foodwatch kritisiert Grundsatzvereinbarung

Lebensmittelindustrie soll Zucker, Fett und Salz reduzieren - freiwillig

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner hat eine Grundsatzvereinbarung mit Wirtschaftsverbänden unterzeichnet. Darin heißt es, dass die Industrie, den Gehalt an Zucker, Fetten und Salz "senken will."

43 Prozent der Frauen, 62 Prozent der Männer und 15 Prozent der Kinder sind in Deutschland laut Bundesernährungsministerium übergewichtig. Dennoch setzt Ministerin Klöckner weiter auf freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie, um den Gehalt an Zucker, Fetten und Salz in Fertiggerichten zu senken. Adobe Stock/Angela Rohde

In einer Pressemitteilung aus dem Bundesernährungsministerium heißt es: "Weniger Zucker, Fette und Salz in Fertiglebensmitteln ist das Ziel der Reduktions- und Innovationsstrategie von Ernährungsministerin Julia Klöckner." Sie sei "konsequent in mehreren Runden Tischen mit Wirtschaft, Wissenschaft, Gesundheits- und Verbraucherseite das Thema angegangen". Ein wichtiges Zwischenziel sei nun die Grundsatzvereinbarung, die die Ministerin mit der Ernährungswirtschaft schriftlich geschlossen und unterzeichnet habe - "eine Vereinbarung, die es bisher so noch nicht gegeben hat".

Der Blick in die Grundsatzvereinbarung zeigt jedoch, dass sich "die teilnehmenden Wirtschaftsverbände" dazu bereit erklärt haben, "Maßnahmen und Ziele zur Reduktion von Zucker, Fetten und Salz in Fertigprodukten festzulegen", die "bis zum Jahresende konkretisiert werden".

Klöckner: "Unsere Vereinbarung für weniger Zucker, Fett und Salz in Fertignahrungsmitteln ist ein wichtiger Schritt, den es so noch nicht gegeben hat!"

Weiter soll es Ziel der Maßnahme sein, auf "freiwilliger Basis eine möglichst breite Mitwirkung der Wirtschaftsunternehmen zu erreichen". So sei es laut Grundsatzvereinbarung eine "Unternehmensentscheidung, welche der konkreten Maßnahmen, die in branchenbezogenen Prozess- und Zielvereinbarungen zu formulieren sind, umgesetzt werden und somit den Unternehmen überlassen bleibt." Dafür sollen die Unternehmen bis zum Jahr 2025 Zeit bekommen.

Zum Hintergrund:

Im Koalitionsvertrag wurde das Ziel festgehalten, für die Nationale Reduktionsstrategie für Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten 2018 gemeinsam mit den Beteiligten ein Konzept zu erarbeiten und dies mit wissenschaftlich fundierten, verbindlichen Zielmarken und einem konkreten Zeitplan zu versehen. Dazu wurde im Rahmen von drei Runden Tischen gemeinsam mit den Beteiligten das weitere Vorgehen abgestimmt. Im Rahmen des dritten Runden Tisches kam es zur Unterzeichnung der Grundsatzvereinbarung zwischen der Bundesernährungsministerin und den Wirtschaftsverbänden.

In den kommenden Wochen und Monaten sollen laut Bundesernährungsministerium nun diese "konkrete branchen- beziehungsweise produktbezogene Prozess- und Zielvereinbarungen" folgen. Bis Ende des Jahres soll "ein gemeinsam abgestimmtes Konzept" vorliegen.

foodwatch geht das jedoch nicht weit genug - die Verbraucherorganisation hat die Grundsatzvereinbarung scharf kritisiert: Statt die Industrie endlich in die Pflicht zu nehmen, setze die Ministerin nur auf Freiwilligkeit. Ein solcher "Kuschelkurs mit der Lebensmittelwirtschaft" sei zum Scheitern verurteilt, so foodwatch.

foodwatch: "Kuschelkurs mit der Lebensmittelwirtschaft"

"Es ist geradezu lächerlich, was Frau Klöckner als großen Wurf verkauft", kritisierte Luise Molling von foodwatch. "Offenbar denkt die Ministerin, sie muss nur möglichst dünne Strategiepapiere vorlegen und die Menschen nehmen automatisch ab. Die sogenannte Grundsatzvereinbarung überlässt es den Unternehmen selbst, welche Zielvorgaben sie sich setzen, um eine gesunde Ernährung zu fördern." Klöckner schlage sich auf die Seite der Zucker-Lobby, so der Vorwurf der Verbraucherorganisation.

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Auch ignoriere Klöckner die Erfahrungen aus anderen Ländern, so foodwatch. So sei in den Niederlanden ein ähnliches angelegtes Programm zur freiwilligen Zuckerreduktion gescheitert, wie das offizielle Monitoring der obersten staatlichen Gesundheitsbehörde gezeigt habe. Der Zuckergehalt aller untersuchten Produktgruppen blieb dort im Zeitraum 2011 bis 2016 unverändert.

 

Verbot von Zuckerzusatz in Baby- und Kindertees

Bei der Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern will Klöckner auch "regulatorisch tätig" werden, heißt es aus dem Bundesernährungsministerium. Bis Ende 2019 soll die sogenannte Diätverordnung geändert werden.

Dabei geht es um ein Verbot von zugesetztem Zucker und süßenden Zutaten (z.B. Stevia, Maltulose, Isomaltulose oder auch Dextrose) in Säuglings- und Kindertees sowie ein Verbot von zugesetztem Zucker und süßenden Zutaten in Kindermilchen. Laut Diätverordnung bezieht sich der Begriff "Säugling" auf Kinder bis zum ersten Lebensjahr. "Kinder" meint Kinder zwischen einem und drei Jahren.

Das geplante Verbot von Zuckerzusatz in Baby- und Kindertees sei jedoch "ein Papiertiger", kritisiert foodwatch. Aktuellen foodwatch-Recherchen zufolge würde diese Regelung nur etwa eine Handvoll Produkte aus dem Einzelhandel betreffen.

"Die Hersteller gezuckerter Babytees hatten bereits vor Jahren aufgrund von Kritik Rezepturen geändert und Produkte vom Markt genommen. Wie viele Produkte vom geplanten Verbot vom Zuckerzusatz in Kindermilch wären, lässt sich noch nicht bewerten. Eine Anfrage dazu beim Bundesernährungsministerium blieb bislang unbeantwortet", so foodwatch.

35 Kilogramm Zucker essen die Deutschen pro Jahr und Kopf – mehr als doppelt so viel wie von der WHO empfohlen. Der Wert bildet jedoch nur den Konsum von Haushaltszucker ab. Hinzu kommt ein steigender Verbrauch von Mono- und Disacchariden, die Lebensmitteln zugesetzt werden – und zunehmend zum Problem werden.

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