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Hitzedom über Europa

Ärzteschaft und Gesundheitsverbände rufen zu gegenseitigem Schutz auf

mg
Gesellschaft
„Großflächige Hitzewellen bedrohen die Gesundheit sehr vieler Menschen und zählen zu den tödlichsten Extremwetterereignissen überhaupt“, warnen die Bundesärztekammer (BÄK) und die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit KLUG. Sie richten einen dringenden Appell an Politik und Bevölkerung.

In Frankreich werden Höchsttemperaturen von bis zu 45 Grad erwartet. Auch in Deutschland steigen die Temperaturen verbreitet auf 30 bis 38 Grad, örtlich sind bis zu 40 Grad möglich. Der Deutsche Wetterdienst warnt vor extremer Hitze in weiten Teilen Deutschlands. Besonders gefährlich: In vielen Nächten sinken die Temperaturen nicht mehr unter 20 Grad. In solchen sogenannten Tropennächten kann sich der Körper nicht mehr richtig erholen. Der vorläufige Höhepunkt wird voraussichtlich am kommenden Wochenende erreicht. Ob es danach zu einem nennenswerten Temperaturrückgang kommt, ist noch unsicher.

Die aktuelle Lage sei gerade deshalb so riskant, schreiben BÄK und KLUG, weil die hohen Temperaturen anhalten und sich Gebäude, Wohnungen und Praxisräume über die Tage immer weiter aufheizen und nachts kaum noch abkühlen. „Die gesundheitliche Belastung ist daher oft nicht am ersten, sondern erst an den folgenden Tagen am größten. Genau dann, wenn die Aufmerksamkeit nachzulassen droht, steigen die Risiken am stärksten.“ Besonders gefährdet: ältere Menschen, chronisch Kranke, pflegebedürftige und allein lebende Personen, Schwangere und kleine Kinder sowie Menschen, die körperlich im Freien arbeiten.

„Was wir beim Hitzeaktionstag vor wenigen Tagen als Szenario beschrieben haben, ist jetzt Realität. Der Hitzedom über Europa ist keine abstrakte Gefahr mehr – er kostet bereits Menschenleben. Jetzt kommt es auf uns alle an: Achten Sie auf sich und auf Ihre Mitmenschen, und scheuen Sie sich nicht, gefährdete und ältere Menschen aktiv anzusprechen. Hitzeschutz ist in diesen Tagen unmittelbarer Patientenschutz.“

Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer

Jede und jeder Einzelne könne dazu beitragen, die Zunahme hitzebedingter Erkrankungen und Todesfälle zu verringern, heißt es in der gemeinsamen Erklärung weiter. Die Verbände bitten die Bevölkerung:

  • Sehen Sie gezielt nach Alleinstehenden. In der Hitzewelle 2003 in Frankreich starben rund 15.000 überwiegend allein lebende ältere Menschen, um die sich niemand kümmerte. Ein täglicher Anruf oder kurzer Besuch bei allein lebenden Nachbarinnen, Verwandten und Bekannten kann Leben retten.

  • Schützen Sie sich und andere vor Hitze und UV-Strahlung. Kühlen Sie sich bei Bedarf aktiv und unterstützen Sie gefährdete Personen dabei. Viele Menschen sind sich der Gefährdung nicht bewusst.

  • Organisieren Sie Hilfe im Umfeld. Helfen Sie mit, notwendige Hilfestrukturen und Möglichkeiten zur Versorgung für die Dinge des alltäglichen Lebens in Familie, Bekanntenkreis und Nachbarschaft zu organisieren.

Menschen sollten auf Anzeichen von Austrocknung (Exsikkose) achten. „Sie entwickelt sich schleichend und wird gerade bei älteren Menschen häufig zu spät bemerkt. Hinweise sind Schwindel, Verwirrtheit und Schwäche. Wer kann, sollte auf Blutdruck, Körpertemperatur und Körpergewicht beobachten“. Die Menschen sollten Warn-Apps und kühle öffentliche Orte nutzen und im gesundheitlichen Zweifel die ärztliche Bereitschaftsnummer 116117 anrufen. “Im Notfall, etwa bei Bewusstlosigkeit oder Krämpfen wählen Sie sofort die 112."

Wichtig auch: Manche Medikamente können bei Hitze besonders belasten, weil sie den Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt, die Temperaturregulation oder den Kreislauf beeinflussen – etwa entwässernde Mittel, Blutdruckmedikamente, bestimmte Psychopharmaka oder Antidiabetika. „Setzen Sie nichts eigenmächtig ab, sondern lassen Sie Dosierung und Einnahme in Ihrer Praxis prüfen. Lagern Sie temperaturempfindliche Medikamente kühl“, erinnern BÄK und KLUG. Regelmäßiges Trinken, Vermeidung von Mittagshitze, Verschattung und früh morgendliches Lüften der Wohnräume helfen.

„Der Hitzetod kommt meist langsam und still. Deshalb müssen wir in den nächsten Tagen sehr wachsam sein und gefährdete Menschen schützen. Spätestens nach dieser Extremhitzewelle müssen wir uns zusammensetzen und klar benennen, welche Maßnahmen auch kurzfristig nötig sind, um deutlich besser gerüstet zu sein.“

Dr. Martin Herrmann, Vorsitzender der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG)

Individuelle Vorsorge ist wichtig, reicht aber nicht aus, argumentieren BÄK und KLUG. Großflächige Hitzewellen erforderten stattdessen entschlossenes Handeln auf allen Ebenen. Aus Sicht der Verbände muss das Gesundheits- und Sozialwesen dabei konsequent einbezogen werden. Und zwei Punkte seien zentral: eine gesicherte, langfristige Finanzierung und ein flächendeckendes ärztliches und pflegerisches Primärversorgungssystem. Dieses erreiche die am stärksten Gefährdeten und sei die Grundlage eines krisenresilienten Gesundheitssystems.

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