PFAS in Einweggeschirr

Steckt in Ihren Pappbechern die Chemikalie für die Ewigkeit?

mg
Praxis
Nach dem Bann für Wegwerfgeschirr aus Kunststoff setzt die Welt auf Produkte aus Papier. Der Müll bleibt, PFAS kommt. Ob Ihre Becher mit den schädlichen Chemikalien beschichtet sind, zeigt ein einfacher Test.

Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) sind Industriechemikalien, die seit Mitte des 20. Jahrhunderts hergestellt und aufgrund ihrer besonderen technischen Eigenschaften (wasser-, fett- und schmutzabweisend) in vielen industriellen Prozessen und Verbraucherprodukten eingesetzt werden. Sie finden sich nicht nur in Textilien, Antihaft-Pfannen, Elektronikgeräten und Kosmetika, sondern werden auch zur Oberflächenbehandlung von Metallen, Kunststoffen und Papier verwendet, teilt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) mit.

Ob ein Produkt PFAS enthält, lässt sich in der Regel nicht erkennen, da es in den meisten Produktbereichen keine Kennzeichnungspflicht für diese Chemikalien gibt, meldet die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Das Problem: Sie reichern sich in Umwelt, Mensch und Tier an, weshalb sie auch „Ewigkeits-Chemikalien“ genannt werden. Wer das soweit wie möglich reduzieren möchte, dem geben die Verbraucherschützer folgende Tipps:

  • Hersteller werben häufig mit „PFOA/PFOS-frei“ oder „GenX-frei“. Das bedeutet jedoch nur, dass bestimmte Einzelsubstanzen nicht enthalten sind, da deren Einsatz mittlerweile ohnehin verboten ist. Die Werbung ist somit häufig ein Hinweis darauf, dass das Produkt PFAS enthält.

  • Allein Werbeaussagen wie „Frei von PFAS“, „frei von PFC“ oder „fluorfrei“ umfassen tatsächlich die gesamte Stoffgruppe mit ihren mehr als 10.000 Mitgliedern. Wenn mit solchen Aussagen geworben wird, sollte das Produkt tatsächlich PFAS-frei sein.

  • PFAS sind meistens drin, wenn Geschirr mit Antihaftbeschichtungen beworben wird. Als Beschichtungsmaterial wird dabei unter anderem PTFE (Polytetrafluorethylen) eingesetzt.

  • Begriffe wie „wasser-„ oder “ölabweisend“ können Hinweise darauf sein, dass PFAS verwendet wurden.

Achtung, wenn Produkte über ungewöhnliche Materialeigenschaften verfügen. Hier kommen Papier, Pappe oder Bagasse ins Spiel – denn die Materialien saugen normalerweise allesamt Wasser und Fett auf. Darum gilt: „Wenn Öl auf der Oberfläche dieser Materialien runde Tropfen bildet, dann kann dies ein Hinweis auf den Einsatz von PFAS sein“, so die Verbraucherzentrale.

Ein Tropfen Wasser und Öl reicht für den PFAS-Nachweis

Auch das Institut für Bedarfsgegenstände Lüneburg (IfB), das eigens ein Testverfahren zum Nachweis von PFAS entwickelt hat, empfiehlt Verbauchern den Öltropfen-Test. „Aufwendige Messtechnik ist nur für die rechtliche Absicherung erforderlich. Ein Tropfen Wasser und (Speise-)Öl sind ausreichend, um PFAS in Papier auf die Schliche zu kommen“, schreibt die Behörde. Bilden sowohl Wasser als auch Öl eine beständige Perle auf dem Papier, sei „mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass PFAS eingesetzt wurden". Und tatsächlich: 2024 untersuchte das IfB Lüneburg 40 Proben aus Papier und Bagasse. Jene 20 Produkte, die beim Öltropfen-Tets auffielen, enthielten laut Labor-Analyse PFAS.

