Geschlechterspezifische Unterschiede oraler Erkrankungen
Für eine große retrospektive Querschnittsstudie werteten Forschende elektronische Gesundheitsdaten aus zwei US-amerikanischen Datenbanken aus: dem All of Us Research Program mit 254.700 Erwachsenen und dem BigMouth Dental Data Repository mit rund 4,7 Millionen Datensätzen. Insgesamt verglichen sie die Häufigkeit von mehr als 200 dentalen, oralen und kraniofazialen Erkrankungen und Befunden bei Frauen und Männern.
Im All of Us-Datensatz zeigten 61 von 87 auswertbaren Erkrankungen und Befunden signifikante Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Davon waren 33 stärker mit Frauen und 28 stärker mit Männern assoziiert. In der BigMouth-Datenbank fanden die Forschenden bei 90 von 230 untersuchten Befunden entsprechende Unterschiede – hier entfielen 87 auf Frauen und lediglich drei auf Männer.
Woran mehr Frauen erkranken – und woran mehr Männer
Besonders aufschlussreich ist der direkte Vergleich: Für 20 Diagnosen beziehungsweise Befunde verwendeten beide Datenbanken übereinstimmende Begriffe. Bei zwölf zeigte sich dieselbe Richtung der Geschlechtsassoziation, bei acht dagegen ein gegensätzliches Bild. Zu den widersprüchlichen Befunden gehörten unter anderem bestimmte Formen der Parodontitis sowie auch Abrasion und Attrition.
Deutlich übereinstimmender waren die Ergebnisse bei anderen Erkrankungen. Xerostomie war in beiden Datenbanken klar stärker mit dem weiblichen Geschlecht assoziiert, maligne Erkrankungen der Mundhöhle dagegen mit dem männlichen. Auch bei Zahnabszessen, reversibler Pulpitis sowie symptomatischer und asymptomatischer apikaler Parodontitis zeigte sich jeweils eine stärkere Assoziation mit Frauen. Gleiches galt für Karies insgesamt, Mundulzerationen und Störungen des Zahndurchbruchs.
Ein besonders uneinheitliches Bild ergab sich bei parodontalen Erkrankungen. Während etwa die generalisierte moderate und die lokalisierte chronische Parodontitis in All of Us stärker mit Männern verbunden waren, zeigten dieselben Diagnosen in BigMouth eine Assoziation mit Frauen. Chronische Parodontitis wiederum war in beiden Datenbanken häufiger mit dem weiblichen Geschlecht assoziiert. Die Autoren weisen darauf hin, dass sich die beiden Datenbanken hinsichtlich Zusammensetzung, Datenquelle und verwendeter Diagnosebegriffe deutlich unterscheiden.
Was erklärt die Unterschiede?
Als mögliche Erklärungen diskutieren die Forschenden sowohl biologische und immunologische als auch verhaltensbezogene Faktoren. Frühere Untersuchungen weisen etwa auf geschlechtsspezifische Unterschiede des oralen Mikrobioms und der Immunantwort hin. Bei Männern wurde unter anderem eine höhere Anzahl von Prevotella intermedia sowie eine stärkere Entzündungsreaktion auf Verletzungen und mikrobielle Erreger beschrieben. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass Männer ihrer Mundgesundheit im Durchschnitt weniger Priorität einräumen.
Bei Frauen könnten wiederum hormonelle Einflüsse, etwa während Schwangerschaft oder Menstruationszyklus, sowie Unterschiede der angeborenen und adaptiven Immunantwort eine Rolle spielen. Diese Mechanismen können die in der aktuellen Studie beobachteten Zusammenhänge jedoch nicht beweisen.
Die Autoren sehen ihre Ergebnisse deshalb vor allem als Hinweis darauf, das biologische Geschlecht in der Mundgesundheitsforschung stärker zu berücksichtigen. Bevor sich daraus Konsequenzen für Prävention, Diagnostik oder Therapie ableiten lassen, seien Untersuchungen in weiteren Populationen erforderlich.
Fetchko E, Sangalli L, Letra A. Examining Electronic Health Records to Investigate Sex Differences in Oral Diseases and Conditions. Clin Exp Dent Res. 2026 Oct;12(5):e70455. doi: 10.1002/cre2.70455. PMID: 42709938; PMCID: PMC13552865.


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