forderung der KZBV, die neue Parodontitisversorgung als Präventionsorientierung und Früherkennungsmaßnahme gesetzlich zu verankern und damit extrabudgetär zu vergüten. In der Diskussion um das duale System positionierte er sich so: „Was wir geschaffen haben, diese Freiheitsgrade in der Kombination von privatzahnärztlichen und GKV-Leistungen ist für mich – trotz der aktuellen Budgetierung – ein Idealmodell.“
Erste FVDZ-Green-Dentistry-Awards vergeben
Im Rahmen der Hauptversammlung in Kassel verlieh der Verband erstmals die FVDZ Green Dentistry Awards. Den ersten Platz in der Kategorie „Soziales Engagement“ belegte Anna-Lena Hillebrecht mit dem Projekt „Special Smiles“. Mithilfe inklusiver sowie barrierefreier Screenings fördert das Projekt die Mundgesundheit von Menschen mit geistiger Behinderung. „Es schafft wissenschaftlich evaluierte Zugänge zur Zahnmedizin für eine Patientengruppe mit erheblichem Versorgungsdefizit und schult gleichzeitig angehendes Fachpersonal im inklusiven Umgang“, begründet der FVDZ die Entscheidung.
In der Kategorie „Ressourcenbewusstsein“ gewann Dr. Sven Molitor mit dem Projekt „Mehrweg statt Einweg“. Das Vorhaben umfasst eine Pilotstudie und ein praxisnahes Konzept zur systematischen Ersetzung von Einwegplastikartikeln durch Mehrwegprodukte bei Routineuntersuchungen. „Das Projekt liefert konkrete, wissenschaftlich quantifizierte Daten zu Einsparpotenzialen von Plastikmüll und CO₂-Emissionen direkt am Behandlungsstuhl für die häufigste Behandlungssituation BEMA 01“, lobte der Verband.
In der Kategorie „Innovation“ überzeugte Dr. Lisa Hezel die Jury mit dem Projekt „Lückenschluss im Versorgungsmangel“. Die Initiative stellt eine digitale Plattform sowie ein Notdienstportal bereit, das freie Behandlungskapazitäten von Praxen sichtbar macht, um Patienten ohne Hauszahnarzt gezielt zu vermitteln. „Das Projekt ist bundesweit einmalig, da es vorhandene Lücken im Versorgungssystem schließt, indem es kurzfristig stornierte Termine ohne aufwendige Bürokratie direkt nutzbar macht“, hob die Jury hervor.
Mit der neuen Auszeichnung möchte der FVDZ zukunftsweisende Projekte, Initiativen und engagierte Persönlichkeiten sichtbar machen. Die Jury bestand aus Zahnärztinnen und Zahnärzten, Forschenden, Studierenden sowie Vertreterinnen und Vertreter der Fachpresse und anderer Verbände.
Weitere Infos: fvdz.de/green-dentistry-award
Diese Anträge befürworteten die Delegierten
Die Hauptversammlung in Kassel sprach sich unter anderem dafür aus, die Parodontitis-Therapie als wichtigen Baustein der zahnärztlichen Prävention gesetzlich und finanziell zu stärken und das duale System zu erhalten. Einstimmig nahm sie eine Resolution an, die die vollständige Aufhebung der Budgetierung für zahnärztliche Leistungen fordert. Die präventionsorientierte Zahnmedizin solle als wesentlicher Stabilitätsfaktor der GKV anerkannt und entsprechend gefördert werden.
Ohne Gegenstimme wurde der Antrag „Wir haben nur eine Approbation! Keine Zersplitterung des zahnärztlichen Berufsstands“ angenommen, der unter anderem fordert, Paragraf 28, Absatz 2, Satz 1 aus dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz zu streichen.




