Lapislazuli im Konkrement

Was Zahnstein über das Leben einer Nonne aus dem Mittelalter verrät

Forscher des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena konnten aus dem Zahnstein einer im Mittelalter verstorbenen Nonne Rückschlüsse auf ihr Leben ziehen: Lapislazuli im Konkrement legt nahe, dass die Frau eine versierte Illustratorin von Manuskripten war.

Im Rahmen einer Studie zur Zahnstein-Analyse untersuchten die Wissenschaftler die Überreste von Individuen, die auf einem mittelalterlichen Friedhof eines Frauenklosters in Dalheim begraben waren. Und stießen auf einen überraschenden Fund: In dem Zahnstein einer verstorbenen Nonne waren zahlreiche blaue Pigment-Partikel eingebettet!

Ein bemerkenswerter Befund: blaue Partikel im Zahnstein

Analysen mithilfe verschiedener spektrografischer Methoden - darunter energiedispersive Röntgenspektroskopie (SEM-EDS) und Mikro-Raman-Spektroskopie - ergaben, dass das blaue Pigment aus Lapislazuli hergestellt wurde.

Als die Frau um 1000 bis 1200 nach Christus starb, war sie zwischen 45 und 60 Jahre alt. Ihr Skelett wies keine besonderen krankheitsbedingten Veränderungen, Anzeichen von Verletzungen oder Infektionen auf.

Sie leckte die Pinselspitze an

Die Forscher spielten viele Szenarien durch, wie das Mineral in den Zahnstein der Frau gelangt sein könnte. Am Wahrscheinlichsten: Sie selbst malte mit dem Pigment und leckte die Pinselspitze beim Arbeiten immer wieder an. Ultramarinpigmente aus Lapislazuli wurden, ebenso wie Gold und Silber, ausschließlich zur Illustration der luxuriösesten Handschriften verwendet.

"Nur wer über herausragende Fähigkeiten verfügte, wurde mit seiner Verwendung beauftragt", sagt Alison Beach von der Ohio State University, die als Historikerin an dem Projekt mitwirkte.

Ein Pigment - früher so selten und wertvoll wie Gold

Die Entdeckung eines so wertvollen Pigments, das aus einer so frühen Zeit wie dem 11. Jahrhundert stammt, im Mund einer Frau, die in einer entlegenen Gegend lebte, ist beispiellos: Zwar war Deutschland zu dieser Zeit bekanntermaßen ein aktives Zentrum der Buchproduktion, gleichwohl war es bislang besonders schwierig, den Beitrag von Frauen zu identifizieren.

Als Zeichen der Frömmigkeit verzichteten viele mittelalterliche Schreiber und Illustratoren auf eine Signatur ihrer Werke - eine Praxis, die besonders für Frauen galt. Die geringe Sichtbarkeit des Beitrags von Frauen an der Herstellung der Bilderhandschriften hat verbreitet zu der Annahme geführt, dass Frauen hierbei kaum eine Rolle spielten.

Bildillustrator: offenbar auch damals ein Beruf für Frauen

"Wir haben hier den direkten Beleg für eine Frau, die nicht nur malte, sondern dies darüber hinaus mit einem äußerst seltenen und wertvollen Pigment tat und das an einem sehr abgelegenen Ort", erklärt Studienleiterin Christina Warinner vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte.

Im Mittelalter waren in Europa die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben sowie die Erstellung von Handschriften weitgehend das Metier religiöser Institutionen. In Klöstern wurden reich illustrierte Manuskripte für die Mitglieder religiöser Einrichtungen und des Adels erstellt. Einige dieser Handschriften wurden mit luxuriösen Farben und Pigmenten verziert, darunter Goldblatt und Ultramarin, ein seltenes und wertvolles blaues Pigment aus Lapislazuli-Stein.

Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena

Den Forschern zufolge war die Frau in ein riesiges globales Handelsnetz eingebunden, das sich von den Minen Afghanistans bis zu den Handelsmetropolen des islamischen Ägypten und des byzantinischen Konstantinopels erstreckte. "Die wachsende Wirtschaft des 11. Jahrhunderts in Europa beflügelte die Nachfrage nach dem kostbaren und exquisiten Pigment, das Tausende von Meilen mit Handelskarawanen und Schiffen zurücklegte, um dem kreativen Streben dieser Künstlerin zu dienen", erklärt Ko-Autor Michael McCormick, Historiker an der Universität Harvard.

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