Gift für die Ewigkeit

PFAS sind chemisch und physikalisch sehr stabil und können durch natürliche Abbaumechanismen kaum gespalten werden. Sie sind mittlerweile weltweit in Gewässern, Böden, Pflanzen und Tieren nachweisbar und damit auch in unsere Nahrungskette gelangt. Die Bevölkerung nimmt PFAS über unterschiedliche Lebensmittelgruppen auf: Relevant sind Trinkwasser, Fische und Meeresfrüchte, aber auch Milch und Milchprodukte, Fleisch, Eier und pflanzliche Lebensmittel können ebenfalls messbare Gehalte an PFAS aufweisen.

Im menschlichen Körper findet nach bisherigen Beobachtungen eine Bioakkumulation statt. Teilweise werden PFAS unverändert ausgeschieden oder aber zu anderen PFAS, beispielsweise Perfluoralkylsäuren (PFAA), verstoffwechselt. Diese PFAA stellen eine „Endstufe“ des Abbaus von PFAS im Stoffwechsel dar. Studien geben Hinweise auf Zusammenhänge zwischen Gehalten bestimmter PFAS im Blutserum und dem Auftreten möglicherweise gesundheitlich relevanter Veränderungen, schreibt das BfR, etwa eine geringere Bildung von Antikörpern nach üblichen Impfungen, erhöhte Cholesterinspiegel und niedrigere Geburtsgewichte. Aus Tierversuchen ist zudem bekannt, dass viele PFAS die Leber schädigen, einige wirken außerdem entwicklungstoxisch und können den Fettstoffwechsel, die Schilddrüsenhormonspiegel und das Immunsystem beeinträchtigen. Ob ein erhöhtes Krebsrisiko für den Menschen im Zusammenhang mit einer PFAS-Exposition besteht, kann laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) derzeit nicht eindeutig belegt werden.

Auch in Zahnseide wird weiterhin PFAS eingesetzt. Das zeigte Anfang 2024 ein stichprobenartiger Labortest von sieben Produkten bekannter Hersteller, den der BUND von einem unabhängigen Labor durchführen ließ (zm berichtete, siehe bit.ly/Zahnseide_PFAS). Ergebnis: Zwei der getesteten Produkte enthielten das Polymer Polytetrafluorethylen (PTFE), bekannt unter dem Markennamen „Teflon“. Besorgniserregend sei, dass in der Eigenmarke der Drogeriemarktkette Budni neben dem PTFE die giftige Perfluoroctansäure (PFOA) nachgewiesen wurde. PFOA ist in der Europäischen Union wegen seiner gesundheitsschädlichen Eigenschaften bereits weitgehend verboten. Laut BUND gilt dies jedoch für wenige der rund 10.000 PFAS-Einzelverbindungen. Sie seien wenig erforscht und nicht reguliert.

Das könnte sich ändern: Im Januar 2023 hatte Deutschland gemeinsam mit Dänemark, den Niederlanden, Norwegen und Schweden bei der EU-Chemikalienagentur ECHA den Vorschlag eingereicht, PFAS in der EU zu verbieten. Das Verfahren läuft noch. Innerhalb der Anhörungsfrist gingen 5.600 Stellungnahmen ein, die nun jetzt gesichtet wurden. Nun sollen zwei wissenschaftliche Ausschüsse der EU die vorgeschlagene Beschränkung sowie die Stellungnahmen in drei Schritten bewerten. Im März 2024 wurden die Bereiche Verbrauchermischungen, Kosmetika und Skiwachs behandelt, im Juni 2024 geht es um Metallprodukte und im September 2024 um Textilien, Polster, Leder, Bekleidung, Teppiche und Materialien, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen. Eine Entscheidung über das PFAS-Verbot wird für 2025 erwartet – etwa 60 Jahre nachdem der Hersteller DuPont entdeckte, dass die Stoffe bei Ratten die Leber vergrößerten und sich im Blut der Mitarbeitenden anreicherten.

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