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Folgeerkrankungen von Übergewicht

Adipositas: Neues Modell sagt Risiko besser vorher als BMI

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Medizin
Das datenbasierte Risikomodell OBSCORE soll bei Menschen mit BMI über 27 das 10-Jahres-Risiko für 18 adipositasassoziierte Folgeerkrankungen besser abschätzen als der BMI allein.

Übergewicht und Adipositas zählen weltweit zu den großen gesundheitlichen Herausforderungen und können mit zahlreichen Folgeerkrankungen einhergehen. Ob und in welcher Schwere solche Komplikationen auftreten, ist jedoch individuell sehr unterschiedlich. Forschende des Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) und der Queen Mary University of London haben nun das Vorhersagemodell OBSCORE entwickelt, das dieses Risiko genauer erfassen soll als der Body-Mass-Index (BMI) allein. Es soll bei Menschen mit Übergewicht oder Adipositas das individuelle Risiko für 18 Folgeerkrankungen abschätzen.

Das Modell namens OBSCORE basiert auf 20 klinisch gut verfügbaren Parametern, darunter Angaben zu Gesundheit und Verhalten, Vorerkrankungen, Medikation und Blutwerte. Entwickelt wurde es anhand von Daten aus der UK Biobank. In die Analyse gingen knapp 200.000 Menschen mit einem BMI über 27 ein – also Personen mit Übergewicht oder Adipositas.

Die Forschenden werteten mithilfe eines Machine-Learning-Verfahrens zunächst mehr als 2.300 allgemeine, lebensstilbezogene, klinische, laborchemische, körperbezogene, molekulare und weitere Gesundheitsindikatoren aus. Daraus leiteten sie ein gemeinsames Modell ab, das das 10-Jahres-Risiko für 18 adipositasassoziierte Komplikationen vorhersagen soll, darunter Typ-2-Diabetes, kardiovaskuläre Erkrankungen, Hypertonie, Schlafapnoe, chronische Nierenerkrankungen, Gicht, Arthropathien und gastroösophageale Refluxkrankheit.

Mundgesundheit: indirekter Bezug über Parodontitis und Diabetes

Parodontitis wurde in der OBSCORE-Studie nicht untersucht. Zahnmedizinisch ist der Ansatz dennoch relevant, weil Adipositas, Typ-2-Diabetes und parodontale Erkrankungen eng miteinander verknüpft sind. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse fand eine signifikante Assoziation zwischen Adipositas und erhöhtem Parodontitisrisiko [Esperouz et al., 2025].

Besonders belastbar ist die Verbindung über Typ-2-Diabetes: Diabetes und Parodontitis gelten als bidirektional verknüpft. Diabetes kann Risiko und Schwere parodontaler Erkrankungen erhöhen; umgekehrt wird Parodontitis mit der glykämischen Kontrolle und diabetesbezogenen Komplikationen in Zusammenhang gebracht [Graves et al., 2026]. Damit sagt OBSCORE zwar nicht direkt etwas über die Mundgesundheit aus. Das Modell berührt aber Risikofaktoren und Folgeerkrankungen, die auch für die parodontale Prävention und eine stärker vernetzte Medizin relevant sind.

Die Studie zeigt, dass der BMI allein das Risiko für Folgeerkrankungen nur unvollständig abbildet. Personen mit dem höchsten vorhergesagten Risiko waren nicht zwangsläufig diejenigen mit dem höchsten BMI. Auch unter Menschen mit BMI 27 bis 30 fand OBSCORE relevante Hochrisikogruppen, bei denen eine Kombination aus metabolischen und klinischen Faktoren auf ein erhöhtes Komplikationsrisiko hinwies.

BMI greift oft zu kurz

Seit Jahrzehnten stützen sich Ärztinnen und Ärzte bei der Beurteilung von Übergewicht, Adipositas und damit verbundenen Gesundheitsrisiken stark auf Körpergewicht und BMI. Der BMI ist einfach zu erheben und weit verbreitet, bildet aber weder die individuelle Stoffwechsellage noch die klinische Heterogenität von Menschen mit erhöhtem Körpergewicht ausreichend ab.

OBSCORE schnitt in der Studie über alle untersuchten Endpunkte besser ab als ein rein BMI-basierter Ansatz. Besonders deutlich war der Unterschied unter anderem bei der Vorhersage von Typ-2-Diabetes und Schlafapnoe. Nach weiterer Validierung und Bewertung der Kosteneffizienz könnten Instrumente wie OBSCORE künftig helfen, Patientinnen und Patienten mit besonders hohem Risiko früher zu erkennen und gezielter einer engmaschigen Überwachung, Lebensstilintervention, medikamentösen Therapie oder anderen Behandlungsansätzen zuzuführen.

Literaturliste

  • Originalpublikation:Demircan, K. et al. Data-driven prioritisation of high-risk individuals for weight loss interventions. Nature Medicine. DOI: 10.1038/s41591-026-04353-2

  • Esperouz F, Ciavarella D, Di Gioia C, Serviddio G, Lorusso M, Lo Russo L. Is Obesity a Risk Factor for Periodontitis? A Systematic Review and Meta-Analysis. Obes Rev. 2026 Feb;27(2):e70020. doi: 10.1111/obr.70020. Epub 2025 Sep 16. PMID: 40955131; PMCID: PMC12812498.

  • Graves DT, Levine MA, Aldosary S, Demmer RT. Understanding the Periodontitis-Diabetes Linkage: Mechanisms and Evidence. J Dent Res. 2026 Jan;105(1):21-30. doi: 10.1177/00220345251388340. Epub 2025 Nov 25. PMID: 41292096; PMCID: PMC12701909.

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