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So arbeiten gewerbliche Aligner-Start-ups!

mg
Gesellschaft
Gerade Zähne für wenig Geld – damit werben Aligner-Start-ups in Castingshows und sozialen Netzwerken. Dabei werden medizinische Standards unterschritten, berichtet der NDR und zeigt mögliche Komplikationen.

„Was diese Unternehmen machen, hat nichts mit Zahnmedizin zu tun”, kommentiert Dr. Ralf Hausweiler, Präsident der Zahnärztekammer Nordrhein den Mitte Dezember 2021 ausgestrahlten Bericht des NDR-Formats Markt. Darin bewertet die Hamburger Kieferorthopädin Dr. Luzie Braun-Durlak für die Journalisten die Behandlungspläne der drei Anbieter SmileDirectClub, DrSmile und PlusDental – und fällt abschließend ein vernichtendes Urteil: „Ich bin geschockt.”

Schauen Sie das Video, das bei YouTube und bis 13.12.2022in der NDR-Mediathekverfügbar ist.

Der Bericht deckt dabei stichprobenartig die Unstimmigkeit zwischen den Werbeversprechen der Anbieter und deren Diagnose- und Behandlungsqualität auf: Mit der günstigen Fern-Behandlung und Verlaufskontrollen via Internetkommunikation könne jede Fehlstellung leicht korrigiert werden, lautet unisono die Botschaft der Anbieter. Dagegen spricht Braun-Durlak in dem Bericht von mindestens einem Neupatienten pro Woche, der ihre Praxis aufsucht, um Schmerzen oder sonstige Beeinträchtigungen beheben zu lassen, die durch die Behandlungen bei einem der Start-ups aufgetreten seien.

Bei einem Anbieter macht ein ZahnArzt die Erstuntersuchung

Dann unterziehen die Journalisten und die Kieferorthopädin die Anbieter einem verdeckten Test. Sie besuchen mit einer NDR-Journalistin als Lockvogel-Patientin von SmileDirectClub, DrSmile und PlusDental angemietete Räume in Zahnarztpraxen zum Ersttermin. Ergebnis: Alle Anbieter verzichten auf eine Röntgenaufnahme. Zweimal führen ZFA den Intraoralscan allein durch. Nur bei PlusDental erfolgt die Erstuntersuchung durch einen Zahnarzt.

Braun-Durlaks Bewertung der anschließend zugesandten digitalen – und zwischen 1.650 und 2.490 Euro teuren – Behandlungspläne ist ernüchternd. Zwei der drei Pläne hält die Fachfrau für unrealistisch, beim dritten erscheint es ihr machbar, dass das Diastema der Patientin geschlossen wird – allerdings nur, wenn an anderer Stelle im Zahnbogen eine Lücke entsteht. Immerhin: Des war von PlusDental im Vorgespräch so auch angedeutet worden.

Auf Nachfragen des NDR erklärte SmileDirectClub, die Behandlungspläne würden in einem zentralen Labor in Costa Rica erstellt und von "einem Smiles of Germany-Zahnarzt ausgewertet, geprüft und freigegeben". Röntgenbilder würden nur angefertigt, „wenn dieses vom behandelnden Zahnarzt für erforderlich erachtet wird” und eine medizinische Einschätzung sei immer subjektiv und obliege dem Behandler.

DrSmile entgegnete auf die Kritik am Niveau von Erstuntersuchung und Behandlungsplan, es erfolge stets auch eine persönliche Kontrolluntersuchung, soweit dies im Einzelfall mal nicht stattfinden würde, hätte der Patient im Vorfeld erklärt, kein weiteres Interesse mehr an einer Behandlung zu haben. Und: „Die Behandlungsplanung entspricht immer dem individuellen Erfahrungsschatz des Behandlers, dessen berufliche Eigenständigkeit wir natürlich respektieren.” PlusDental wiederum wies lediglich darauf hin, dass in einem Intervall von 6 bis 8 Wochen eine Verlaufskontrolle durch eine Zahnärztin/einen Zahnarzt erfolge.

Erstuntersuchung in der Abstellkammer

Vom NDR zurate gezogene Experten wie Prof. Peter Proff, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie (DGKFO) und Konstantin von Laffert, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) stellen diese Rückmeldungen nicht zufrieden — und Braun-Durlaks Fazit lässt keinen Interpretationsspielraum. „Ich bin geschockt”, sagt sie. „Geschockt, was mit Menschen gemacht wird, wie mit diesem sensiblen Kausystem und der Gesundheit von Menschen umgegangen wird.”

Nicht weniger irritiert war die Kieferorthopädin in der Vergangenheit, als sie selbst einmal Kontakt mit einem Mitarbeiter von SmileDirectClub hatte, der ihr anbot, einen Raum ihrer Praxis für die Ersttermine des Unternehmens zu mieten. „Es wurde gleich gesagt, [...] das kann auch eine Abstellkammer sein.”

Zahnheilkunde gehört nicht in einen Kiosk

Die Idee: in diesem Raum sollte eine von SmileDirectClub bezahlte ZFA an einem vom Unternehmen gestellten Intraoralscanner allein arbeiten. Untersuchungen oder eine sonstige Mitarbeit Braun-Durlaks seien bei den Erstterminen der Kunden nicht nötig, hieß es ihrer Darstellung nach. Sie werde da nicht gebraucht, aber wenn sie wollte, könnte sie "mal reinkommen und Hallo sagen".

Nach Auffassung der Zahnärztekammer Nordrhein – die erneut vor gewerblichen Aligner-Start-ups warnt – dürfte das Angebot von zahnärztlichen Leistungen in dieser Form überhaupt nicht existieren. „Wir benötigen klare gesetzliche Vorgaben auf Bundesebene, damit nicht berufsfremde Dritte Zahnheilkunde anbieten”, forderte Hausweiler, „denn Zahnheilkunde gehört nicht in einen Kiosk.”

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